3. April 2040, 16:03 Uhr
Auf dem HoloScreen an der Ostwand lief wieder einmal eine Wetterkatastrophe.
Über den halbtransparenten Bildern einer überfluteten Küstenstadt schwebten Karten, Pegelstände und animierte Strömungsmodelle. Eine Reporterin stand bis zu den Knien in braunem Wasser und erklärte, weshalb die Schutzanlagen diesmal nicht versagt hätten, sondern lediglich für ein Klima berechnet worden seien, das nicht mehr existierte.
Nana hatte den Ton weit genug heruntergeregelt, dass die Katastrophe den Raum nicht vollständig beherrschte. Ganz ausblenden ließ sie sich nicht. Hinter der Reporterin trieben Möbelstücke durch eine Straße, während am unteren Rand des Bildes die Außentemperatur für Glinde eingeblendet wurde:
26,1 Grad Celsius.
Am dritten April.
Durch die geöffnete Terrassentür drang warme Luft ins Wohnzimmer. Sie roch nach trockenem Holz, erwachender Erde und einem Frühling, der sich benahm, als hätte er den Sommer übersprungen.
Das iCom über dem offenen Essbereich meldete sich mit Kasandras Stimme.
„Nana?“
Nana hob den Kopf, obwohl Kasandra sie über das Haussystem ohnehin nicht sehen musste.
„Ja?“
„Hast du die Gartenbefeuchtung schon an das aktuelle Wetter angepasst?“
Nana sah durch die Terrassentür hinaus. Der Rasen zeigte bereits erste helle Stellen. Die Büsche entlang der Grundstücksgrenze standen ungewöhnlich früh in voller Blüte, als hätten auch sie beschlossen, sich von den Jahreszeiten nicht länger Vorschriften machen zu lassen.
„Noch nicht“, sagte sie.
„Kannst du die HomeAI bitte fragen, ob die alte April-Konfiguration überhaupt noch sinnvoll ist? Laut Prognose bleibt es bis Dienstag über fünfundzwanzig Grad.“
„Ich frage sie.“
„Und bitte nicht einfach alles doppelt so lange laufen lassen. Der Speicher ist nur bei vierundsechzig Prozent.“
„Ja, Kasandra.“
„Ich sage es nur, weil—“
Die Terrassentür flog weiter auf.
Adi’ra kam herein, ging an dem großen Esstisch vorbei, ließ sich Nana gegenüber auf die Ledercouch fallen und sagte ohne jede Einleitung:
„Wir haben gerade im Van die Bettwäsche geprüft. Die muss heute noch gewaschen werden.“
Für einen Moment blieb es still.
Auf dem HoloScreen brach hinter der Reporterin ein Teil einer Hausfassade ins Wasser.
Nana hob eine Hand.
„Ah.“
Adi’ra wartete.
„Wie Mom gesagt hätte: typisch.“
„Was ist typisch?“
„Reinplatzen und direkt Anweisungen verteilen.“ Nana griff nach ihrer Tasse. „Fast wie dein Vater.“
„Das war keine Anweisung.“
„Natürlich nicht.“
„Es war eine Zustandsmeldung mit daraus ableitbarem Handlungsbedarf.“
„Natürlich.“
Aus dem iCom kam ein leises Geräusch, das verdächtig nach einem unterdrückten Lachen klang.
Adi’ra blickte nach oben.
„Kasandra?“
„Ich aktualisiere Karten.“
„Du hörst zu.“
„Das iCom war noch offen.“
„Dann schließ es.“
„Gleich.“
Nana stellte ihre Tasse auf den dunklen Wohnzimmertisch.
„Und ja, ich weiß, dass nicht ich die Wäsche waschen soll. Ich kann dir aber helfen, sie aus dem Van zu holen.“
Adi’ra nickte.
„Gut. Wir müssen sie sowieso noch—“
Nana hob erneut die Hand.
Diesmal sagte sie nichts.
Adi’ra wartete einen Moment.
„Was?“
Nana sah dey mit aufgerissenen Augen an.
„Oh.“
„Was, oh?“
„Jetzt merke ich es.“
„Was merkst du?“
„Zum zweiten Mal.“
Adi’ra runzelte die Stirn.
Nana zeigte mit dem Zeigefinger auf dey.
„Du sagst wir. Nicht ich.“
„Wir haben die Bettwäsche geprüft.“
„Du warst allein im Van.“
„Kasandra hat den Bordcomputer aktualisiert.“
„Kasandra sitzt oben und sucht in Griechenland nach Orten, an denen ihr euch wieder verlaufen könnt.“
Aus dem iCom kam Kasandras Stimme:
„Wir verlaufen uns nicht.“
Nana blickte zur Decke.
„Ihr entdeckt unbeabsichtigt alternative Routen.“
„Exakt“, sagte Kasandra.
Adi’ra lehnte sich zurück.
„Trotzdem war sie beteiligt.“
„An den Karten“, sagte Nana. „Nicht an der Bettwäsche.“
„Die Bettwäsche befindet sich im Camper. Der Camper ist Teil der Reisevorbereitung. Die Reisevorbereitung ist ein gemeinsamer Prozess.“
„Dann hat Kasandra die Bettwäsche also metaphysisch mitgeprüft.“
„So würde ich es nicht formulieren.“
„Aber du würdest es auch nicht vollständig ausschließen.“
Adi’ra sah kurz zur Terrassentür hinaus. Unter dem Carport stand der IVECO, als könnte er im Zweifel eine unabhängige Zeugenaussage abgeben.
Auf dem HoloScreen wechselte das Bild. Nun zeigte eine Karte Südeuropas tiefrote Temperaturzonen für die kommende Woche. Griechenland lag fast vollständig darunter.
Nana nahm ihre Tasse wieder auf.
„Also noch einmal: Wer ist wir?“
Adi’ra öffnete den Mund.
Keine Antwort kam heraus.
Daumen und kleiner Finger der linken Hand berührten sich zweimal schnell.
Das schmale Armband an Adi’ras Handgelenk antwortete mit zwei kaum spürbaren Impulsen. Die Aufnahme lief.
Nanas Blick wanderte sofort zu der Bewegung.
„Jetzt wird es Arbeit?“
„Nein.“
„Du nimmst auf.“
„Ich will nur hören, ob ich das wirklich so gesagt habe.“
„Hast du.“
„Menschen erinnern Gespräche unzuverlässig.“
„Der Satz ist ungefähr zwölf Sekunden her.“
„Das schließt eine fehlerhafte Rekonstruktion nicht aus.“
Nana lächelte.
„Wir wollen das hören, meinst du.“
Adi’ra sah sie an.
Vom iCom kam nichts mehr. Kasandra hatte offenbar beschlossen, dass jedes weitere Geräusch ihre Anwesenheit verraten würde.
Nana trank einen Schluck Kaffee und betrachtete wieder den HoloScreen. Die überflutete Stadt war verschwunden. Nun erklärte ein Klimaforscher, weshalb sechsundzwanzig Grad Anfang April nicht als schönes Wetter bezeichnet werden sollten.
„Mom hätte übrigens nicht zuerst das wir bemerkt“, sagte Nana.
Adi’ra blickte zu ihr zurück.
„Was hätte sie bemerkt?“
„Dass du hereingekommen bist, ohne Hallo zu sagen.“
„Du wusstest bereits, dass ich draußen war.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Welche Information hätte ein Hallo zusätzlich übertragen?“
Nana sah dey lange an.
„Dass du jetzt auch geistig im Raum angekommen bist.“
Adi’ra wollte widersprechen.
Dann bemerkte dey, dass Nana nicht mehr lächelte.
Hinter ihr zeigte der HoloScreen eine Computersimulation, in der sich die Küstenlinie Jahr für Jahr weiter ins Landesinnere verschob.
„Hat sie das wirklich so gesagt?“, fragte Adi’ra.
„Nicht mit diesen Worten.“
„Wie dann?“
Nana strich mit dem Daumen über den Rand ihrer Tasse.
„Sie sagte manchmal: Bei dir kommt der Gedanke zuerst durch die Tür. Du selbst brauchst immer noch einen Moment.“
Adi’ra bewegte sich nicht.
Das Armband nahm weiter auf.
„Wann hat sie das gesagt?“
„Oft genug.“
„Über mich als Erwachsene:r?“
Nana sah kurz zum Platz am Fenster, auf dem seit Jahren niemand mehr regelmäßig saß.
„Nicht nur.“
Draußen sprang irgendwo im Garten ein einzelner Bewässerungskopf an, drehte sich einmal und verstummte wieder.
Die HomeAI hatte offenbar begonnen, Fragen zu stellen.





Hier sind Adi‘ras nächsten Gedanken:
https://jcmi2025.substack.com/p/kapitel-1-bevor-ich-ich-war
Erinnert mich an die Dschinn. Die Dachinn haben keinen Körper - deswegen nutzen sie Deinen. Sie nutzen ihn , doch er gehört ihnen nicht. Du gehörst dir nur selbst. Deswegen. Jeder ist verantwortlich nur für sich selbst. Ein Dschinn kann nicht physisch sterben. Er kann durch Liebe ei gehen in das grosse ALLWIR. Und das ist sein Move. Wenn wir offen dafür sind.
PS: Das Thema Elternschaft berührt mich noch immer - Da ist soviel Potenzial für das kollektive Bewusstsein - dass wir Eltern schon sind, wenn wir geboren werden. Denn jede Entscheidung die wir treffen und nicht treffen verändert das Quantenfeld in dass sie geboren werden. Wenn du heute einem Menschen hilfst oder nicht hilfst, obwohl er Deine Hilfe braucht - verändert das das Feld auf beiden Seiten. Ob du der Geber oder der Empfänger bist spielt keine für die Tatsache dass es sich verändert keine Rolle. Die Veränderung wirkt durch die Beiden Menschen dann jeweils in ihr Umgebungs Feld hinein. Wir sind Eltern. Auf einer höheren Ebene. Das ist Verantwortungsbewusstsein.
Ungeborene Menschen können nicht schreiben und doch sprechen sie für uns Menschen. Wieviele sind es? Das ist die Richtung aus der sie kommen. " HALLO Ike "
Es gibt bei Entscheidungen 5 Möglichkeiten hinter diesen zu stehen.
Das angepasste Ja.
Das klare Ja.
Das trennende Nein.
Das verbindende Nein.
Das offene Vielleicht.
Das offene Vielleicht ist das verletzbarste.