Identität im Quantennebel - Vol. 1 -Prolog II – Zwanzig
Teil der Serie "Adi'ra dey Mustersammlerln"
Der Wetterbericht lief nur noch nebenbei.
Auf dem großen HoloDisplay im Wohnzimmer schob sich eine farbige Karte über Norddeutschland. Orange über Hamburg, dunkleres Rot über Teilen Schleswig-Holsteins. Kleine Symbole für Hitze, Ozon und trockene Böden pulsierten zwischen den Ortsnamen, während die Stimme der Moderatorin mit jener professionellen Ruhe sprach, die selbst Warnungen nach Alltag klingen ließ.
„…auch in den späten Abendstunden weiterhin erhöhte Ozonwerte. Besonders ältere, geschwächte und vorerkrankte Menschen sollten körperliche Anstrengungen vermeiden. Achten Sie außerdem auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Bei starkem Schwitzen reicht Wasser allein möglicherweise nicht aus. Hören Sie auf die Signale Ihres Körpers und sorgen Sie für einen ausgeglichenen Mineralhaushalt.“
Im Haus herrschten angenehme zweiundzwanzig Grad.
Die starke Dämmung, die außenliegenden Verschattungen und die kontrollierte Lüftung hielten die Hitze zuverlässig draußen. Selbst nach mehreren Tagen mit weit über dreißig Grad fühlte sich das Erdgeschoss beinahe kühl an.
Adi’ra saß mit einem Bein untergeschlagen auf der breiten Fensterbank und drehte das fast leere Glas in deys Hand. Ein paar Tropfen liefen an der Innenseite hinab und sammelten sich unter der Zitronenscheibe.
„Hörst du?“, sagte Nana vom Sofa. „Auf die Signale des Körpers.“
Adi’ra hob das Glas an, als würde dey der Moderatorin zuprosten.
„Mein Körper signalisiert mir gerade, dass in der Küche noch diese salzige Limettenmischung steht.“
„Dein Körper signalisiert dir erstaunlich oft genau das, was du ohnehin tun wolltest.“
„Dann funktioniert die Kommunikation wenigstens.“
Adi’ra stand auf, stellte das Glas in die Küche und legte zwei Finger auf das schmale Sensorfeld neben der Tür. Auf der matten Oberfläche erschienen wenige, nüchterne Werte.
Flüssigkeitshaushalt im Normbereich.
Elektrolyte unauffällig.
Körperkerntemperatur leicht erhöht.
„Alles gut?“, fragte Nana.
„Alles langweilig.“
„Das ist bei Körperwerten gewöhnlich eine gute Nachricht.“
Adi’ra öffnete die Terrassentür.
Die Wärme schlug dey entgegen.
Südwestlich neben der Terrasse spannte sich das mobile Carportdach über den alten Gittersteinstellplatz, der dort bereits 2026 angelegt worden war. Die Steine hatten den ganzen Tag Sonne gespeichert und gaben sie nun langsam wieder ab. Unter dem Dach stand die Hitze wie unter einer Glocke. Die Luft roch nach trockenem Holz, aufgeheiztem Metall und Staub.
„Ich gehe kurz raus.“
Nana sah vom Sofa auf.
„Die Frau im Wetterbericht sagte gerade, man solle körperliche Anstrengung vermeiden.“
„Sie sagte, ältere und geschwächte Menschen sollten sie vermeiden.“
„Du warst schon immer erstaunlich talentiert darin, Warnungen so auszulegen, dass sie andere betreffen.“
Adi’ra grinste.
„Ich will nur prüfen, ob die Sensoren recht haben.“
„Natürlich.“
Unter dem Carport war an einem Querträger eine Stange befestigt, die sich ausklappen und arretieren ließ. Zusammengelegt fiel sie kaum auf. Ausgeklappt verwandelte sie den Platz zwischen Van, Hauswand und Werkbank in eine kleine improvisierte Trainingsfläche.
Adi’ra schob die Stange nach vorn, bis der Mechanismus hörbar einrastete.
Dann stellte dey die Füße schulterbreit auf den warmen Beton, beugte sich hinunter und setzte die Hände auf.
Der erste Liegestütz war langsam.
Nicht aus Anstrengung, sondern aus Gewohnheit. Adi’ra prüfte Schultern, Handgelenke, Rücken und Hüfte wie eine Maschine, deren Geräusche dey kannte und trotzdem nie vollständig ignorierte.
Beim zweiten wurde die Bewegung flüssiger.
Beim fünften hatte sich ein ruhiger Rhythmus eingestellt.
Beim zehnten stand Nana in der offenen Terrassentür.
„Du weißt schon, dass die Sensoren auch funktionieren, ohne dass du ihnen eine Prüfung abnimmst?“
„Zwölf“, sagte Adi’ra.
„Das war keine Antwort.“
„Dreizehn.“
Nana lehnte sich an den Türrahmen und verschränkte die Arme.
Adi’ra senkte den Körper erneut ab, hielt kurz über dem Boden und drückte sich kontrolliert wieder hoch.
„Neunzehn.“
Noch einmal.
„Zwanzig.“
Dey setzte sich nicht hin, rang nicht nach Luft und schüttelte auch nicht die Arme aus. Stattdessen stand Adi’ra auf, strich den leichten Leinenrock glatt und ging zur Stange.
Nanas Blick folgte dey.
Adi’ra griff über den Kopf, ließ den Körper frei hängen und zog sich hoch.
Das Kinn kam über die Stange.
Einmal.
Dann wieder.
Die langen Locken fielen nach hinten und schwangen bei jeder Bewegung mit. Der Rock bewegte sich kaum; nur der Saum zitterte im Rhythmus der kontrollierten Züge.
Nana begann leise mitzuzählen.
„Vier.“
Adi’ra zog sich erneut hoch.
„Fünf.“
Beim achten veränderte sich deys Atmung. Nicht viel. Ein tieferer Zug, dann wieder der gleiche ruhige Rhythmus.
„Zehn.“
Nana richtete sich etwas auf.
„Du weißt noch, dass du das früher nicht machen durftest?“
Adi’ra zog sich zum elften Mal hoch.
„Klimmzüge schon.“
„Nicht zwanzig.“
„Das wurde nie ausdrücklich verboten.“
„Weil niemand auf die Idee kam, dass du zwanzig schaffst.“
Adi’ra verzog das Gesicht, ohne den Rhythmus zu verlieren.
„Zwölf.“
„Damals hast du hundert Kilo gewogen und auf die neue Hüfte gewartet.“
„Dreizehn.“
„Und alles mit unnötiger Gewichtsbelastung war untersagt.“
„Vierzehn.“
„Außer in Notfällen.“
„Fünfzehn.“
„Du hast aus jeder Bewegung einen möglichen Notfall gemacht.“
„Sechzehn.“
„Einkaufstüte gerissen. Notfall.“
„Siebzehn.“
„Kater auf dem Schrank. Notfall.“
„Achtzehn.“
„Irgendwo stand ein schwerer Karton. Ganz schwerer Notfall.“
Adi’ra lachte beim Hochziehen und musste dadurch für einen Moment die Körperspannung neu setzen.
„Neunzehn.“
Dey ließ sich langsam hinab, hing einen Atemzug lang mit gestreckten Armen unter der Stange und zog sich ein letztes Mal hoch.
„Zwanzig.“
Adi’ra löste den Griff und landete leicht auf beiden Füßen.
Nana sagte nichts.
Adi’ra hob prüfend die Arme, kreiste die Schultern und verlagerte das Gewicht von einem Bein auf das andere.
Die Hüfte blieb ruhig.
Kein Ziehen.
Kein dumpfer Schmerz aus der Tiefe.
Nicht einmal jenes warnende Gefühl, das früher genügt hatte, jede weitere Bewegung zugleich vernünftig und unerträglich erscheinen zu lassen.
Neben der Werkbank standen zwei volle Gallonenflaschen mit Getränkemischung, die später in den Van sollten. Adi’ra griff nach beiden, eine in jede Hand.
„Oh nein“, sagte Nana.
„Was?“
„Du willst jetzt nicht ernsthaft mit unserem Reisevorrat Bizepscurls machen.“
Adi’ra hob beide Flaschen gleichzeitig an.
„Ich prüfe nur, ob die Henkel halten.“
„Selbstverständlich.“
Das Wasser schwappte schwer gegen die Kunststoffwände.
Adi’ra ließ die Arme wieder sinken und hob die Flaschen erneut. Langsam, ohne Schwung. Unter der schmalen Haut zeichneten sich Sehnen und Muskeln klar ab.
Nach zwanzig Wiederholungen stellte dey die Flaschen wieder ab.
Der Puls war schneller, aber nicht unangenehm. Die Atmung tiefer, jedoch gleichmäßig. Auf der Stirn lag nur ein dünner Feuchtigkeitsfilm.
Adi’ra sah auf das schmale Band am Handgelenk.
Puls erhöht.
Sauerstoffsättigung stabil.
Temperaturregulation unauffällig.
Regeneration über Erwartungswert.
Dey wischte die Anzeige fort.
„Und?“, fragte Nana.
„Die Henkel halten.“
„Darauf bin ich sehr stolz.“
Adi’ra kam zurück ins Haus.
Der Temperaturunterschied legte sich kühl über die Haut. Dey schloss die Tür hinter sich und blieb einen Moment stehen.
Nana trat näher.
„Kein Stück außer Atem.“
„Ein bisschen.“
„Nein.“
„Innerlich.“
Nana legte zwei Finger an Adi’ras Hals, als wolle sie den Puls selbst prüfen. Dann glitt ihre Hand in die langen Locken und wuschelte gründlich hindurch.
„He!“
„Kontrollmessung.“
„Du zerstörst meine Frisur.“
„Das ist keine Frisur. Das ist ein Wetterphänomen.“
Adi’ra schüttelte den Kopf, und die Locken fielen wieder über deys Schultern.
Nanas Hand wanderte über den Hals, das Schlüsselbein und den schlanken, muskulösen Oberkörper. Nicht prüfend. Nicht ganz. Eher wie bei jemandem, der sich vergewisserte, dass etwas Vertrautes noch da war, obwohl es sich im Laufe der Jahre sichtbar verändert hatte.
„Schon merkwürdig“, sagte sie.
„Was?“
„Als wir uns kennenlernten, warst du auch sexy.“
Adi’ra hob eine Augenbraue.
„Auch?“
„Anders sexy.“
„Das klingt gefährlich.“
„Du warst sehr männlich.“
Adi’ras Gesicht verzog sich sofort.
„Bitte erinner mich nicht daran.“
Nana grinste.
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
Adi’ra hob abwehrend beide Hände.
„Kratzige, lästige Haare im Gesicht. Und ständig Kleidung, die überhaupt nicht zum Wetter passte.“
„Du hattest fast immer schwarze Jeans an.“
„Bei dreißig Grad.“
„Und schwere Schuhe.“
„Bei fünfunddreißig Grad.“
„Und Hemden, in denen du aussahst, als würdest du gleich entweder einen Serverraum übernehmen oder jemanden aus einem brennenden Gebäude tragen.“
Adi’ra stöhnte theatralisch.
„Wir waren damals einfach noch nicht, wer wir seit 2024 wirklich sind.“
Nanas Lächeln wurde weicher.
Adi’ra griff mit beiden Händen an die Seiten des leichten Leinenrocks und drehte sich einmal um die eigene Achse. Der Stoff fing den warmen Luftzug aus der offenen Tür ein, flatterte um deys Beine und fiel wieder zurück.
„Siehst du?“, sagte dey. „Wettergerechte Kleidung.“
Nana sah Adi’ra an, als hätte sie für einen Moment vergessen, was sie hatte sagen wollen.
Verliebt, dachte Adi’ra.
Noch immer.
Nach all den Jahren noch immer auf genau diese Weise.
Nana trat näher, legte beide Hände an Adi’ras Gesicht und drückte dey einen langen, festen Kuss auf den Mund.
„Joa“, sagte sie anschließend. „Viele Änderungen seit damals.“
Adi’ra lächelte.
„Verbesserungen.“
„Größtenteils.“
„Größtenteils?“
„Deine Liebe zu seltenen Hüten ist geblieben.“
„Das ist keine Schwäche.“
„Ich fand sie damals schon außergewöhnlich.“
In diesem Moment kam Kasandra die Treppe herunter.
Sie blieb auf der letzten Stufe stehen, sah Adi’ra im flatternden Leinenrock, Nana direkt vor dey und den halb geöffneten Zugang zur Terrasse.
Ihr Blick wanderte einmal von oben nach unten.
Dann grinste sie.
„Howdy, Cowgirl!“
Fast gleichzeitig schwebte aus dem iCom ein gehauchtes, genüsslich gedehntes:
„Yiiihaa …“
Für einen Herzschlag sagte niemand etwas.
Dann lachte Nana als Erste.
Kasandra stützte sich am Geländer ab.
„Das Haus versteht Timing.“
„Das Haus spioniert“, sagte Adi’ra.
„Das Haus unterstützt die familiäre Kommunikation“, antwortete das iCom mit betont neutraler Stimme.
„Das war keine Aufforderung zur Stellungnahme.“
„Verstanden.“
Eine Pause.
„Cowgirl.“
Kasandra prustete los.
Adi’ra deutete mit dem Finger zur Decke.
„Du bist heute sehr mutig.“
„Die aktuelle Konfliktwahrscheinlichkeit wird als niedrig eingeschätzt.“
„Noch.“
Nana strich Adi’ra eine Locke aus dem Gesicht.
„Jetzt fehlt nur noch der passende Hut.“
Adi’ra sah zur Garderobe.
Dort hing zwischen einer leichten Jacke, zwei Taschen und einem viel zu großen Regenponcho ein heller Stetson aus Stroh. Die Krempe war an einer Seite leicht nach oben gebogen. Das Geflecht war nicht mehr ganz gleichmäßig, und an der Innenseite verlief ein dunkler Streifen von vielen Sommern.
Adi’ra nahm ihn vom Haken.
Mit einer beiläufigen Bewegung setzte dey ihn auf die wallende Mähne, rückte ihn leicht schräg und schob die Krempe mit zwei Fingern hoch.
Kasandra nickte anerkennend.
„Jetzt ist das Bild vollständig.“
Nana biss sich sichtbar auf die Unterlippe.
„Sag nichts.“
„Ich habe gar nichts gesagt.“
„Dein Gesicht sagt genug.“
Adi’ra machte eine kleine, übertriebene Verbeugung.
„Na schön. Ich hole mal eben die frisch gewaschene Bettwäsche aus dem Hauswirtschaftsraum.“
„Mit Hut?“, fragte Kasandra.
„Natürlich mit Hut.“
„Es sind nur ein paar Schritte.“
„Gefährliches Gelände.“
Nana verschränkte die Arme.
„Notfall?“
Adi’ra öffnete die Haustür.
„Man weiß nie.“
Östlich der Haustür lag der Hauswirtschaftsraum. Darin roch es nach sauberer Wäsche, Waschmittel und der trockenen Wärme der Maschinen. Auf der Arbeitsfläche wartete bereits der zusammengelegte Stapel: Bettlaken, Bezüge und leichte Decken für den Van.
Adi’ra nahm alles auf die Arme und ging damit über den kurzen Weg zum Carport.
Unter dem mobilen Dach war die Luft noch immer heißer als auf der Terrasse. Der alte Gittersteinstellplatz strahlte die gespeicherte Wärme gegen deys Beine zurück.
Adi’ra öffnete den Van.
Im rückwärtigen Bereich lag das Bett, darüber das breite Staufach. Dey schob die Klappe auf, legte die frisch gewaschene Bettwäsche ordentlich hinein und strich noch einmal über den Stapel, bevor dey das Fach wieder schloss.
In der dunklen Seitenscheibe spiegelte sich Adi’ras Silhouette: der helle Stetson, die langen Locken, der schmale Körper, der leichte Rock.
Dey blieb einen Moment stehen.
Nicht wegen des Spiegelbilds.
Wegen des eigenen Atems.
Er war bereits wieder völlig ruhig.
Adi’ra sah auf das Band am Handgelenk.
Regeneration abgeschlossen.
Belastungsreaktion unterhalb des erwarteten Bereichs.
Dey las die Zeilen zweimal.
Dann schob Adi’ra die Anzeige fort, schloss den Van und ging zurück zum Haus.
Aus dem offenen Fenster hörte dey Nana und Kasandra noch immer lachen.
Adi’ra setzte den Stetson ein wenig fester auf den Kopf.
Die Sensoren funktionierten.
Daran bestand kein Zweifel.
Nur wusste dey plötzlich nicht mehr, ob sie noch das maßen, was sie messen sollten.



