Identität im Quantennebel - Kapitel 5 – Resonanzen
Teil der Serie "Identität im Quantennebel"
Adi’ra hatte mit vielem gerechnet.
Mit einem vorsichtigen Lächeln vielleicht, einer Umarmung und diesem kurzen Moment, in dem zwei Menschen einander ansehen und gleichzeitig prüfen, was vier Jahre aus dem jeweils anderen gemacht hatten.
Aber nicht damit!
Alexia schob den Stuhl zurück, noch bevor Adi’ra ganz am Tisch angekommen war. Sie war schlanker, als dey sie in Erinnerung hatte. Nicht zerbrechlich. Im Gegenteil. Unter dem dunklen Stoff ihres Oberteils zeichneten sich Schultern und Arme ab, drahtig, trainiert, beinahe sehnig. Ihr Haar fiel ihr seitlich ins Gesicht, und für den Bruchteil einer Sekunde nahm Adi’ra nur Einzelheiten wahr.
Die feinen Linien um ihre Augen und eine kleine Falte neben dem Mund, die früher nicht da gewesen war. Der Geruch nach etwas Warmem, leicht Holzigem und dann Alexias Arme, die sich entschieden und selbstverständlich um Adi’ra legten.
„Du verdammtes Wesen!“
Mehr sagte sie nicht. Dann küsste sie dey, nicht auf die Wange, aber auch nicht vorsichtig.
Ihre Lippen fanden Adi’ras Mund mit einer Sicherheit, als wären die vergangenen Jahre nur ein schlechter Anschlussfehler in irgendeinem Kommunikationssystem gewesen, der nun endlich behoben wurde.
Adi’ras Körper reagierte, bevor der Verstand die Situation sortiert bekam.
Wärme, Druck und Alexias Brust gegen die eigene.
Eine Hand in Adi’ras Nacken.
Etwas löste sich tief im Körper, während gleichzeitig Erinnerungen hochschossen, unsortiert und viel zu schnell: Ein Sofa, Alexias nackte Schulter im Licht eines Monitors, Lachen im Dunkeln, Streit.
Ein viel zu langer Blick über einen Küchentisch, Haut und eine Tür, die irgendwann geschlossen geblieben war.
Vier Jahre!, dachte Adi’ra zu sich und küsste zurück.
Nur wenige Sekunden, vielleicht waren es mehr, Zeit war in solchen Momenten ein ausgesprochen unzuverlässiges Messinstrument.
Als Alexia sich schließlich löste, blieb sie noch so nah stehen, dass Adi’ra ihren Atem auf der Haut spüren konnte.
Ihre Augen musterten dey.
Nicht flüchtig, aber gründlich.
„Ja“, sagte Alexia schließlich.
Adi’ra hob eine Augenbraue.
„Was, ja?“, fragte dey.
„Du bist es!“, antwortete Alexia.
„Das war Gegenstand ernsthafter Spekulation?“, wunderte sich Adi’ra laut.
Alexias Mundwinkel zuckte.
„Bei dir? Immer!“
Da war es wieder.
Dieses kleine Ziehen irgendwo zwischen Brustbein und Magen.
Keine Verliebtheit. Nicht mehr.
Dafür war zu viel passiert. Zu viele Leben lagen zwischen damals und jetzt. Manche davon hatten sie tatsächlich gelebt, andere nur beinahe.
Was geblieben war, fühlte sich weicher an, wärmer, vielleicht sogar stabiler.
Adi’ra griff nach Alexias Unterarmen und drückte sie kurz.
„Hallo, Lex.“
Für einen Augenblick veränderte sich Alexias Gesicht.
Nur minimal.
Dann lächelte sie.
„Hallo, Adi’ra.“
Erst jetzt bemerkte Adi’ra, dass die Menschen an zwei Nachbartischen zu ihnen herübersahen.
Eine ältere Frau wandte sich sofort wieder ihrem Eisbecher zu. Ein Mann mit einem Kind grinste. Das Kind selbst interessierte sich deutlich mehr für die halb geschmolzene Schokoladensauce auf seinem Teller.
Gut.
Die Welt konnte weiterlaufen.
Adi’ra setzte sich. Die Beine fühlten sich noch immer nicht ganz so an, als hätten sie die letzten zwanzig Minuten vergessen.
Die Fahrt hierher steckte im Nervensystem. Das Gedränge. Die Stimmen. Zu viele Körper. Zu viele Bewegungen gleichzeitig. Die Anzeigen in der Bahn, die aufeinanderfolgenden Durchsagen, das metallische Kreischen in einer Kurve, das eigentlich niemand außer dey wirklich laut zu finden schien.
Und diese eine Person, die viel zu lange in Adi’ras Richtung gesehen hatte.
Vielleicht völlig harmlos.
Vielleicht auch nicht.
Deys Gehirn hatte noch keine Entscheidung getroffen.
Alexia setzte sich gegenüber.
Erst dabei fiel Adi’ras Blick unter den Tisch.
Olive, Cordura, Laser-Cut-Flächen, also ein Tasmanian Tiger.
Nicht neu, denn der Stoff war an einigen Kanten heller geworden, der Boden zeigte Abrieb, und an einem Reißverschluss hing eine Schlaufe, die offensichtlich nicht mehr original war. Trotzdem wirkte der Rucksack nicht heruntergekommen, nur benutzt.
Das war etwas anderes.
Adi’ra kannte den Unterschied.
Dey sah wieder nach oben.
Alexia hatte den Blick bemerkt – natürlich hatte sie ihn bemerkt – und sagte: „Später.“
Adi’ra schwieg einen Moment und entgegnete dann: „Ich habe nichts gefragt.“
„Du hast gerade ungefähr sieben Fragen gestellt.“
„Ohne zu sprechen.“
„Du warst schon immer laut, wenn du nachdenkst.“
Das Lächeln kam diesmal von selbst.
„Du hast dich überhaupt nicht verändert“, stellte Alexia fest und lehnte sich zurück.
„Das ist eine ausgesprochen schlechte Lüge“, entgegnete Adi’ra.
* * * *
Alexia hatte sich den Moment anders vorgestellt.
Mehrmals sogar.
In der Bahn hierher, beim Warten, noch einmal, als sie Adi’ra draußen zwischen den Menschen erkannt hatte. In keiner dieser Varianten war sie aufgestanden und hatte dey einfach geküsst.
Das war dumm und impulsiv gewesen und vermutlich genau richtig.
Vier Jahre konnten einen Menschen verändern. Namen konnten sich ändern, Körper, Kleidung, Haltung, das Gewicht von Erfahrungen im Gesicht. Manche Bewegungen jedoch blieben.
Adi’ra hatte noch immer diese winzige Verzögerung, wenn etwas Unerwartetes geschah. Vielleicht eine halbe Sekunde, erst Wahrnehmung, dann Analyse, dann Reaktion.
Früher hatte Alexia das manchmal wahnsinnig gemacht, aber heute hatte sie es vermisst.
Sie beobachtete, wie Adi’ra die Umgebung erneut scannte.
Nicht demonstrativ.
Ein Blick zur Glasfront, zur Tür, zum Tresen, kurz nach draußen und dann wieder zu ihr.
Auch das kannte Alexia, nur war es früher weniger ausgeprägt gewesen.
„Du bist angespannt.“
„Ich bin gerade mit einer U-Bahn gefahren.“
„Das erklärt ungefähr die Hälfte.“
Adi’ra sah sie an.
Da.
Genau dieser Blick.
Welche Hälfte, auf welcher Grundlage, welche Beobachtung führt dich zu dieser Annahme?
Alexia hätte beinahe gelacht.
Stattdessen nahm sie das Wasserglas und trank.
„Du kontrollierst Ausgänge.“
„Berufskrankheit.“
„Du sitzt mit dem Rücken zur Wand.“
„Zufall.“
„Du hast meinen Rucksack innerhalb von fünf Sekunden erkannt.“
„Der ist oliv, taktisch und groß.“
„Und du hast die Tür angesehen, als draußen ein Wagen langsamer wurde.“
Adi’ra schwieg.
Alexia stellte das Glas ab.
„Das meine ich.“
Für einige Sekunden lag nur das Geräusch des Cafés zwischen ihnen: Löffel auf Porzellan, Stimmen und das Summen der Kühlung hinter dem Tresen. Von draußen drang ein kurzes Signal eines Lieferfahrzeugs herein, bevor dessen Elektromotor wieder nahezu geräuschlos im Verkehr verschwand.
An der Fensterscheibe wechselte die transparente Sonnenschutzschicht automatisch ihre Tönung, als draußen die Sonne zwischen zwei Wolken hervorkam.
Fast alles wirkte normal.
Das war inzwischen das Problem mit Normalität: Sie konnte hervorragend aussehen, während sie bereits auseinanderfiel.
„Geht es dir gut?“, fragte Alexia.
Adi’ra öffnete den Mund.
Alexia hob einen Finger.
„Nicht die funktionale Antwort.“
Der Mund schloss sich wieder.
Gut, Treffer.
„Definiere gut.“
„Arsch.“
„Das ist keine Definition.“
„Adi’ra!“
Diesmal kam keine Gegenwehr.
Deys Blick sank zum Tisch und dey antwortete: „Ich funktioniere.“
„Das habe ich ausgeschlossen“, protestierte Alexia.
„Dann wird die Antwort komplizierter“, konstatierte Adi’ra.
„Wir haben Zeit“, antwortete Alexia und blickte gedanklich an den Rucksack unter ihren Füßen.
Vielleicht hatten sie weniger davon, als Adi’ra glaubte, aber das musste noch einen Moment warten.
* * * *
Der Eisbecher zwischen ihnen war eine schlechte Idee gewesen.
Nicht geschmacklich.
Haselnuss, dunkle Schokolade, Vanille. Klassisch. Nichts, was eine algorithmische Speisekarte als postmoderne Interpretation alpiner Dessertkultur verkaufen konnte.
Adi’ra mochte klassische Dinge, wenn die Welt kompliziert wurde.
Das Problem war nur, dass dey seit mehreren Minuten den gleichen Löffel in der Hand hielt, ohne etwas damit anzufangen.
„Du lässt dein Eis den Hitzetod sterben“, sagte Alexia grinsend.
Adi’ra sah hinunter.
Der Schokoladenrand begann bereits, sich mit der Vanille zu verbinden.
„Entropie.“
„Iss.“
Adi’ra nahm einen Löffel.
Kälte, Zucker, Haselnuss – diese sensorische Klarheit half tatsächlich.
„Besser?“
„Minimal.“
„Nehme ich.“
Alexia hatte ihren eigenen Becher fast zur Hälfte gegessen.
Auch das war vertraut.
Adi’ra schob den Löffel durch die weich werdende Schokolade.
„Warum hast du geschrieben?“
Alexia antwortete nicht sofort.
Das war ungewöhnlich.
Früher hatte sie manchmal gesprochen, bevor andere ihre Fragen beendet hatten.
„Weil ich deinen Namen gesehen habe.“
Adi’ra blickte auf.
„Wo?“
„Nicht da, wo ich ihn erwartet hätte.“
Etwas im Inneren spannte sich.
Nicht stark, eher wie ein dünner Draht.
„Das ist bemerkenswert unpräzise.“
„Absichtlich.“
„Leeex.“
„Ich weiß.“
Alexia sah kurz zur Seite.
Ein Serviceroboter rollte am anderen Ende des Cafés zwischen zwei Tischreihen hindurch, stoppte bei einer Familie und hob sein Tablett wenige Zentimeter an. Die Bedienung hinter dem Tresen schenkte ihm keine Aufmerksamkeit.
Adi’ra wartete.
Alexia sah wieder zurück und antwortete schließlich: „Ich habe vor drei Tagen nach jemand anderem gesucht.“
„Nach wem?“
„Nicht wichtig.“
„Dann ist es meistens wichtig.“
„Diesmal nicht.“
Adi’ra ließ es stehen.
Noch.
„Und dabei bist du auf mich gestoßen.“
„Auf etwas, das zu dir führte.“
Das war etwas anderes, dachte Adi’ra.
„Was?“
„Ein Datensatz.“
Der dünne Draht zog sich enger.
„Öffentlich?“
„Nicht direkt.“
„Behördlich?“
„Nein.“
„Kommerziell?“
„Auch nicht.“
„Lex!“
„Adi’ra“, raunte Alexia und beugte sich vor. „Genau deshalb wollte ich dich nicht über irgendeinen Kanal fragen.“
Adi’ras Blick wanderte fast automatisch zum eigenen Gerät und dey beugte sich ebenfalls etwas vor.
Alexia bemerkte es.
„Nein.“
„Nein was?“
„Nicht hier.“
„Du sitzt in einem Eiscafé mitten in—_“
„Genau – in der Öffentlichkeit.“
Sie sagte es leise.
Völlig ruhig.
Und Adi’ra hörte auf, Fragen zu stellen.
Zumindest laut.
Im Kopf entstanden sie weiter: Woher konnte Alexia einen Datensatz haben?
Was bedeutete „führte zu dir“? Wie eindeutig war die Verbindung, welche Identität, welche Zeit, welche Systeme und welche Namen?
Ein alter Reflex versuchte bereits, aus zu wenig Informationen ein vollständiges Modell zu bauen.
Dey stoppte ihn und dachte: Noch nicht genug Daten!
Alexia betrachtete dey.
„Du machst es wieder.“
„Was?“
„Dreißig Möglichkeiten gleichzeitig.“
„Nur ungefähr zwölf.“
„Lügner.“
Adi’ra lächelte nicht.
„Wie ernst?“
Alexia sah dey einige Sekunden an und antwortete: „Ernst genug, dass ich nicht zu Hause geschlafen habe.“
Der Blick fiel wieder unter den Tisch.
Diesmal war der Rucksack kein Rucksack mehr, er war Information.
* * * *
Alexia hatte mit diesem Moment gerechnet.
Nicht mit dem Kuss, aber mit diesem Augenblick, in dem Adi’ra verstand, warum das Ding unter dem Tisch stand.
Deys Gesicht veränderte sich kaum.
Wer Adi’ra nicht kannte, hätte vielleicht überhaupt nichts bemerkt, aber Alexia sah es sofort.
Die Schultern wurden etwas ruhiger – nicht entspannter – nur ruhiger.
Das war schlimmer.
Adi’ra schaltete gerade um: Emotion zurück und Analyse nach vorn.
„Seit wann?“
„Zwei Nächte.“
„Wo?“
„Unterschiedlich.“
„Allein?“
„Ja.“
„Hat dich jemand verfolgt?“
„Nicht, dass ich es sicher sagen könnte.“
„Unsicher?“
Alexia atmete aus.
„Zweimal dasselbe Fahrzeug. Unterschiedliche Orte.“
„Kennzeichen?“
„Wechselnd.“
„Dann nicht dasselbe Fahrzeug.“
„Gleiche Beschädigung vorne rechts.“
Adi’ra schwieg.
„Modell?“
Alexia nannte es.
„Farbe?“
Sie antwortete.
„Zeitabstand?“
Auch das.
Frage für Frage, präzise, keine Panik und kein Drama.
Das war einer der Gründe gewesen, warum Alexia Adi’ra überhaupt kontaktiert hatte, und gleichzeitig einer der Gründe, warum sie sich Sorgen machte.
Dey nahm die Informationen entgegen wie Bauteile, sortierte sie und setzte sie zusammen.
Früher wäre danach irgendwann diese kleine Unsicherheit gekommen. Ein Blick, ein Atemzug, manchmal ein ausgesprochenes „Kann trotzdem Zufall sein“.
Alexia wartete darauf, aber es kam nicht.
„Wir fahren nach Glinde“, sagte Adi’ra.
Alexia blinzelte.
„Was?“
„Nicht sofort, wir bleiben noch ein paar Minuten, zahlen normal, gehen normal raus und dann fahren wir nach Glinde.“
Da war etwas.
Nicht an der Entscheidung selbst, die war vernünftig, aber es war die Geschwindigkeit.
„Moment.“
Adi’ra sah sie an.
„Was?“
„Du weißt noch gar nicht alles.“
„Genug.“
„Nein.“
„Du schläfst seit zwei Tagen nicht zu Hause und sitzt mit einem gepackten Rucksack hier.“
„Ja.“
„Du glaubst, dass du beobachtet wirst.“
„Ich halte es für möglich.“
„Du kontaktierst mich nach vier Jahren über einen Umweg und willst bestimmte Dinge nicht in Reichweite elektronischer Geräte besprechen.“
„Auch richtig.“
„Dann ist Glinde sinnvoll.“
„Das ist nicht der Punkt.“
Adi’ra runzelte die Stirn.
Alexia wusste plötzlich wieder genau, wie sich diese Gespräche früher angefühlt hatten: wie das gemeinsame Bauen eines komplizierten Modells, während beide darauf bestanden, dass ausgerechnet das eigene Teil in die Mitte gehörte.
„Du hast die Antwort festgelegt, bevor du die restlichen Daten hast.“
„Nein.“
Das „Nein“ kam zu schnell, realisierte Alexia.
„Doch.“
„Ich habe eine vorläufige Entscheidung getroffen.“
„Das nennst du normalerweise Hypothese.“
Stille.
Treffer!
Adi’ras Augen verengten sich geringfügig.
„Und?“
„Gerade nennst du es Entscheidung.“
Für einen Moment wirkte dey irritiert.
Nicht viel.
Gerade genug.
Alexia legte ihre Hand auf den Tisch.
„Ich sage nicht, dass Glinde falsch ist.“
„Sondern?“
„Dass du anders klingst.“
Draußen fuhr eine Monorailbahn über die Kreuzung. Ihr Signal drang gedämpft durch die Scheibe.
Adi’ra blickte hinaus.
„Vier Jahre.“
„Was?“
„Du hast mich vier Jahre nicht gesehen.“
„Und?“
„Menschen verändern sich.“
„Natürlich.“
Alexia betrachtete dey.
„Aber nicht jede Veränderung ist bedeutungslos.“
* * * *
Der Satz blieb.
Er legte sich irgendwo im Kopf ab, ohne sich sofort einordnen zu lassen.
Adi’ra mochte solche Sätze nicht.
Nicht, weil sie falsch waren, sondern weil sie später wiederkamen.
Meistens zu ungünstigen Zeitpunkten.
Dey nahm endlich noch einen Löffel Eis, das inzwischen fast vollständig geschmolzen war.
„Und du?“
Alexia hob die Augenbrauen.
„Was ich?“
„Du redest darüber, wie ich mich verändert habe.“
„Ablenkungsmanöver.“
„Vollkommen korrekt.“
„Immerhin ehrlich.“
Adi’ra betrachtete sie.
Alexia hatte sich verändert.
Natürlich hatte sie das.
Es war nur schwieriger, die Veränderung zu benennen, weil alte Erinnerung und gegenwärtige Wahrnehmung sich gegenseitig überlagerten.
Ihr Gesicht war weicher geworden, ihre Bewegungen dagegen präziser, und sie saß anders, mehr im eigenen Körper.
Früher hatte es Momente gegeben, in denen Alexia wirkte, als müsse sie sich selbst permanent daran erinnern, wie viel Raum sie einnehmen durfte.
Davon war nichts mehr übrig.
„Du wirkst angekommen“, sagte Adi’ra.
Alexias Ausdruck veränderte sich leicht.
„Das ist gefährlich nah an einem Kompliment.“
„Ich kann es zurücknehmen.“
„Wag es!“
Das letzte Wort kam plötzlich tiefer, sehr viel tiefer, ein Bariton.
Trocken und autoritär klingend.
Adi’ra starrte sie an.
Dann brach das Lachen heraus.
Nicht höflich.
Nicht kontrolliert.
Ein echtes, körperliches Lachen, das irgendwo tief im Bauch begann.
„Das“, brachte dey hervor, „kannst du immer noch?“
Alexia grinste.
Ihre Stimme sprang zurück in ihre normale, höhere, sanfte Lage.
„Bestimmte Werkzeuge wirft man nicht weg, nur weil man sie selten braucht.“
„Heilige Scheiße!“
„Ich benutze ihn gelegentlich bei Männern, die Schwierigkeiten mit dem Wort ‚Nein‘ haben.“
„Das ist unfair.“
„Das ist effizient!“
Adi’ra lachte noch immer, und für vielleicht dreißig Sekunden gab es keinen Datensatz, kein Fahrzeug, keine unbekannte Beobachtung und keine Vergangenheit, die irgendwo in einem System wieder aufgetaucht war.
Nur Alexia, nur Adi’ra und das Eiscafé, und zwischen ihnen die schmelzende Schokolade.
Es tat weh, wie gut sich das anfühlte.
Nicht schmerzhaft, eher wie ein Körperteil, das nach langer Taubheit plötzlich wieder durchblutet wurde.
Adi’ra sah sie an.
„Ich habe dich vermisst.“
Diesmal sagte Alexia nichts Schlagfertiges.
Sie sah einfach zurück.
„Ich dich auch.“
Mehr brauchte es nicht.
* * * *
Alexia hätte jetzt gerne Adi’ras Hand genommen, tat es aber nicht.
Manche alten Bewegungen mussten nicht automatisch wiederholt werden, nur weil sie noch im Körper lagen.
Der Kuss war schon genug gewesen.
Vielleicht mehr als genug.
Trotzdem war sie froh darüber.
Adi’ra saß ihr gegenüber und wirkte für einen Moment wieder näher an dem Menschen, den Alexia kannte.
Dann vibrierte etwas, nicht laut: Adi’ras Armband.
Nur einmal.
Deys Blick fiel darauf.
Alexia beobachtete, wie sich die Pupillen minimal weiteten.
Eine Nachricht wurde auf der Innenseite des schmalen Displays sichtbar, nur aus Adi’ras Blickwinkel lesbar.
„Was?“
Adi’ra antwortete nicht sofort.
„Adi’ra.“
„Nichts.“
„Das ist nach ‚mir geht es gut‘ vermutlich die zweitschlechteste Antwort des Tages.“
Adi’ra strich über das Display, und die Anzeige verschwand.
„Eine Systemmeldung.“
„Welche?“
„HESAYA.“
Alexia kannte den Namen.
Nicht das System in seiner heutigen Form, aber den Namen.
„Das Haus?“
„Mehr als das inzwischen.“
„Natürlich.“
„Was soll das heißen?“
„Du gibst einer Hausautomation einen Namen, und zwölf Jahre später kontrolliert sie vermutlich einen halben Landkreis.“
„Nur einen sehr kleinen Landkreis.“
Alexia wartete.
„Was wollte HESAYA?“
Adi’ra sah kurz zur Glasfront.
„Sie hat eine ungewöhnliche externe Anfrage registriert.“
Der Humor verschwand.
„Was für eine Anfrage?“
„Noch unklar.“
„Wann?“
„Vor sieben Minuten.“
Alexia sah automatisch auf ihr eigenes Gerät, dann unterließ sie es.
„Zufall?“
Adi’ra antwortete nicht.
Da war es wieder, diese seltsame Sicherheit.
Nicht ausgesprochen, nur vorhanden.
Alexia spürte, wie sich etwas in ihrem Nacken zusammenzog.
„Wir fahren nach Glinde“, sagte sie.
Adi’ra sah sie an.
Ein winziges Lächeln.
„Das war gerade bemerkenswert schnell.“
„Halt die Klappe.“
„Ich möchte nur dokumentieren—_“
„Adi’ra.“
Bariton.
Dey hob beide Hände.
„Schon gut“, gab Adi’ra auf.
Alexia musste gegen ein Lächeln kämpfen.
Verdammtes süßes Wesen!
* * * *
Sie blieben weitere acht Minuten.
Adi’ra achtete darauf, nicht exakt, weil acht irgendeine magische Sicherheitszahl gewesen wäre, sondern weil sofortiges Aufstehen nach einer Nachricht genau die Art von Korrelation erzeugte, die dey vermeiden wollte.
Zumindest sagte dey sich das.
Vielleicht war es albern, vielleicht längst zu spät.
Vielleicht gab es überhaupt niemanden, der ihre Bewegungen beobachtete.
Die rationale Wahrscheinlichkeit ließ sich mit den vorhandenen Daten nicht seriös bestimmen.
Trotzdem fühlte sich das Muster inzwischen anders an.
Alexias Datensatz, das Fahrzeug und HESAYAs Meldung.
Drei Punkte ergaben noch keine Linie.
Aber das Gehirn wollte eine ziehen.
Adi’ra hasste und liebte es zugleich: Muster waren Verheißung und Falle zugleich.
Man konnte sich in ihnen verirren oder durch sie Dinge sehen, lange bevor andere überhaupt bemerkten, dass etwas geschehen war.
Dey zahlte, aber nicht über das Armband.
Alexia bemerkte das natürlich.
„Seit wann benutzt du wieder eine Karte?“
„Seit Karten antiquiert genug sind, um interessant zu sein.“
„Du bist unmöglich“, grinste Alexia.
„Das sagtest du 2029 schon.“
„Damals hatte ich recht.“
Adi’ra steckte die Karte zurück.
Draußen hatte sich das Licht inzwischen verändert: Die Sonne stand höher zwischen den Gebäuden, und der automatische Sonnenschutz des Cafés war fast vollständig dunkel geworden.
Menschen bewegten sich auf dem Gehweg, ein Lieferfahrer schob sein Rad und zwei Jugendliche standen an einer Haltestelle und teilten sich die Projektion eines Displays.
Eine Frau führte einen Hund.
Normalität.
Wieder dieses Wort.
Alexia stand auf.
Diesmal griff sie unter den Tisch.
Der Tasmanian Tiger kam mit einer einzigen flüssigen Bewegung hoch.
Adi’ra sah genauer hin.
Nicht demonstrativ.
Der Rucksack war tatsächlich älter, gut gepflegt, aber häufig getragen. Eine seitliche Fläche zeigte leichte Scheuerspuren. Die Schultergurte hatten jene Form angenommen, die hochwertiges Material erst nach Jahren bekam: nicht verschlissen, sondern angepasst.
Alexia bemerkte den Blick.
„Nein.“
„Ich habe noch immer nichts gefragt.“
„Du wirst ihn nicht hier auseinandernehmen.“
„Das hatte ich nicht vor.“
„Du denkst darüber nach.“
„Nur oberflächlich.“
„Adi’ra.“
„Rein professionelles Interesse.“
Alexia schob einen Arm durch den Schultergurt, dann den zweiten.
Der Rucksack setzte sich dicht an ihren Rücken.
Nicht schwer genug für ein komplettes Feldsetup, registrierte Adi’ra, sagte aber nichts.
Später.
Alexia richtete die Gurte mit zwei kurzen Bewegungen.
„Bereit?“
Adi’ra sah ein letztes Mal durch das Café.
Menschen, Gläser, Kaffee, Eis, ein Serviceroboter und das vertraute Summen der Kühlung.
Eine kleine Welt, die weiterlief, als gäbe es keinen Grund, dass zwei Menschen an einem Tisch gerade beschlossen hatten, ihre nächsten Stunden vollkommen anders zu verbringen als geplant.
Dey stand auf.
„Nein.“
Alexia sah dey an.
„Was?“
Adi’ra zog die Jacke zurecht.
„Bereit bin ich nicht.“
Dey blickte zur Tür.
„Aber wir gehen trotzdem.“
Alexia nickte.
Gemeinsam traten sie hinaus.
Die Glastür schloss sich hinter ihnen.
Für einige Sekunden spiegelte die abgedunkelte Scheibe nur die Straße.
Dann wechselte die Anzeige im Fenster zurück zur Tageskarte des Cafés.
Als wäre nichts geschehen.
Adi’ra griff Alexia mit der rechten Hand an die Schulter und raunte ihr ins Ohr: „Stay liquid.“
Alexia erinnerte sich schlagartig an die inzwischen ziemlich alte SWAT-Serie und wusste direkt, was Adi’ra damit meinte…



