Teil 1 – Ankommen
Die Rückfahrt aus Hamburg war eigentlich keine lange Strecke gewesen, zumindest nicht, wenn man nur die Kilometer betrachtet hätte. Glinde lag nicht am anderen Ende der Welt, sondern wenige Kilometer östlich der Stadtgrenze. Doch zwischen dem Abend in Hamburg und dem Moment, in dem Adi’ra tatsächlich zuhause ankommen würde, lagen noch mehrere kleine Übergänge, und jeder einzelne davon verlangte Aufmerksamkeit.
Der Weg durch den HVV war eine dieser typischen Hamburger Bewegungen, bei denen ein Mensch, der die Stadt kennt, irgendwann aufhört, die einzelnen Entscheidungen bewusst wahrzunehmen. Welcher Bahnsteig? Welche Richtung? Welche Verbindung ist trotz einer kleinen Verzögerung noch sinnvoll? Wo lohnt sich der kurze Umstieg, und wann ist es besser, einfach zu warten?
Für Adi’ra waren solche Situationen nie nur reine Wege von A nach B gewesen. Jede Bewegung durch eine Großstadt bedeutete auch, unzählige Informationen gleichzeitig zu verarbeiten: Menschen, Geräusche, Durchsagen, Bewegungen, Gerüche, unausgesprochene Regeln darüber, wie dicht man nebeneinander steht, wann man Blickkontakt vermeidet und wann man höflich ausweicht.
Alexia kannte diese Momente.
Sie sagte nicht viel dazu, weil sie wusste, dass Adi’ra nicht unbedingt jemanden brauchte, der kommentierte, was gerade passierte. Manchmal war es hilfreicher, einfach da zu sein.
Sie gingen gemeinsam durch die Stationen, wechselten die Verbindungen, warteten und bewegten sich weiter, bis sie schließlich am P+R-Parkplatz in Oststeinbek ankamen.
Dort stand der Ranger auf dem mit Photovoltaik überdachten Parkplatz. Zum Glück vor der Sonne geschützt, sonst hätte Adi’ra den Ford erst zum Auskühlen durchlüften müssen.
Und mit dem Moment, in dem Adi’ra die Tür öffnete, änderte sich etwas.
Nicht die Entfernung und nicht die Zeit, nur das Gefühl.
Der Innenraum des Fahrzeugs war vertraut, denn hier gehörten die Abläufe Adi’ra. Hier musste dey nicht mehr jede Bewegung fremder Menschen einschätzen. Hier gab es keine unbekannten Sitznachbarn, keine wechselnden Geräuschquellen, keine ständige soziale Navigation, sondern nur noch sieben Minuten Fahrt.
Sieben Minuten zwischen einem langen Tag in der Stadt und dem Ankommen zuhause.
„Jetzt ist es fast geschafft“, sagte Alexia, während sie sich anschnallte.
Adi’ra startete den Motor.
„Fast.“
Alexia grinste.
„Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der bei sieben Minuten Fahrt noch eine mentale Übergangsphase braucht.“
„Diese sieben Minuten sind wichtig.“
„Natürlich sind sie das.“
Adi’ra musste lachen.
Denn Alexia sagte es nicht spöttisch.
Sie verstand es.
Als der Ranger schließlich in der Einfahrt stand, war Kasandra bereits an der Tür.
Natürlich.
Adi’ra musste lächeln, noch bevor dey ausgestiegen war.
Kasandra hatte die Reise verfolgt. Nicht aus Misstrauen, sondern aus derselben Mischung aus Fürsorge und Organisation, die Adi’ra selbst nur zu gut kannte. Sie wusste ungefähr, wann sie eintreffen würden, und sie wusste, dass Alexia dabei war. Sie hatte sie entsprechend mit eingeplant.
„Ihr seid da!“
Es war keine Frage.
Alexia schloss die Autotür und sah zu Kasandra.
„Du hast gewartet.“
„Natürlich habe ich gewartet.“
„Du hättest auch einfach etwas mit Nana unternehmen können.“
Kasandra verschränkte die Arme.
„Und du hättest mich beinahe beleidigt, wenn ich das getan hätte.“
Alexia lachte.
Dann gingen die beiden aufeinander zu.
Die Umarmung war nicht die vorsichtige Begrüßung zweier Menschen, die sich nach langer Zeit erst wieder annähern mussten. Es war die Umarmung von Menschen, die bereits wussten, wo sie einander einordnen konnten. Alexia begrüßte Kasandra mit einer Vertrautheit, die zeigte, dass zwischen ihnen bereits eine eigene Geschichte existierte.
Nicht alles musste erklärt werden, nicht alles musste neu verhandelt werden.
Adi’ra beobachtete die beiden einen Moment lang und spürte diese seltsame Mischung aus warmer Freude und Wehmut, die manchmal auftauchte, wenn Vergangenheit und Gegenwart plötzlich denselben Raum einnahmen.
Nana stand abwartend lächelnd etwas hinter Kasandra.
Als Alexia sich ihr zuwandte, war die Begrüßung anders, nicht kühler, nur anders.
Eine herzliche Umarmung, offen und ehrlich, aber ohne die Selbstverständlichkeit einer jahrelang gewachsenen Vertrautheit, ohne gleich abgeknutscht zu werden.
Nana bemerkte diese Unterschiede.
Sie bemerkte viele Unterschiede, und sie würde im Laufe dieses Abends noch einige weitere entdecken.
„Bevor ihr beide jetzt anfangt, alles umzuräumen im Ranger und neu zu organisieren, wird gegessen.“
Kasandra sagte es mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der wusste, dass Diskussionen darüber zwecklos waren.
Adi’ra wollte etwas erwidern, aber der eigene Körper entschied schneller.
„Ich habe Hunger.“
Alexia grinste.
„Das war erstaunlich schnell.“
„Ich bin lernfähig.“
„Nach all den Jahren?“
„Joa, Manchmal.“
Die Küche war bereits vorbereitet.
Kasandra hatte Pasta Bolognese-Vegetaria gekocht, mit einer leichten Schärfe, die Adi’ra mochte, und etwas mehr Käse in der Soße, damit sie nicht nur nach Tomaten schmeckte, sondern nach einem Essen, das tatsächlich satt machte und Wärme vermittelte.
Es war kein besonderes Festessen, aber gerade deshalb war es besonders.
Vier Teller standen auf dem Esstisch des Essbereichs, von wo die Küche abging.
Vier Menschen verteilten sich um den länglichen Tisch, vier die nach unterschiedlichen Wegen und aus unterschiedlichen Lebensabschnitten zusammengekommen waren und jetzt einfach gemeinsam aßen.
Während der ersten Minuten ging es nicht um große Themen.
Es ging um Essen, um die Fahrt und um Kleinigkeiten.
Erst danach verschob sich das Gespräch langsam zur Reise.
„Morgen müssen wir den Ranger noch einmal neu sortieren“, sagte Adi’ra und betrachtete gedankenverloren den leeren Platz neben dem Teller, wo an Wochenenden gerne mal ein Glas mit Portwein den Blick einfing.
Alexia hob den Blick.
„Wegen meiner Sachen?“
„Wegen allem. Deine Ausrüstung, zusätzliche Kleidung, Zugriffsmöglichkeiten. Wir müssen überlegen, was wirklich schnell erreichbar sein muss und was weiter nach hinten kann.“
Nana beobachtete dey.
Diese Art zu denken.
Nicht hektisch, nicht chaotisch, eher wie jemand, der im Kopf bereits mehrere Szenarien gleichzeitig durchspielte.
Kasandra kannte diesen Blick, Alexia kannte ihn auch.
Nana lernte ihn gerade erst kennen.
„Und HESAYA?“, fragte Alexia.
„Plant die Route.“
„Natürlich.“
Adi’ra lächelte.
„Stockholm ist mein Ziel.“, legte Alexia kurzangebunden fest.
„Und danach?“
„Eigentlich weiter Richtung Oslo, Alexia lasse ich in Stockholm, da unternehmen wir noch was gemeinsam, bevor ich weiterfahre.“, routete Adi’ra die Reisestrecke weiter.
„Eigentlich?“
Adi’ra sah kurz zu den anderen.
„Der April ist ungewöhnlich heiß. Wenn die Wetterdaten weiter so bleiben, könnte ich mich entscheiden, ab Stockholm weiter nach Norden zu fahren.“
Kasandra schüttelte leicht den Kopf.
„Natürlich könntest du.“
„Was?“
„Andere Menschen fahren in den Urlaub.“
„Und ich?“
„Du planst Expeditionen mit Wetterdaten.“
Adi’ra musste lachen.
„Das ist unfair.“
„Nein“, sagte Kasandra. „Das ist sehr genau.“
Nach dem Essen räumten sie gemeinsam auf und wechselten später in den linken Teil des Wohnzimmers. Der niedrige Raumtrenner zwischen Essbereich und Couch nahm dem Raum nichts von seiner Offenheit, sondern gab ihm zwei unterschiedliche Stimmungen: den funktionalen Bereich, in dem geplant und organisiert wurde, und den ruhigeren Bereich, in dem Menschen einfach zusammensaßen.
Adi’ra ging zur Vitrine.
Dort stand neben dem Portwein der Met , daneben die vier dazu passenden Tonbecher.
Dey nahm die Flasche Met geschmeidig mit der linken Hand raus und anschließend landeten die vier Becher auf dem Wohnzimmertisch. Irgendwie passend zu der sich nun gemeinsamen Fahrt nach Schweden, in das Land der Vikinger, dachte Adi’ra lächelnd.
Alexia sah die Bewegungen und ihr ihre Mimik veränderte sich nur für einen kurzen Moment, aber natürlich bemerkte Adi’ra es.
Denn manche Menschen tragen Erinnerungen nicht nur im Kopf.
Manche warten in einem einzigen Blick.
Identität im Quantennebel - Kapitel 6 – Zwischen Leder, Met und unausgesprochenen Regeln
Teil 2 – Alte Gürtel und neue Reisepläne




