Nana hatte irgendwann aufgehört, Fragen sofort zu stellen.
Das fiel Adi’ra erst auf, als dey nach dem Tonbecher griff und feststellte, dass der Met darin nur noch einen schmalen bernsteinfarbenen Rest bildete. Eine ganze Weile musste vergangen sein, seit Alexia von der Dragon Sauna erzählt hatte, von diesen merkwürdigen Abenden, an denen ein Raum gleichzeitig offen und verschlossen wirken konnte, voller nackter Körper, offensichtlicher sexueller Möglichkeiten und doch unsichtbarer Grenzen, die niemand am Eingang erklärte. Draußen hinter den Fenstern lag Glinde längst dunkel und still. Im Wohnzimmer brannte nur noch das warme Licht der kleineren Lampen; die große Deckenbeleuchtung hatte niemand eingeschaltet. Auf dem niedrigen Raumteiler zwischen Wohn- und Essbereich standen noch zwei Teller, die eigentlich längst in die Küche gehört hätten, und aus Richtung des Esstisches war irgendwo ein leises elektronisches Geräusch zu hören, wahrscheinlich eines der Geräte, das beschlossen hatte, sich selbst in irgendeinen Schlafmodus zu versetzen.
Nana saß mit angezogenen Beinen seitlich im Sessel und hielt ihren Becher mit beiden Händen. Sie hatte in den vergangenen Stunden mehrmals dieses Gesicht gemacht, das Adi’ra von ihr kannte: erst Überraschung, dann ein kurzes Stirnrunzeln, danach jene konzentrierte Ruhe, in der sie Dinge nicht bloß hörte, sondern irgendwo im eigenen inneren Ordnungssystem neu einsortierte.
Es war vermutlich eine Menge neu zu sortieren.
Alexia hatte einen Arm über die Rückenlehne des Sofas gelegt und war tiefer in die Polster gerutscht. Kasandra saß neben ihr, nicht eng an sie gedrängt, aber nah genug, dass ihre Knie sich gelegentlich berührten, ohne dass eine von beiden darauf reagierte. Die Vertrautheit darin war so selbstverständlich, dass sie beinahe unsichtbar wurde. Vielleicht war es genau das, was Nana schließlich zu ihrer nächsten Frage brachte.
„Und das hat dich nie gestört?“
Kasandra hob den Blick.
„Was?“
Nana deutete mit einer kleinen Bewegung zwischen Alexia und Adi’ra hin und her. „Na ja. Das alles. Dass da andere Menschen waren. Dass da offenbar ziemlich viel Nähe war. Nicht nur ein bisschen Flirten.“
Alexia verzog amüsiert einen Mundwinkel.
„Ein bisschen Flirten wäre jetzt auch eine sehr kreative Zusammenfassung.“
„Ich versuche gerade, diplomatisch zu bleiben.“
„Warum? Wir sind doch unter uns.“
Nana musste lachen, aber ihr Blick blieb bei Kasandra.
Adi’ra kannte die Frage. Nicht exakt diese Formulierung, aber das dahinterliegende Denkmodell. Irgendwo musste es doch einen Punkt geben, an dem Besitzanspruch begann. Einen Moment, in dem ein geliebter Mensch zu viel mit jemand anderem teilte. Einen Grenzstein, der sagte: bis hierhin Freundschaft, bis hierhin Sexualität, bis hierhin darfst du jemand anderem gehören.
Kasandra nahm einen kleinen Schluck Met, bevor sie antwortete.
„Heute? Nein.“
Nana blinzelte. „Heute.“
„Du hast gefragt, ob es mich nie gestört hat. Das ist etwas anderes.“
Adi’ra sah zu ihr hinüber und wusste schon, wohin sie ging.
Kasandra bemerkte den Blick.
„Was?“
„Nichts.“
„Du grinst.“
„Weil ich glaube, dass ich weiß, was jetzt kommt.“
„Dann halt den Mund und lass mich meine eigene Vergangenheit erzählen.“
Alexia lachte leise.
Und für einen kurzen Moment saßen sie einfach da, vier Menschen in einem warmen Wohnzimmer, während draußen eine Straße lag, in der um diese Uhrzeit kaum noch jemand unterwegs war, und Adi’ra dachte daran, wie merkwürdig weit entfernt jene frühen Jahre inzwischen wirkten. Nicht, weil sie vergessen waren. Eher weil die Menschen, die damals in ihnen gelebt hatten, nur noch teilweise dieselben waren.
Kasandra drehte den Becher zwischen ihren Händen.
„Natürlich war ich eifersüchtig“, sagte sie schließlich. „Am Anfang. Wir beide waren es.“
Adi’ra nickte.
„Die ersten Jahre ziemlich normal sogar.“
„Ziemlich normal?“ Nana fragte es mit leichter Skepsis.
„Vielleicht fünf Jahre“, sagte Adi’ra. „Nicht permanent. Aber es war da. Unsicherheit. Dieses Gefühl, man müsste aufpassen, dass einem etwas nicht weggenommen wird.“
Kasandra sah kurz zu dey.
„Und ein teilweise ziemlich beschissenes Selbstwertgefühl.“
„Das auch.“
„Bei uns beiden.“
„Ja.“
Es war seltsam, darüber mit dieser Ruhe zu sprechen. Damals hatten manche Situationen alles andere als ruhig gewirkt. Ein Blick zu lange, eine Nachricht, deren Bedeutung man nicht verstand, ein Mensch, der plötzlich interessanter zu sein schien als man selbst, und irgendwo im Kopf begann dieses uralte kleine Rechenprogramm zu laufen: Was hat die andere Person, das ich nicht habe? Was, wenn das mehr ist? Was, wenn ich irgendwann nicht mehr genüge?
Heute erschien Adi’ra diese Vorstellung beinahe fremd, aber dey konnte sich noch an ihre körperliche Schwere erinnern.
Eifersucht war nie nur ein Gedanke gewesen.
Sie konnte sich im Brustkorb festsetzen, den Magen zusammenziehen und aus zehn unvollständigen Informationen eine Geschichte bauen, die sich innerhalb weniger Minuten wie Gewissheit anfühlte.
„Wir hatten damals auch noch nicht das Vertrauen, das wir später hatten“, sagte Kasandra. „Man kann nach zwei oder drei Jahren sagen, dass man einem Menschen vertraut. Und das stimmt wahrscheinlich sogar. Aber es ist etwas anderes, ob man Vertrauen behauptet oder ob man irgendwann fünfzehn Situationen hinter sich hat, in denen alles hätte auseinanderbrechen können und es trotzdem nicht passiert ist.“
Nana wurde still.
Adi’ra beobachtete Kasandra und spürte etwas, das mit Nostalgie nur unzureichend beschrieben gewesen wäre. Die Bilder, die dazugehörten, waren nicht romantisch. Krankenhäuser. Existenzängste. Arbeit. Zusammenbrüche. Eltern. Geld. Abschiede. Phasen, in denen einer von ihnen kaum noch wusste, wo oben und unten war und der andere irgendwie weiterfunktionierte. Entscheidungen, für die es keine gute Variante gab. Nächte, in denen sie sich gestritten hatten, und andere, in denen sie kaum miteinander sprechen konnten, weil einfach keine Energie mehr übrig gewesen war.
Liebe wurde in solchen Jahren von erstaunlich vielen Dingen befreit, die man anfangs für Liebe hielt.
Kasandra lehnte den Kopf gegen die Rückenlehne.
„Irgendwann wussten wir einfach, dass wir bleiben.“
Es war kein pathetischer Satz. Gerade deshalb blieb er im Raum.
Adi’ra sah auf den eigenen Becher.
Sie hatten nie feierlich beschlossen, weniger eifersüchtig zu werden. Es hatte keinen Abend gegeben, an dem sie Regeln auf ein Blatt geschrieben und Besitzdenken abgeschafft hatten. Die alten Unsicherheiten waren vielmehr Stück für Stück von etwas anderem verdrängt worden: von Erfahrung, vom wiederholten Erleben, dass individuelle Räume keine Bedrohung waren, von der Erkenntnis, dass Nähe nicht dadurch stabiler wurde, dass man den Bewegungsradius des anderen verkleinerte.
Aus „Wo bist du?“ war irgendwann „Viel Spaß“ geworden.
Aus „Warum willst du ohne mich dorthin?“ war „Erzähl mir, ob es schön war“ geworden.
Und später nicht einmal mehr das, wenn der andere nichts erzählen wollte.
Nicht aus Gleichgültigkeit.
Aus Sicherheit.
„Also habt ihr euch irgendwann einfach nicht mehr kontrolliert“, sagte Nana.
Kasandra schüttelte den Kopf.
„Das klingt mir zu technisch. Wir mussten es nicht mehr.“
Adi’ra hob den Blick.
„Und irgendwann passiert noch etwas anderes. Du lässt dem Partnermenschen nicht nur Freiraum, weil du gelernt hast, ihn auszuhalten. Du fängst an, dich über das zu freuen, was dieser Mensch darin findet.“
„Auch wenn du selbst nichts davon hast?“
„Ich habe doch etwas davon.“
Nana wartete.
„Ein Mensch, den ich liebe, kommt glücklich zurück.“
Alexia lächelte.
Kasandra ergänzte: „Das ist ein ziemlich guter Gewinn.“
Nana sah zwischen ihnen hin und her.
„Also nicht: Ich ertrage, dass da jemand anderes ist.“
„Nein“, sagte Adi’ra. „Das wäre ein verdammt niedriger Anspruch.“
Kasandra lachte.
Adi’ra legte den Kopf etwas schief.
„Irgendwann war die wichtigere Frage nicht mehr: Warum bin ich nicht die Ursache dieses schönen Erlebnisses? Sondern: Warum sollte ich wollen, dass ein Mensch, den ich liebe, weniger schöne Erlebnisse hat, nur damit ich mich wichtiger fühlen kann?“
Nana antwortete darauf nicht sofort.
Und Alexia, die bisher ungewöhnlich still geblieben war, sah kurz zu Adi’ra, dann zu Kasandra. Vielleicht erinnerte sie sich ebenfalls daran, wie ungewöhnlich diese Selbstverständlichkeit damals auf andere Menschen gewirkt hatte. Wie oft Offenheit mit Regellosigkeit verwechselt worden war und Bindung mit Exklusivität.
Dabei war es beinahe das Gegenteil gewesen.
Je weniger Besitz sie brauchten, desto wichtiger wurde Verlässlichkeit.
Wenn Kasandra Adi’ra brauchte, war Adi’ra da.
Wenn Adi’ra unterwegs war, konnte Kasandra anrufen.
Wenn einer von beiden wirklich sagte: „Ich brauche dich jetzt“, verloren erstaunlich viele andere Dinge plötzlich ihre Bedeutung.
Freiheit funktionierte nur, weil darunter etwas lag, das nicht bei jeder Bewegung neu verhandelt werden musste.
„Vielleicht“, sagte Adi’ra langsam, „wurde unsere Beziehung irgendwann sicher genug, dass sie Platz brauchte und keine Mauern mehr.“
Kasandra sah zu dey.
„Das ist kitschig.“
„Aber gut.“
„Leider ja.“
Alexia hob ihren Becher.
„Darauf trinke ich.“
⸻
Es war Nana, die das Gespräch wenig später wieder zu den alten Clubs zurückbrachte.
Nicht weil sie mehr sexuelle Details wollte, jedenfalls behauptete sie das mit einer Vehemenz, die Alexia sofort verdächtig fand, sondern weil ihr etwas anderes keine Ruhe ließ.
„Ich verstehe trotzdem eine Sache nicht“, sagte sie. „Wenn diese Orte so offen waren – warum beschreibst du dann ständig, dass du dich dort gleichzeitig ausgeschlossen gefühlt hast?“
Adi’ra lächelte schwach.
Da war sie wieder, diese Frage.
Vielleicht sogar die eigentliche.
Dey stellte den Becher ab und sah einen Augenblick in das dunkle Fenster, in dem sich das Zimmer spiegelte.
„Weil sexuelle Offenheit und soziale Offenheit zwei verschiedene Dinge sind.“
Alexia bewegte kaum merklich den Kopf. Zustimmung.
„Man kann einen Raum haben, in dem Menschen voreinander nackt sind, Sex haben, BDSM spielen, sich anfassen, küssen, schlagen lassen, und trotzdem gelten dort soziale Codes, die enger sind als in irgendeiner langweiligen Büroküche.“
Nana zog die Augenbrauen hoch.
„Das klingt absurd.“
„Menschen sind absurd.“
„Sehr wissenschaftliche Erklärung.“
„Ich bin Schriftsteller, kein Labor.“
„Noch schlimmer.“
Adi’ra grinste.
Doch das Bild, das hinter der Antwort lag, war weniger leicht.
Dey sah sich wieder in jenen Jahren, schwerer als heute, mit Bart, einem Körper, der von beinahe jedem Menschen innerhalb einer Sekunde als männlich einsortiert worden war. Niemand hatte nach Pronomen gefragt. Niemand hatte wissen können, was in dey passierte, bevor Adi’ra selbst Worte dafür fand.
Ein Körper betrat einen Raum.
Der Raum las ihn.
Und diese Lesart bestimmte erstaunlich viel.
Im einen Club bedeutete der Körper: zu dick, zu männlich, nicht interessant.
Auf einer XXL-Veranstaltung konnte derselbe Körper plötzlich Teil des ausdrücklich Begehrten sein.
Im Catonium, mit Lederweste, Armschienen und den schweren Lederstreifen des Outfits, wurde aus Masse Präsenz. Dort las man nicht zuerst dieselbe Geschichte. Haltung, Kleidung, Rolle und Auftreten veränderten den Code.
Nichts am Körper hatte sich innerhalb dieser wenigen Tage verändert.
Nur der Raum.
„Das war eine der merkwürdigsten Erkenntnisse“, sagte Adi’ra. „Mein Körper war derselbe. Nur der Raum entschied jedes Mal neu, was er bedeutete.“
Nana sah dey lange an.
Alexia kannte diesen Satz noch nicht, aber sie kannte die Erfahrung dahinter.
Sie erinnerte sich an Adi’ra im Catonium, an Leder, an diese Mischung aus Unsicherheit und neugieriger Überforderung beim ersten Besuch und später an das genaue Gegenteil: an einen Menschen, der durch dieselben Räume ging, als hätte der Körper endlich aufgehört, etwas zu sein, für das man sich entschuldigen musste.
Der Ledergurt war nur der spektakulärste Teil der Geschichte gewesen.
Vielleicht nicht einmal der wichtigste.
Wichtiger war das, was davor passiert war.
Die Frage.
Die Erlaubnis.
Das Vertrauen.
Und dann diese merkwürdige Fähigkeit von Adi’ras Nervensystem, in intensiver körperlicher Wahrnehmung etwas zu finden, das von außen wie Überforderung hätte aussehen können und sich innen beinahe wie Ordnung anfühlte.
Alexia kannte den Unterschied.
Andere damals nicht immer.
„Im Catonium“, sagte sie, „warst du jedenfalls deutlich weniger unsichtbar.“
„Danke.“
„Das war positiv gemeint.“
„Ich weiß.“
„Und der Rock war geil.“
Kasandra lachte in ihren Becher.
Nana schüttelte langsam den Kopf.
„Ich werde das Bild vermutlich nie wieder los.“
„Dann hat der Abend doch schon etwas gebracht.“
⸻
Die Dragon Sauna war anders.
Schon die Erinnerung daran fühlte sich anders an.
Wärmer. Feuchter. Lauter in einer gedämpften Art, weil Stimmen, Wasser und Türen sich in Saunaräumen anders durch Gebäude bewegten. Männerkörper, Handtücher, Blicke, dieses schnelle gegenseitige Abtasten ohne Berührung, das überall dort entstand, wo Menschen versuchten herauszufinden, wer verfügbar war, wer wen suchte und welche Regeln galten.
Donnerstag war offener gewesen.
Formal jedenfalls.
Alle durften hinein.
Aber alle dürfen hinein bedeutete nicht automatisch, dass alle gleich gut in den Raum passten.
Adi’ra hatte lange gebraucht, um diesen Unterschied zu verstehen.
Nackt fiel jedes Kleidungsstück weg, mit dem dey zuvor Einfluss darauf nehmen konnte, wie der eigene Körper gelesen wurde. Keine Lederweste. Keine Armschienen. Kein bewusst gewähltes Spiel mit Geschlecht und Rolle.
Nur Körper.
Und Körper wurden schnell gelesen.
Männlich.
Dick.
Nicht der Typ, nach dem die meisten der dort anwesenden Männer suchten.
Nonbinär existierte in diesem schnellen visuellen Sortiersystem kaum.
Nicht aus Bosheit. Oft vermutlich nicht einmal bewusst.
Aber es existierte praktisch nicht.
„Und manchmal“, sagte Adi’ra, „war das Nichtbeachtetwerden fast angenehmer als das Gegenteil.“
Nanas Blick wurde schärfer.
Sie kannte den Tonfall.
„Grenzen?“
Adi’ra nickte.
Es gab Erinnerungen, die selbst Jahrzehnte später sofort eine körperliche Reaktion erzeugten. Nicht groß. Kein Trauma, das den Raum übernahm. Eher dieses kleine innere Zurückweichen, wenn jemand zu nah kam.
Hände, die ohne Frage dort landeten, wo sie nicht hingehörten.
Körper, die Distanz nicht als Information verstanden.
Ein Nein, das wiederholt werden musste.
Manchmal Deutsch, manchmal Englisch, manchmal nur noch eine Handfläche gegen einen Brustkorb, nicht aggressiv, aber deutlich genug, dass kein Interpretationsspielraum mehr blieb.
Und gelegentlich kam derselbe Mensch wenige Minuten später wieder.
Für Adi’ra war das Schlimmste daran nicht einmal die Berührung gewesen.
Es war der Zusammenbruch des gesamten sozialen Modells.
Wenn ein Raum mit sexueller Freiheit warb, musste Zustimmung darin eigentlich präziser werden, nicht ungenauer.
Freiheit funktionierte nur, wenn ein Nein nicht verhandelt werden musste.
„Dann ist die Stimmung einfach tot“, sagte Adi’ra. „Bei mir zumindest. Ich kann innerhalb von Sekunden von neugierig oder erregt zu komplett raus wechseln. Nicht weil Berührung an sich schlimm wäre, sondern weil mein Kopf plötzlich nur noch damit beschäftigt ist, die Umgebung auf Sicherheit zu prüfen.“
Alexia nickte.
„Das hattest du schon immer.“
„Ja.“
Nana dachte an ihre eigenen Gründe, weshalb sie sich irgendwann aus all diesen Dingen zurückgezogen hatte, lange bevor sie Adi’ras Geschichten kannte. Ihre Erfahrungen waren andere gewesen. Andere Männer, andere Situationen, andere Verletzungen. Irgendwann hatte sie beschlossen, dass Ruhe mehr wert war als die Hoffnung, unter zwanzig Begegnungen vielleicht eine gute zu finden.
Damals waren ihre Kinder noch zu Hause gewesen oder gerade an dieser merkwürdigen Grenze zum Erwachsensein, an der sie gleichzeitig unabhängig sein wollten und für erstaunlich viele Dinge weiterhin die Mutter brauchten.
Nana hatte keine Energie für zusätzliche Unordnung gehabt.
Sie hatte lange geglaubt, das sei Feigheit gewesen.
Heute war sie sich da nicht mehr sicher.
Vielleicht konnte Rückzug genauso gut eine Entscheidung sein wie Erkundung.
„Ich bin damals einfach gar nicht erst in diese Welten gegangen“, sagte sie.
Die anderen sahen zu ihr.
„Nicht nur wegen schlechter Erfahrungen. Ich hatte irgendwann schlicht keine Lust mehr, mich beweisen zu müssen. Nicht attraktiv genug, nicht locker genug, nicht irgendwas genug. Meine Kinder waren wichtiger. Und ich selbst brauchte Ruhe.“
Sie drehte den Becher langsam in ihren Händen.
„Vielleicht habt ihr gesucht, während ich aufgehört hatte zu suchen.“
Adi’ra schüttelte leicht den Kopf.
„Oder wir haben unterschiedliche Dinge gesucht.“
Nana sah auf.
„Was hast du denn gesucht?“
Die Antwort lag nicht sofort bereit.
Das überraschte Adi’ra.
Sex wäre einfach gewesen.
Menschen.
Erfahrungen.
Nähe.
Identität.
Alles stimmte, und nichts davon reichte.
Dey dachte an JoyClub, an Nachrichten, Treffen, Profiltexte und die eigentümliche Hoffnung, die immer wieder entstanden war, wenn ein Gespräch tiefer wurde als erwartet. An Menschen, bei denen es plötzlich schien, als könne aus einer sexuellen Bekanntschaft eine Freundschaft werden.
Manchmal war genau das der interessantere Teil gewesen.
Und erstaunlich oft war es genau dort kompliziert geworden.
„Vielleicht Verständlichkeit“, sagte Adi’ra schließlich.
Alexia sah zu dey.
Kasandra ebenfalls.
Adi’ra bemerkte es.
„Was?“
„Nichts“, sagte Kasandra. „Red weiter.“
Dey wusste, dass sie log.
Nicht inhaltlich. Sie wollte gerade wirklich nichts einwerfen. Aber etwas an diesem einen Wort hatte sie getroffen.
Verständlichkeit.
Vielleicht weil es so viel von Adi’ras Leben zusammenfasste.
„Sex war vergleichsweise einfach“, sagte dey. „Nicht immer praktisch, aber strukturell. Man konnte fragen: Willst du? Willst du nicht? Magst du das? Magst du etwas anderes? Wenn Leute vernünftig miteinander umgehen, kann man unglaublich komplexe Dinge ziemlich präzise aushandeln.“
Nana musste grinsen.
„Du hast Sex in ein Netzwerkprotokoll verwandelt.“
„Natürlich.“
„War klar.“
„Aber soziale Beziehungen funktionieren nicht so. Da behaupten Menschen etwas und meinen vielleicht etwas anderes. Sie sagen, sie wollen Nähe, aber nur bis zu einem Punkt, den sie selbst nicht kennen. Sie sagen, Ehrlichkeit sei wichtig, bis eine ehrliche Antwort unangenehm wird. Sie möchten Tiefe, solange Tiefe nichts kostet.“
Kasandra kannte diese Gespräche.
Sie kannte auch die andere Seite davon.
Adi’ras beinahe schmerzhafte Aufmerksamkeit für Inkonsistenzen. Einen Nebensatz, der nicht zu einer Geschichte passte. Eine veränderte Formulierung. Einen Widerspruch, den andere Menschen vielleicht schlicht vergessen hätten und der in Adi’ras Kopf wie ein rotes Statuslicht weiterblinkte.
Nicht, weil dey Menschen ständig beim Lügen erwischte.
Manchmal gab es eine völlig harmlose Erklärung.
Aber das ungeklärte Signal blieb.
Und mit AuDHS konnte ein kleines ungeklärtes Signal erstaunlich viel Rechenleistung fressen.
„Du konntest Widersprüche nie einfach liegen lassen“, sagte Kasandra.
„Kann ich heute auch nicht.“
„Du bist besser darin geworden.“
„Ich bin besser darin geworden, nicht jeden Menschen damit zu nerven.“
„Das meinte ich.“
Alexia lachte.
„Fortschritt.“
Adi’ra zeigte ihr den Mittelfinger.
Nana lächelte, wurde dann aber wieder ernst.
„Und deshalb sind diese Kontakte verschwunden?“
„Manche. Andere einfach, weil Leben passiert. Manche Menschen wollten wahrscheinlich wirklich nur Sex und fanden unsere Vorstellung von Freundschaft zu intensiv. Bei manchen dachten wir, da entsteht etwas, und nach ein paar Monaten war es weg. Manchmal waren wir sicher auch selbst anstrengend.“
Kasandra hob die Augenbrauen.
„Manchmal?“
„Ich versuche gerade, mein historisches Ich nicht unnötig zu beleidigen.“
„Das hält das aus.“
Es war leicht, darüber zu lachen, weil genügend Jahre dazwischenlagen.
Damals hatte es wehgetan.
Nicht jede verlorene Bekanntschaft. Aber jene, bei denen kurz die Hoffnung entstanden war, endlich einen Menschen gefunden zu haben, bei dem weder Maskieren noch Vereinfachen nötig war.
Sexuelle Offenheit bedeutete nicht automatisch soziale Offenheit.
Das hatten sie gelernt.
Manche Menschen konnten völlig selbstverständlich nackt vor Fremden stehen und bekamen Angst, sobald ein Gespräch emotional nackt wurde.
⸻
Der Bruch kam nicht mit einer Entscheidung.
Kein letzter Clubabend.
Kein dramatischer Abschied von irgendeiner Szene.
Kein Morgen, an dem Adi’ra aufstand und beschloss, dass diese Phase nun beendet sei.
Das Leben wechselte einfach das Betriebssystem, ohne vorher nach Kompatibilität zu fragen.
2023 klingelte das Telefon.
Danach klingelte es sehr oft.
Gericht.
Ärzte.
Einrichtungen.
Versicherungen.
Bank.
Behörden.
Menschen, deren Namen Adi’ra irgendwann nur noch zusammen mit Aktenzeichen abspeicherte.
Der Vater.
Die rechtliche Betreuung.
Die Mutter.
Ein Haus.
Konten.
Rechnungen.
Fragen, die niemand beantwortete, wenn Adi’ra sie nicht stellte.
Entscheidungen, für die niemand zuständig zu sein schien, bis dey zuständig wurde.
Aus Wochenenden, die einmal die Möglichkeit enthalten hatten, in Leder durch einen Club zu laufen, wurden Wochenenden, an denen ein einziges Telefonat genügte, um alle Pläne aufzulösen.
Nicht Pflege.
Adi’ra hatte den Vater nicht gewaschen, nicht angezogen, keine Medikamente gestellt und nie behauptet, Pflegeperson zu sein.
Es war etwas anderes.
Management eines Lebens, das sich selbst nicht mehr zuverlässig organisieren konnte.
Und daneben zunehmend auch das Leben der Mutter, obwohl dafür anfangs nicht einmal ein offizieller Auftrag existierte.
Formulare kannten keine Erschöpfung.
Behördenbriefe warteten geduldig.
Rechnungen hatten keine Rücksicht auf emotionale Überlastung.
Eine Entscheidung über einen Menschen ließ sich nicht vertagen, nur weil Adi’ras eigenes Nervensystem an diesem Tag bereits voll war.
Die Welt wurde enger.
Nicht, weil Adi’ra beschlossen hatte, sich aus ihr zurückzuziehen.
Andere Dinge wurden einfach größer.
Kasandra erinnerte sich an diese Jahre nicht als einzelne Ereignisse, sondern als permanente Bereitschaft.
Ein Telefon auf dem Tisch konnte jederzeit einen neuen Zustand herstellen.
Planung wurde vorläufig.
Termine wurden beweglich.
Arbeit, wie andere Menschen sie verstanden – morgens erscheinen, acht Stunden verfügbar sein, zuverlässig für eine Organisation funktionieren –, wurde zunehmend zu einer mathematischen Unmöglichkeit.
Und irgendwo zwischen all dem verschwanden die Clubs aus dem Kalender.
Nicht aus dem Kopf.
Nicht aus dem Begehren.
Nur aus dem Kalender.
Alexia hatte das damals aus größerer Entfernung erlebt.
Nachrichten wurden seltener.
Verabredungen unzuverlässiger.
Aus „Wann sehen wir uns?“ wurde häufiger „Mal schauen, wie es nächste Woche aussieht.“
Später hatte sie verstanden, dass dies kein langsamer Rückzug von ihr gewesen war.
Adi’ras Welt war nicht kleiner geworden, weil dey weniger wollte.
Sie war kleiner geworden, weil Verantwortung Raum fraß.
Ende 2024 starb der Vater.
Die rechtliche Betreuung endete damit.
Die Verantwortung nicht.
Sie wechselte nur ihre Form.
Die Mutter blieb.
Das Haus blieb.
Organisation blieb.
Und Adi’ra war inzwischen ein anderer Mensch als zwei Jahre zuvor.
Vielleicht nicht grundlegend.
Aber verschoben.
Als 2025 Journalismus und Schreiben immer mehr Raum einnahmen, war das nicht bloß eine neue Berufsbezeichnung gewesen. Es war ein Versuch, Arbeit so zu bauen, dass sie wieder in ein Leben passte, das sich nicht zuverlässig in Bürostunden zerlegen ließ.
Recherche konnte nachts stattfinden.
Texte konnten warten, wenn ein Anruf dazwischenkam.
Eine Geschichte ließ sich im Zug weiterdenken.
Und irgendwann wurde aus all den Dingen, die Adi’ra ohnehin tat – beobachten, Systeme zerlegen, Widersprüche sammeln, Menschen fragen, warum sie etwas für selbstverständlich hielten – eine Arbeit, für die genau diese Eigenschaften plötzlich nützlich waren.
Dinge, die anderswo störten, bekamen einen anderen Raum.
Wieder einmal entschied der Raum neu, was derselbe Mensch bedeutete.
⸻
Als Adi’ra ins Wohnzimmer zurückkehrte, war für ein paar Sekunden niemand sicher, ob dey überhaupt fort gewesen war.
Die Erinnerung hatte keine sichtbare Tür.
Nur der Met war inzwischen wärmer geworden.
Nana hatte ihren Becher abgestellt.
Alexia saß noch immer neben Kasandra, aber ihre vorherige leichte Ironie war verschwunden.
„Komisch“, sagte sie.
Adi’ra sah sie an.
„Was?“
„Wenn man es so hintereinander erzählt, klingt das wie verschiedene Leben.“
„Hat sich teilweise auch so angefühlt.“
„Dabei waren es nur ein paar Jahre.“
Kasandra strich mit dem Daumen über den Rand ihres Bechers.
„Ein paar Jahre können ziemlich lang sein.“
Nana schaute zu Adi’ra.
Sie dachte an all die Geschichten dieses Abends, an Leder, Sauna, JoyClub, Menschen, die Grenzen respektiert hatten, und andere, die es nicht getan hatten, an Körper, die in jedem Raum anders gelesen wurden, an ein Paar, das irgendwann aufgehört hatte, Liebe mit Besitz zu verwechseln, und dann an Telefone, Behörden und Verantwortung.
„Ich glaube“, sagte sie langsam, „ich habe den Fehler gemacht, das alles als sexuelle Phase zu sehen.“
Adi’ra hob leicht eine Augenbraue.
„Hast du?“
„Vorhin schon. So: Ihr wart halt eine Zeit lang wild.“
Alexia grinste.
„Waren wir auch.“
„Das meinte ich nicht.“
„Schade.“
Nana ignorierte sie.
„Aber eigentlich habt ihr doch dauernd getestet, wo ihr als Menschen reinpasst.“
Der Satz traf den Raum an einer unerwarteten Stelle.
Adi’ra sagte nichts.
Kasandra ebenfalls nicht.
Nana wurde unsicher.
„War das jetzt Quatsch?“
„Nein“, sagte Adi’ra.
Dey sah hinüber zum Fenster, in dem die vier als dunkle Spiegelbilder zwischen Lampen und Möbeln standen.
Vielleicht war es tatsächlich so einfach.
Nicht Sex.
Nicht BDSM.
Nicht Nonmonogamie.
Nicht Queerness.
Nicht AuDHS.
All das waren Teile davon.
Aber darunter lag die wiederkehrende Frage, die in beinahe jedem Abschnitt dieses Lebens aufgetaucht war:
Gibt es einen Raum, in dem ich nicht einen Teil von mir abschneiden muss, damit der Rest hineinpasst?
Im Catonium hatte dieser Raum für einige Stunden existiert.
Auf anderen Partys nur teilweise.
In Beziehungen manchmal.
In Freundschaften kurz.
Im Beruf selten.
Beim Schreiben zunehmend.
Vielleicht bestand ein großer Teil des Lebens schlicht darin, solche Räume zu suchen – oder sie irgendwann selbst zu bauen.
Nana nahm ihr Telefon vom Tisch.
Adi’ra bemerkte es zunächst nicht.
„Was machst du?“
„Nachsehen.“
„Wonach?“
„Ob du darüber damals schon geschrieben hast.“
Adi’ra lachte.
„Natürlich habe ich darüber geschrieben.“
„Das dachte ich mir.“
Nana tippte.
Alexia beugte sich etwas zu ihr.
„Findest du überhaupt noch etwas in diesem digitalen Friedhof?“
„Es ist das Internet. Da stirbt nichts richtig.“
„Leider.“
Ein paar Sekunden lang war nur das Tippen auf dem Display zu hören.
Dann hielt Nana inne.
„Oh.“
Adi’ra kannte dieses Oh.
„Was?“
„Ich glaube, ich hab was.“
Sie drehte das Telefon halb zu den anderen.
Auf dem Bildschirm stand ein alter Artikel. Veröffentlichungsdatum 2026.
Darüber das vertraute Layout einer Plattform, die längst mehrfach modernisiert, verkauft, umgebaut oder in irgendein anderes digitales Ökosystem integriert worden war, deren historische Inhalte aber noch immer erreichbar waren.
Nana las den Titel:
„Warum hinter Leder, Sex, Eifersucht und sozialen Räumen viel mehr steckt“
Alexia sah Adi’ra an.
„Natürlich hast du so einen Titel genommen.“
„Was stimmt damit nicht?“
„Nichts. Er ist nur hundert Prozent du.“
Nana begann zu lesen.
Zunächst schweigend.
Dann blieb ihr Blick an einem Satz hängen.
„Sexuelle Offenheit bedeutet nicht automatisch soziale Offenheit.“
Sie schaute auf.
Adi’ra lächelte nur.
Nana scrollte.
„Hier steht noch …“ Sie las weiter, diesmal langsamer. „Ein Raum kann jedem Menschen formell offenstehen und trotzdem so viele unsichtbare Zugangsbedingungen besitzen, dass sich Offenheit für manche nur auf der Eingangstür befindet.“
Alexia hob die Augenbrauen.
„Okay.“
„Was?“
„Den würde ich weiterlesen.“
„Ich auch.“
Nana scrollte wieder.
Ein weiterer Absatz erschien.
Nur teilweise.
Sie las die erste Zeile.
„Mein Körper war derselbe. Nur der Raum entschied jedes Mal neu, was er bedeutete.“
Dann endete der Text.
Unterhalb davon lag eine breite Fläche mit einem Hinweis.
Nana starrte auf das Display.
Scrollte.
Noch einmal.
„Nein.“
Adi’ra wusste bereits, was gekommen war.
„Doch.“
„Das ist hinter einer Paywall.“
Kasandra begann zu lachen.
„Du hast deinen eigenen Text hinter einer Paywall?“
„Offenbar.“
„Kannst du ihn lesen?“
„Ich bin der Autor.“
Nana sah empört auf ihr Telefon.
„Und ich nicht.“
„Du warst offensichtlich kein zahlendes Abo.“
„Ich kenne dich persönlich!“
„Das war dem Abrechnungssystem vermutlich egal.“
Alexia beugte sich über Nanas Schulter.
„Was kostet es?“
„Darum geht es nicht.“
„Natürlich geht es darum.“
„Nein. Es geht ums Prinzip.“
Adi’ra lehnte sich zurück und musste lachen.
Draußen war Glinde still.
Auf dem Tisch standen vier Tonbecher, in der Küche wartete Geschirr vom Abendessen, der Ranger stand fertig genug vor der Tür, um am nächsten Morgen Richtung Norden zu fahren, und irgendwo in einem mehr als zehn Jahre alten digitalen Archiv lag eine Analyse darüber, was all diese längst vergangenen Räume, Körper, Beziehungen und Konflikte vielleicht miteinander verbunden hatte.
Nana blickte noch einmal auf die wenigen sichtbaren Zeilen.
Dann auf Adi’ra.
„Du weißt schon, dass ich das jetzt lesen will.“
Adi’ra nahm den Becher und betrachtete den letzten Rest Met darin.
„Das war vermutlich damals schon der Geschäftsplan.“
Kasandra schnaubte.
„Unverschämt.“
„Journalismus.“
Alexia hob ihren Becher.
„Kapitalismus.“
Nana tippte noch einmal auf den ausgegrauten Text, als ließe er sich durch Beharrlichkeit überreden.
Nichts geschah.
Und während die anderen lachten, blieb ihr Blick für einen Moment auf dem Satz oberhalb der Sperre hängen.
Mein Körper war derselbe. Nur der Raum entschied jedes Mal neu, was er bedeutete.
Vielleicht, dachte Nana, ging es in diesem alten Text tatsächlich nicht um Sex.
Vielleicht ging es darum, warum manche Menschen ihr halbes Leben damit verbrachten, Räume zu suchen, in denen sie vollständig vorkommen durften.
Und warum andere irgendwann begannen, solche Räume selbst zu bauen.



