Warum wir Menschen oft nicht so wahrnehmen, wie sie sich zeigen, sondern sie in die nächstbekannte Schublade zurückübersetzen
Es reicht manchmal schon ein Foto.
Lange Haare, ein Sidecut, Schmuck und ein Oberteil mit weicherem Ausschnitt. Vielleicht sichtbare Oberweite, ein Gesicht, das andere trotzdem schnell als männlich einordnen.
Und schon beginnt im Kopf der betrachtenden Person eine kleine Sortiermaschine zu arbeiten.
Mann? Frau? Irgendetwas dazwischen?
Meist dauert diese Entscheidung keine bewussten zehn Sekunden. Sie geschieht beinahe automatisch. Menschen erkennen Gesichter, Körper, Kleidung und Bewegungen nicht neutral. Wir vergleichen das Gesehene mit Mustern, die wir über Jahre gelernt haben.
Genau darin liegt ein Problem für Menschen, die sich außerhalb der künstlichen binären Geschlechterordnung verorten.
Denn wenn das Gegenüber für „nichtbinär“ kein stabiles Wahrnehmungsmuster besitzt, verschwindet die Person nicht einfach aus der Wahrnehmung. Stattdessen wird sie übersetzt.
Eine feminin auftretende Person, die bei der Geburt dem männlichen Geschlecht zugeordnet wurde, kann dann schnell als „Mann in Frauenkleidung“, als Crossdresser, Dragqueen oder schlicht als besonders femininer Mann gelesen werden.
Eine maskulin auftretende Person, die bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeordnet wurde, landet dagegen vielleicht in Kategorien wie Tomboy, Butch oder maskuline Frau.
Die sichtbaren Informationen sind also durchaus angekommen, nur die Interpretation folgt einer älteren Landkarte.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Nichtbinäre Menschen werden nicht zwangsläufig deshalb falsch eingeordnet, weil ihre Identität vollkommen unsichtbar wäre. Manchmal werden sogar sehr viele Hinweise wahrgenommen. Nur werden diese Hinweise anschließend so lange in bekannte Kategorien übersetzt, bis wieder etwas Vertrautes herauskommt.
Der Körper ist kein Ausweis
Interessant wird es, wenn man künstliche Intelligenz nach demselben Problem fragt.
Zeigt man einem Bildsystem eine Person und fragt nach dem Geschlecht, wird es möglicherweise von Gesichtszügen, Bartschatten, Körperbau, Haaren oder Kleidung sprechen. Fragt man anschließend, ob sich daraus erkennen lasse, welche Geschlechtsorgane diese Person besitzt oder früher besessen hat, muss die Antwort vernünftigerweise anders ausfallen.
Nein!
Das lässt sich aus einem Foto nicht wissen.
Damit wird etwas sichtbar, was wir im Alltag häufig vergessen:
Ein System erkennt kein „biologisches Geschlecht“, wenn es ein Gesicht betrachtet. Es erkennt Muster, die in seinen Trainingsdaten häufig gemeinsam mit bestimmten Geschlechtsbezeichnungen vorkamen.
Menschen machen etwas sehr Ähnliches:
Bartschatten wird männlich gelesen. Eine deutlich sichtbare Brust wird weiblich gelesen. Breite Schultern verschieben die Wahrnehmung in die eine Richtung, Make-up möglicherweise in die andere. Stimme, Kleidung, Frisur, Haltung und Schmuck liefern weitere Hinweise.
Aber Hinweise sind keine Gewissheiten, sie sind kulturell gelernte Marker!
Und manche Marker wiegen offenbar deutlich schwerer als andere.
Nichtbinäre Sichtbarkeit ist nicht symmetrisch
Hier wird es besonders interessant:
Viele nichtbinäre Menschen verändern ihre äußere Erscheinung, weil sie sich damit wohler fühlen oder weil sie möchten, dass ihr Körper ihre eigene Identität besser widerspiegelt.
Bei manchen AFAB-Personen (assigned female at birth) kann beispielsweise eine flachere Brust, eine tiefere Stimme oder eine veränderte Körperbehaarung sehr schnell dazu führen, dass die bisher dominante weibliche Fremdlesung instabil wird.
Bei AMAB-Personen (assigned male at birth) kann dieselbe Verschiebung schwieriger sein:
Lange Haare, Schmuck, Brust, weichere Kleidung oder Make-up reichen mitunter nicht aus, um eine einmal etablierte männliche Lesart aufzulösen. Ein sichtbarer Bartschatten, bestimmte Gesichtskonturen oder die Stimme können für das Gegenüber weiterhin so dominant sein, dass alle anderen Hinweise lediglich als „feminine Variante eines Mannes“ interpretiert werden.
Das bedeutet nicht, dass diese Merkmale tatsächlich männlich oder weiblich sind.
Aber es bedeutet, dass unsere Gesellschaft gelernt hat, ihnen unterschiedliche Gewichte zu geben.
Und genau deshalb führt zusätzliche Weiblichkeit bei einer AMAB-Person nicht automatisch zu einer nichtbinären Lesart.
Manchmal entsteht stattdessen:
Mann plus Make-up.
Mann plus Brust.
Mann im Kleid.
Drag.
Tunte.
Crossdresser.
Das vorhandene Muster wird erweitert, aber nicht verlassen.
Drag ist keine Geschlechtsidentität
Gerade hier werden Dinge miteinander vermischt, die eigentlich unterschiedliche Ebenen beschreiben.
Drag ist eine Performanceform.
Kleidung ist eine Form der Präsentation.
Sexuelle Orientierung beschreibt, zu wem sich jemand hingezogen fühlt.
Aber Geschlechtsidentität beschreibt etwas anderes!
Trotzdem werden diese Ebenen in der alltäglichen Wahrnehmung ständig ineinandergeschoben.
Ein Mann kann ein Kleid tragen und ein Mann sein.
Eine Frau kann einen Anzug tragen und eine Frau sein.
Eine Dragqueen kann außerhalb der Bühne ein Mann, eine Frau oder nichtbinär sein.
Und eine nichtbinäre Person muss weder extravagante Kleidung tragen noch androgyn aussehen noch irgendeine bestimmte Mischung aus weiblich und männlich verkörpern.
Das klingt banal, aber offenbar ist es das gesellschaftlich nicht.
Das eigentliche Muster liegt im Kopf der Betrachtenden
Vielleicht suchen wir deshalb an der falschen Stelle nach nichtbinärer Sichtbarkeit.
Wir fragen häufig:
Wie muss eine nichtbinäre Person aussehen, damit andere erkennen, dass sie nichtbinär ist?
Aber vielleicht lautet die interessantere Frage:
Welche Kategorien stehen den Betrachtenden überhaupt zur Verfügung?
Wenn im mentalen Ordnungssystem nur „Mann“ und „Frau“ fest verankert sind, muss jede neue Information am Ende irgendwo dort einsortiert werden.
Dann wird aus einer nichtbinären Person kein dritter oder offener Möglichkeitsraum, sie wird zu einer ungewöhnlichen Version einer der beiden bekannten Kategorien.
Und damit verändert sich die Perspektive auf das ganze Problem.
Nicht die nichtbinäre Person ist zu schwer lesbar.
Das Lesesystem besitzt zu wenige Kategorien.
Die kleine Sortiermaschine
Vielleicht ist Geschlechtswahrnehmung deshalb ein schönes Beispiel dafür, wie Mustererkennung gleichzeitig hilfreich und gefährlich sein kann.
Ohne Mustererkennung könnten Menschen ihre Umwelt kaum bewältigen. Wir müssten jedes Gesicht, jedes Objekt und jede Situation jedes Mal vollkommen neu analysieren.
Also vereinfachen wir.
Wir erkennen Ähnlichkeiten, wir bilden Kategorien und wir treffen Wahrscheinlichkeitsentscheidungen.
Das Problem beginnt dort, wo wir vergessen, dass es Wahrscheinlichkeitsentscheidungen sind.
Aus:
„Diese Person erinnert mich optisch an Menschen, die ich bisher als Männer kennengelernt habe“, wird sehr schnell:
„Das ist ein Mann.“
Und aus dieser Vermutung wird anschließend eine vermeintliche Tatsache.
Vielleicht wäre deshalb schon viel gewonnen, wenn wir zwischen zwei Sätzen unterscheiden würden:
„Ich lese diese Person als männlich.“
und
„Diese Person ist ein Mann.“
Der erste Satz beschreibt die eigene Wahrnehmung und der zweite behauptet etwas über einen anderen Menschen.
Zwischen beiden liegen nur wenige Wörter, aber ziemlich viel Welt.
Mustersammeln heißt manchmal auch, das eigene Muster anzusehen
Ich sammle gerne kleine Dinge, die nicht ganz zusammenpassen, bis ihre Verbindung sichtbar wird.
Hier sind es Gesichter, Frisuren, Brüste, Bartschatten, Kleidung, KI-Klassifikationen, Drag, Transidentität und eine alltägliche Frage:
Warum sehen wir eigentlich das, was wir zu sehen glauben?
Vielleicht liegt die Antwort weniger im Körper der betrachteten Person, als wir denken.
Vielleicht liegt ein erheblicher Teil davon in der Geschichte, die unsere Gesellschaft uns darüber beigebracht hat, wie ein Mann oder eine Frau angeblich auszusehen hat.
Und vielleicht beginnt nichtbinäre Sichtbarkeit deshalb nicht nur damit, Menschen anders aussehen zu lassen, sondern damit, anders sehen zu lernen.




