Wenn Menschen zwar da sind, aber wahre Verbindung trotzdem fehlt
Autistische Einsamkeit — Beziehungen
Noch bevor ich wusste, dass ich im Autismus-Spektrum bin, merkte ich, dass ich anders war
Ich kann mich an den Kindergarten nur noch blitzlichtartig erinnern.
Ich spielte mit den kleinen Autos, baute aus Sand Straßen, Häuser, Tunnel und ganze Landschaften nach, die wahrscheinlich aus vielen Einzelbildern zusammengesetzt waren, welche ich auf den Reisen mit meinen Eltern gesehen und in meinem Kopf gesammelt hatte. Es waren keine beliebig hingeworfenen Sandhaufen. Alles hatte eine Funktion, einen Zusammenhang, eine innere Ordnung. Die Autos brauchten Straßen, Straßen führten irgendwohin, Tunnel verliefen nicht ohne Grund durch Berge, und Häuser standen dort, wo Menschen in meiner Vorstellung Häuser brauchen konnten.
Wenn ein anderes Kind mitspielen wollte, musste es sich an die Regeln dieser Welt halten. Es durfte ein Teil davon werden, aber nicht einfach hineingreifen, etwas versetzen oder zerstören, nur weil es aus seiner Perspektive eben Sand und Spielzeug waren.
Ich vermute, dass dies für die anderen Kinder nicht besonders einladend wirkte.
Aus meiner Sicht wiederum war es vollkommen unverständlich, warum jemand mitspielen wollte, ohne zunächst zu begreifen, was dort bereits entstanden war. Wer meine Welt betrat, konnte sie erweitern. Aber er konnte nicht erwarten, dass ich sie aufgab, damit daraus irgendeine andere Form von gemeinsamem Spiel wurde, die mit dem, was ich zuvor aufgebaut hatte, nichts mehr zu tun hatte.
Viel sprach ich damals nicht. Jedenfalls war ich noch nicht dazu in der Lage, die Gedanken und Zusammenhänge meiner inneren Welt so nach außen zu übersetzen, dass andere Kinder sie hätten verstehen können.
Wenn ich etwas sagte, verstanden Erwachsene mich häufig besser als Gleichaltrige. Das fanden die Erwachsenen seltsam. Die anderen Kinder fanden vermutlich mich seltsam.
Hatte ich Freunde?
Eher nicht. Zumindest keine, an die ich mich aus dieser Zeit erinnern könnte.
Ich empfand nicht mich als seltsam
In der Grundschule lernte ich einige Mitschüler aus meiner unmittelbaren Nachbarschaft kennen. Mit wenigen von ihnen entstanden Freundschaften. Wie sich teilweise erst sehr viel später herausstellte, lagen gerade diese Kinder im ADHS-Spektrum oder waren auf andere Weise neurodivergent.
Wir wussten davon nichts.
Sie waren für mich keine Kinder mit einer Diagnose, sondern schlicht Menschen, mit denen etwas besser funktionierte. Sie waren sprunghafter, eigensinniger, manchmal anstrengend und vermutlich für andere ebenso wenig angepasst wie ich. Aber sie waren mir ähnlicher als die Kinder, die scheinbar mühelos in Gruppen hineinfanden, über Dinge redeten, deren Bedeutung sich mir nicht erschloss, und soziale Verbindungen knüpften, ohne vorher stundenlang darüber nachzudenken, nach welchen Regeln das alles eigentlich funktionierte.
Ich sehnte mich danach, so akzeptiert und gemocht zu werden, wie ich war.
Dabei empfand ich mich selbst keineswegs als unnormal. Im Gegenteil. Aus meiner damaligen Sicht redeten viele andere Kinder unvollständig, kindlich und erstaunlich unpräzise. Sie sagten Dinge, ohne zu erklären, was sie meinten. Sie handelten nach Regeln, die offenbar jeder kannte, aber niemand aussprach. Sie stellten kaum Fragen zu Zusammenhängen, die für mich offensichtlich erklärungsbedürftig waren.
Ich hingegen wollte verstehen.
Warum war etwas so, wie es war? Weshalb geschah etwas? Wie hing das eine mit dem anderen zusammen? Welche Ursache führte zu welcher Wirkung, und war das, was Erwachsene als einfache Erklärung präsentierten, tatsächlich schon die Erklärung oder nur eine sprachliche Abkürzung, damit das Kind endlich aufhörte zu fragen?
Meine Eltern beantworteten mir meine Fragen.
Mein Vater neigte dazu, Dinge viel komplizierter zu erklären, als ich sie zu Beginn verstehen konnte. Das war für mich allerdings kein Grund, mich mit einer einfacheren Antwort zufriedenzugeben. Ich fragte nach, bis die Erklärung ein Bild ergab, das in meinem Kopf zusammenpasste.
Vermutlich war dies einer der Gründe, weshalb ich mich mit Erwachsenen häufig leichter verständigen konnte als mit Kindern. Erwachsene verfügten über mehr Wissen, vollständigere Sätze und die Möglichkeit, eine Antwort weiter auszuführen, wenn ich sie nicht verstand. Kinder erklärten wenig. Sie erwarteten, dass ich bereits wusste, was sie nicht sagten.
Die halbe Schulklasse auf der Geburtstagsfeier
Zu meinen Geburtstagen wurde zeitweise die halbe Schulklasse eingeladen.
Dahinter stand die Hoffnung, ich würde auf diese Weise normales soziales Verhalten lernen, besser in die Gruppe hineinfinden und schließlich auch von den anderen akzeptiert werden.
Es funktionierte nicht.
Eine große Zahl von Kindern in einem Raum erzeugte noch keine Verbindung. Sie erzeugte zunächst vor allem Lautstärke, Unordnung, unvorhersehbare Bewegungen und die Notwendigkeit, auf sehr viele Menschen gleichzeitig zu reagieren. Dass all diese Kinder an meinem Geburtstag anwesend waren, bedeutete nicht, dass sie meine Freunde waren.
Meine Eltern waren darüber vermutlich ähnlich ratlos und verzweifelt wie ich. Für sie war ich nicht falsch. Sie selbst bewegten sich, wie ich es heute einordnen würde, ebenfalls im AuDHS-Spektrum. Zudem war meine Mutter in einer Familie aufgewachsen, in der es eher normal war, anders zu sein, als sich vollkommen reibungslos in gesellschaftliche Erwartungen einzufügen.
Andere Eltern sahen das anders.
Sie sprachen mit meinen Eltern und stellten mich als seltsam, krank oder grundsätzlich falsch dar. Meine Eltern konnten diese Wahrnehmung nicht nachvollziehen und wollten sie auch nicht übernehmen. Das Kind, das diese Menschen beschrieben, war nicht das Kind, das sie zu Hause erlebten.
Zu Hause durfte ich fragen. Ich durfte Zusammenhänge zerlegen. Ich durfte still sein, kompliziert sein, in Gedanken versinken oder über Dinge sprechen, die andere Kinder nicht interessierten.
Außerhalb dieses Schutzraums lernte ich dagegen immer deutlicher, dass Anderssein einen Preis hatte.
Ich lernte zu schauspielern
So wuchs ich mit sehr wenigen Freunden auf.
Diese wenigen Freunde liebte ich allerdings sehr.
Ihnen gegenüber war ich, wie ich nun einmal war. Gegenüber allen anderen begann ich früh, mich anzupassen. Ich beobachtete, wie sie sich verhielten, wie sie miteinander sprachen, wann sie lachten, welche Dinge sie wichtig fanden und welche Reaktionen offenbar erwartet wurden.
Ich versuchte, normal zu wirken.
Ich versuchte zu schauspielern, wie sie zu sein, um angenommen zu werden, um Teil einer ihrer Gruppen zu werden und nicht mehr außen zu stehen.
Ich lernte schnell, dass dies nicht funktionierte.
Jedenfalls nicht auf die Weise, die ich mir erhofft hatte. Anpassung konnte mich vielleicht unauffälliger machen. Sie schuf aber keine echte Zugehörigkeit. Sie brachte mich unter Menschen, ohne mich mit ihnen zu verbinden.
Stattdessen wurde ich massiv gemobbt.
Ich wurde in Gruppen durch das Dorf meiner Kindheit gejagt und verprügelt. Ich lernte, Deckung zu finden wie ein Soldat. Ich kannte Umwege durch das Dickicht, durch die Feldmark, über Wege und zwischen Bäumen hindurch, auf denen ich denjenigen entkommen konnte, die mich abfangen wollten.
Oft brauchte ich ziemlich lange, um von der Schule nach Hause zu kommen.
Manchmal trug ich Kampfspuren. Manchmal sah man mir nur an, dass ich durch Wald und Feld gerannt, gekrochen oder gerobbt war.
So fühlte ich mich extrem einsam.
Und umso kostbarer wurde die Zeit mit den wenigen Menschen, bei denen ich nicht ständig auf der Hut sein musste.
Tobias
Meinen besten Freund Tobias liebte ich wie einen Bruder.
Wie sich später herausstellte, war er im ADHS-Spektrum. Damals wussten weder er noch ich, dass unsere Art, die Welt zu erleben und uns darin zu bewegen, irgendwann mit diagnostischen Begriffen beschrieben werden könnte.
Wir waren einfach Freunde.
Ein schwerer Unfall beim gemeinsamen Spielen brachte seine Eltern dazu, uns für immer voneinander zu trennen. Sie zeigten mich sogar strafrechtlich an, mit allem, was dazugehörte. Weil ich noch nicht strafmündig war, richtete sich das Verfahren gegen meine Eltern.
Im Gerichtsprozess entschied der Richter schließlich, dass es sich um einen tragischen Unfall gehandelt hatte, dass Tobias’ sprunghaftes Verhalten zu diesem Unfall beigetragen hatte und weder mich noch meine Eltern eine Schuld traf.
Damit war die juristische Frage geklärt.
Unsere Freundschaft brachte das Urteil nicht zurück.
Tobias’ Eltern verboten uns, einander wiederzusehen.
Viele Jahre später begegneten wir uns noch einmal. Zu viel Zeit war vergangen. Wir sprachen kaum miteinander und unternahmen keinen ernsthaften Versuch, die Verbindung neu aufzubauen.
Trotzdem glaube ich, dass wir beide wussten, dass wir Freunde geblieben wären, wenn seine Eltern es nicht verhindert hätten.
Nicht jede Freundschaft endet, weil die Menschen einander nichts mehr bedeuten. Manche werden von außen beendet, und wenn genug Jahre vergehen, bleibt von der ursprünglichen Nähe nur noch das Wissen übrig, dass sie einmal möglich gewesen war.
Heiko
Nach Tobias wurde Heiko mein bester Freund.
Von der fünften Klasse an, über das Ende dieser Schule hinaus und bis in die Zeit der Berufsausbildung hinein blieben wir eng verbunden. Andere echte Freunde hatte ich daneben kaum.
Meine Liebe zu ihm als Freund ging über die ungeschriebenen sozialen Gesetze hinaus.
Ich wollte mit ihm kuscheln, ohne sexuelle Hintergedanken, ohne Absichten, ohne eine Form von Begehren, die daraus automatisch etwas anderes als Freundschaft gemacht hätte. Für mich war körperliche Nähe eine mögliche Ausdrucksform tiefer Zuneigung. Ich verstand nicht, weshalb eine Freundschaft emotional sehr eng sein durfte, körperliche Nähe aber plötzlich eine Grenze überschreiten sollte.
Meine Eltern hatten mich nicht christlich-konservativ in solche Verbote hinein sozialisiert. Ihnen war nicht wichtig, entlang welcher gesellschaftlichen Kategorien ich jemanden liebte. Es zählte, dass die Verbindung ehrlich war und niemand verletzt wurde.
Deshalb verstand ich Heikos Ablehnung nicht.
Ich hatte den Eindruck, dass er selbst gern gewollt hätte, seine Erziehung es ihm aber nicht erlaubte. Vielleicht täuschte ich mich. Vielleicht sah ich es richtig. Sicher sagen kann ich nur, dass zwischen meinem Bedürfnis nach Nähe und seiner Reaktion keine offene Feindschaft lag, sondern eine Grenze, deren Herkunft für mich damals unsichtbar blieb.
Heute würde ich es anders formulieren: Möglicherweise stieß ich nicht an die Grenze unserer Freundschaft, sondern an die Vorstellungen darüber, was Jungen untereinander fühlen, zeigen und körperlich zulassen durften.
Wie das Leben dann spielt, verloren auch wir irgendwann den Kontakt. Berufsausbildung, Berufsfachschule, neue Anforderungen und die Notwendigkeit, sich auf den jeweils eigenen Weg zu konzentrieren, ließen immer weniger Raum für unsere Freundschaft.
Es gab keinen großen Streit.
Manchmal verschwinden Menschen nicht durch ein Ereignis aus dem Leben, sondern durch eine lange Reihe kleiner Unterlassungen, bis man eines Tages feststellt, dass eine Verbindung, die einmal selbstverständlich war, nur noch in der Erinnerung existiert.
Mohammed und die Sprache des Flirtens
In den zwei Jahren der Berufsfachschule lernte ich Mohammed kennen.
Er war mit seinen Eltern aus dem damals sowjetisch besetzten Afghanistan geflohen. Er sprach sehr gut Deutsch und war für mich ein vollkommen normaler Deutscher, dessen Familie zusätzlich von einer anderen Kultur geprägt war.
An dem einen oder anderen Familienfest durfte ich teilnehmen. Ich wurde eingeladen, weil wir Freunde waren und seine Familie sehr gastfreundlich war.
Wir gingen gemeinsam in Hamburg in die Disco, ins Docks, und ich lernte von ihm ein Stück weit tanzen.
Dort merkte ich allerdings schnell, dass meine Versuche, auf diese Weise die Aufmerksamkeit von Frauen zu gewinnen, nicht besonders gut funktionierten.
Oder genauer gesagt: Ich bemerkte häufig gar nicht, wenn sich jemand für mich interessierte.
Körpersprache war für mich damals eine Sprache so fremd wie Japanisch.
Andere Menschen schienen Blicke, Bewegungen, das kurze Wegsehen, das erneute Hinsehen, die räumliche Annäherung oder eine bestimmte Art zu lächeln mühelos in eine Bedeutung übersetzen zu können. Für mich war das zunächst nur eine Vielzahl körperlicher Bewegungen, deren Aussagegehalt ich nicht zuverlässig erkannte.
Damit begann ein weiteres Muster, das mich durch spätere Freundschaften und Liebesbeziehungen begleiten sollte: Menschen konnten mich mögen, vielleicht sogar begehren oder sich in mich verlieben, ohne dass ich es rechtzeitig bemerkte. Und wenn eine Beziehung schließlich entstand, konnte ich wiederum Dinge sagen, die ich vollkommen eindeutig meinte, die aber auf der anderen Seite mit einem Untertext versehen wurden, den ich weder gesendet noch überhaupt gedacht hatte.
Zwischen den Zeilen stand bei mir nichts
Was ich sagte, meinte ich in der Regel so, wie ich es sagte.
Was ich nicht sagte, hatte ich nicht gesagt.
Was ich nicht schrieb, hatte ich nicht geschrieben.
Dazwischen gab es für mich keinen zweiten Text, keine versteckte emotionale Botschaft, keine raffinierte soziale Nebenhandlung, mit der ich etwas andeuten wollte, ohne es offen auszusprechen.
Andere Menschen lasen diesen zweiten Text trotzdem.
Sie interpretierten Tonlagen, Pausen, Wortwahl, Gesichtsausdrücke oder das Fehlen bestimmter Formulierungen. Auf diese Weise entstand in vielen Begegnungen eine Bedeutung, die nicht von mir stammte. Sie entstand aus der Erwartung, dass Menschen gewöhnlich mehr mitteilen als den Inhalt ihrer Worte.
Ich war nicht doppeldeutig.
Aber ich wurde doppeldeutig gelesen.
Meine Direktheit konnte als Härte erscheinen. Sachlichkeit als Kälte. Präzision als Angriff. Die Tatsache, dass ich eine emotionale Ebene nicht ausdrücklich miterzählte, wurde als Beweis dafür genommen, dass diese emotionale Ebene bei mir nicht vorhanden sei.
Dabei lag das Problem häufig nicht darin, dass ich nichts empfand, sondern darin, dass ich nicht verstand, weshalb ein sachlicher Gedanke zwingend mit einem Paket sozialer Signale versehen werden musste, damit er nicht als feindselig, abwertend oder gefühllos wahrgenommen wurde.
Für mich war Klarheit eine Form des Respekts.
Für andere konnte dieselbe Klarheit bedeuten, dass ich ihre Gefühle nicht berücksichtigte.
Gemocht werden und trotzdem einsam bleiben
Man kann von Menschen umgeben sein und trotzdem einsam bleiben.
Man kann Freunde haben, ohne sich vollständig verstanden zu fühlen.
Man kann begehrt werden, ohne zu erkennen, dass man begehrt wird.
Und man kann in einer Liebesbeziehung leben, in der Nähe vorhanden ist, während die eigene Art zu denken und zu kommunizieren immer wieder in eine fremde Sprache übersetzt wird, deren Regeln man nur teilweise kennt.
Vor meiner heutigen Frau hatte ich Beziehungen mit neurotypischen Menschen. Manche dieser Menschen verliebten sich in mich, vermutlich auch in das, was zunächst ungewöhnlich, intensiv oder interessant an mir wirkte.
Irgendwann wurde jedoch deutlich, dass ich nicht nur auf eine sympathische Weise ein wenig anders war.
Ich war in grundlegenden Dingen anders.
Ich kommunizierte anders. Ich nahm soziale Situationen anders wahr. Ich ordnete Worte, Gefühle und Erwartungen anders. Was zu Beginn faszinierend wirken konnte, wurde im gemeinsamen Alltag anstrengend, weil aus einzelnen Besonderheiten ein vollständiger Mensch wurde, der nicht dauerhaft in die Erwartungen einer neurotypischen Beziehung hineinpasste.
So entstanden Missverständnisse, Verletzungen und Überforderungen.
Nicht, weil einer von uns notwendigerweise ein schlechter Mensch war, sondern weil wir teilweise nach unterschiedlichen Kommunikationsordnungen lebten und beide davon ausgingen, dass die jeweils eigene Ordnung die selbstverständliche sei.
Irgendwann beschloss ich, nicht mehr danach zu suchen.
Ich dachte, ich würde ohne eine weitere Beziehung leben. Allein und vermutlich auch einsam, aber wenigstens ohne die immer gleiche Erfahrung, zunächst gemocht und später an genau den Stellen abgelehnt zu werden, an denen mein Anderssein nicht mehr exotisch, sondern dauerhaft wurde.
Was ich damals nicht wissen konnte
Heute stehen für viele meiner damaligen Erfahrungen Begriffe zur Verfügung, die es zu meiner Kindheit und Jugend entweder noch nicht gab oder die außerhalb enger Fachkreise kaum bekannt waren.
Das bedeutet nicht, dass eine Diagnose rückwirkend jede einzelne Erinnerung erklärt. Biografien sind keine medizinischen Checklisten, und nicht jede zerbrochene Freundschaft, jede Ablehnung oder jede Form von Einsamkeit ist automatisch eine direkte Folge von Autismus oder ADHS.
Dennoch zeigen sich Muster, die inzwischen auch in der Forschung ernst genommen werden.
Autistische Menschen wollen nicht grundsätzlich weniger Verbindung
Das ältere Bild vom autistischen Menschen, der sich für andere Menschen kaum interessiere, hält sich hartnäckig. Es erklärt jedoch schlecht, weshalb viele autistische Menschen unter Einsamkeit leiden, Freundschaften suchen, romantische Beziehungen eingehen und fehlende Zugehörigkeit sehr schmerzhaft erleben.
Eine systematische Übersichtsarbeit zur Einsamkeit autistischer Erwachsener kam zu dem Ergebnis, dass Einsamkeit in dieser Gruppe häufig vorkommt und nicht lediglich durch die Zahl sozialer Kontakte erklärt werden kann. Entscheidend sind auch die Qualität der Beziehungen, das Erleben von Zugehörigkeit und die Frage, ob vorhandene Kontakte tatsächlich als verbindend erlebt werden.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Soziale Isolation ist zunächst beschreibbar: Wie viele Menschen treffe ich? Wie häufig spreche ich mit jemandem? Lebe ich allein?
Einsamkeit ist dagegen eine innere Differenz. Sie entsteht zwischen der Verbindung, die ein Mensch braucht, und der Verbindung, die er tatsächlich erlebt.
Deshalb kann ein Mensch allein sein, ohne sich einsam zu fühlen. Und deshalb kann jemand mitten in einer Schulklasse, auf einer Geburtstagsfeier, in einer Freundesgruppe oder sogar in einer Partnerschaft sehr einsam sein.
Das Problem liegt nicht nur beim autistischen Menschen
Der britische Autismusforscher Damian Milton prägte 2012 den Begriff des Double Empathy Problem, des doppelten Empathieproblems. Der Ansatz widerspricht der älteren Vorstellung, Kommunikationsschwierigkeiten zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen seien im Wesentlichen das Ergebnis eines einseitigen Defizits des autistischen Menschen.
Miltons These lautet vereinfacht: Wenn Menschen mit sehr unterschiedlichen Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Erfahrungssystemen aufeinandertreffen, missverstehen sie einander möglicherweise wechselseitig. Nicht nur autistische Menschen haben Schwierigkeiten, neurotypische Signale zu lesen. Auch nicht-autistische Menschen deuten autistische Kommunikation, Mimik, Körperhaltung und emotionale Reaktionen häufig falsch.
Das macht nicht jede soziale Schwierigkeit symmetrisch. Autistische Menschen müssen sich in einer überwiegend nicht-autistisch geprägten Gesellschaft sehr viel häufiger an die Kommunikationsweise der Mehrheit anpassen als umgekehrt.
Es verändert aber die Fragestellung.
Statt nur zu fragen:
Warum versteht der autistische Mensch die anderen nicht?
müsste ebenso gefragt werden:
Warum verstehen die anderen den autistischen Menschen nicht?
In meinem Leben bestand das Problem nicht nur darin, dass ich Körpersprache schlecht las. Andere Menschen lasen auch mich falsch. Sie schrieben meinen Worten Absichten zu, die ich nicht hatte. Sie nahmen fehlende soziale Verpackung als fehlendes Gefühl wahr. Sie interpretierten Direktheit als Aggression und Rückzug als Ablehnung.
Die Verständigung scheiterte damit nicht ausschließlich an einem Mangel auf meiner Seite, sondern an einer Lücke zwischen zwei Kommunikationsweisen.
Ähnlicher Neurotyp kann Verbindung erleichtern
Mehrere Studien der vergangenen Jahre deuten darauf hin, dass die soziale Qualität einer Begegnung nicht allein davon abhängt, ob eine Person autistisch ist, sondern auch davon, ob die beteiligten Menschen hinsichtlich ihres Neurotyps und ihres Kommunikationsstils zueinander passen.
In einer Untersuchung zu zwischenmenschlichem Rapport wurden Begegnungen zwischen Menschen mit übereinstimmendem Neurotyp – autistisch mit autistisch sowie nicht-autistisch mit nicht-autistisch – häufig als stimmiger erlebt als gemischte Begegnungen. Entscheidend war nicht schlicht das Autistischsein, sondern die Passung der Kommunikationsweisen.
Eine 2024 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Metasynthese zu den Erfahrungen autistischer Erwachsener im Kontakt mit anderen autistischen Menschen beschreibt wiederkehrend ein Gefühl leichterer Verständigung, geringerer sozialer Anstrengung, stärkerer Authentizität und besonderer Verbundenheit. Die Autorinnen und Autoren sprechen im Titel von einer „certain magic“, einer bestimmten Magie solcher Begegnungen.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jeder autistische Mensch automatisch mit jedem anderen autistischen Menschen harmoniert. Auch Neurodivergente können einander unerträglich finden, unterschiedliche Bedürfnisse haben, sich verletzen oder vollkommen inkompatibel sein.
Es bedeutet aber, dass meine frühen Freundschaften mit Kindern, die sich später ebenfalls als neurodivergent erwiesen, möglicherweise nicht bloß zufällig waren.
Ich konnte durchaus Freundschaften aufbauen.
Ich baute sie nur eher dort auf, wo die andere Person eine Welt mitbrachte, deren Regeln meiner eigenen nicht vollkommen fremd waren.
Masking bringt Menschen in Gruppen, aber nicht zwingend in Verbindung
Das Erlernen und Nachahmen sozial erwarteter Verhaltensweisen wird heute häufig als Masking oder Camouflaging bezeichnet. Gemeint ist das bewusste oder unbewusste Unterdrücken autistischer Verhaltensweisen und das Einüben von Strategien, mit denen ein Mensch nach außen weniger auffällt oder stärker neurotypischen Erwartungen entspricht.
Eine systematische Übersichtsarbeit zum autistischen Camouflaging beschreibt Masking als komplexes Bündel aus Unterdrückung, Kompensation und Anpassung. Zwar kann es kurzfristig soziale Teilhabe ermöglichen oder Schutz vor Ausgrenzung bieten, zugleich wird es jedoch mit Erschöpfung, Identitätsproblemen und schlechterer psychischer Gesundheit in Verbindung gebracht.
Auch hier liegt ein Unterschied zwischen Anwesenheit und Verbindung.
Wer eine Rolle erfolgreich spielt, kann in eine Gruppe aufgenommen werden.
Aber angenommen wird dann zunächst die Rolle.
Wenn die eigene Zugehörigkeit davon abhängt, dass bestimmte Bewegungen unterdrückt, Interessen verschwiegen, Reaktionen kontrolliert, Sätze umgebaut und Überforderung versteckt werden, kann ein Mensch mitten unter anderen weiterhin das Gefühl haben, selbst gar nicht anwesend zu sein.
Anpassung brachte mich unter Menschen.
Sie brachte mich nicht automatisch zu ihnen.
Mobbing ist kein Nebengeräusch
Autistische Kinder und Jugendliche sind deutlich häufiger von Mobbing betroffen als nicht-autistische Gleichaltrige. Eine systematische Übersicht und Metaanalyse fand eine hohe Verbreitung schulischen Mobbings bei jungen Menschen im Autismus-Spektrum.
Statistisch klingt das abstrakt.
In einer Biografie bedeutet es möglicherweise, den Schulweg nicht als Weg nach Hause zu kennen, sondern als Gelände, in dem Fluchtlinien, Deckungsmöglichkeiten und Umwege gespeichert werden müssen.
Es bedeutet, dass ein Kind nicht nur lernen soll, Freundschaften aufzubauen, sondern gleichzeitig lernen muss, welche Gruppe es heute verfolgt, welcher Weg frei ist und ob das Gebüsch dicht genug ist, um darin nicht gesehen zu werden.
Mobbing erzeugt dabei nicht nur akute Angst. Es verändert das Verhältnis zu anderen Menschen.
Wer wiederholt erlebt, dass Gruppen gefährlich werden können, wird soziale Nähe nicht unbelastet als etwas grundsätzlich Gutes wahrnehmen. Rückzug kann dann Schutz sein. Vorsicht kann vernünftig sein. Die Konzentration auf wenige, sehr tiefe Freundschaften kann nicht nur eine persönliche Vorliebe darstellen, sondern auch die Folge der Erfahrung, dass oberflächliche Zugehörigkeit keinen verlässlichen Schutz bietet.
Nicht zu wenige Menschen, sondern zu wenig passende Verbindung
Wenn ich heute auf diese Jahre zurückblicke, erkenne ich kein Kind, das keine Menschen wollte.
Ich sehe ein Kind, das Verbindung wollte, aber nur wenige Menschen fand, mit denen sie wirklich möglich war.
Ich sehe Freundschaften, die tief waren und von außen getrennt wurden.
Ich sehe eine Freundesliebe, deren körperliche Ausdrucksform an gesellschaftliche Regeln stieß, die mir niemand erklärt hatte.
Ich sehe den Versuch, soziale Signale zu lesen, deren Bedeutung für andere selbstverständlich war und für mich vollkommen unsichtbar blieb.
Und ich sehe, wie ich allmählich lernte, mich anzupassen, ohne dadurch weniger einsam zu werden.
Autistische Einsamkeit ist deshalb nicht einfach ein Mangel an Gesellschaft.
Sie kann der Mangel an einer Verbindung sein, in der ein Mensch nicht fortwährend übersetzt, korrigiert oder falsch gelesen wird.
Sie kann entstehen, wenn andere zwar anwesend sind, aber nur mit der angepassten Oberfläche in Beziehung treten.
Und sie kann gerade deshalb besonders schmerzhaft sein, weil das Bedürfnis nach tiefer Verbindung keineswegs fehlt.
Es findet nur selten einen Ort, an dem es bleiben kann.
Viele Jahre später traf ich einen Menschen, der meine Sprache nicht bloß ertrug, sondern verstand.
Doch bevor ich darüber schreibe, wie aus dieser Begegnung eine Beziehung entstand, die inzwischen seit mehr als zwanzig Jahren hält, musste ich zunächst erzählen, wie viele Jahre Menschen da waren und wahre Verbindung trotzdem fehlte.




