Warum ich nicht mehr maskiere
Über Autismus, Queerness und den Unterschied zwischen sozialer Rücksichtnahme und Selbstverleugnung
Viele Jahre lang habe ich versucht, so zu wirken, wie andere Menschen mich offenbar leichter einordnen können.
Nicht zu autistisch, queer und zu intensiv.
Nicht zu direkt, weiblich und zu schwer lesbar.
Ich habe maskiert, um weniger aufzufallen, mit Menschen besser zu connecten und um normaler zu wirken, oder zumindest normal genug.
Lange dachte ich, das sei einfach der Preis dafür, irgendwie durchzukommen. Erst mit Mitte dreißig fing ich an, mich selbst ernsthaft zu hinterfragen: Warum struggele ich eigentlich so sehr damit, „normal“ zu wirken? Warum kostet mich Alltag so viel mehr Energie als andere?
Depressionen durch soziale Überlastung waren für mich irgendwann leider normal geworden. Ich war chronisch erschöpft. Nach der Arbeit konnten Kolleg:innen noch etwas unternehmen. Ich bekam meinen eigenen Haushalt kaum noch geschissen. Ich versank im Chaos und war ständig mehr als müde.
Jeden Morgen kratzte ich gerade so genug Energie zusammen, um den Arbeitstag zu überstehen. Mehr war oft nicht drin.
Als ich mich später als PC-Schrauber:in und Computerfachmensch in meiner kleinen Stadt selbständig machte, hatte das für die 4 Jahre einen Vorteil: Zuhause konnte ich so sein, wie ich bin. Ich musste nicht den ganzen Tag in einem Büro mit anderen sitzen und permanent sozial funktionieren.
Aber sobald Kund:innen da waren, begann das Masking wieder.
Freundlich sein, geduldig sein und nicht zu direkt, nicht genervt und nicht überfordert wirken. Nicht zeigen, wie anstrengend es ist, wenn jemand hinter mir steht, mir in den Nacken atmet und mich mit der halben Lebensgeschichte zutextet, während ich gleichzeitig herausfinden muss, was am PC eigentlich das konkrete Problem ist.
Das war unglaublich anstrengend.
Abends, wenn der Tag vorbei war, crashte ich nur noch erschöpft auf die Couch oder direkt ins Bett.
Der Vorteil an der Rolle als Computernerd war: Ein bisschen anders durfte ich sein. Von Computerleuten erwartet man ja irgendwie, dass sie nicht ganz „normal“ sind. Es durfte nur nicht zu viel werden.
Also immer schön maskieren. Auch später mit der Diagnose, hätte ich bei jedem Jobinterview davon erzählt, hätte ich keinen meinen vielen Jobs bekommen.
Mit fast vierzig ging ich schließlich den Diagnoseweg, um bestätigen zu lassen, was ich eigentlich schon seit Jahren ziemlich klar wusste: Ich bin im Autismusspektrum. Ich hatte mich belesen, Fachtexte gelesen, mit anderen Menschen im Spektrum geschrieben, viel über Internetforen, oft auf Englisch. Ich hatte längst verstanden, warum sich mein Leben so anders anfühlte.
Aber Autismus war nur ein Teil davon.
Auch mit meinem Körper, meinem Geschlecht und meiner Außenwirkung stimmte etwas nicht mit der Rolle überein, die andere mir zuschrieben.
Nach meiner Krebs-Chemo hatte sich hormonell etwas nachhaltig verändert. Ich musste lernen, damit zu leben. Gleichzeitig war da schon lange dieses Gefühl: Mein Körper wird von außen als männlich gelesen, also erwarten Menschen von mir, dass ich auch entsprechend männlich bin.
Aber das fühlte sich nie vollständig richtig an.
Ich wusste lange nichts über Transgeschlechtlichkeit oder nonbinäre Identität. Ich hatte nur dieses diffuse Wissen: Ich bin auch in dieser Hinsicht anders.
Eine Zeit lang dachte ich, es reicht vielleicht, mich in offenen, queeren oder sexpositiven Räumen auszuprobieren. Meine Frau hat mich auf diesem Weg begleitet. Unsere Beziehung war und ist nach nunmehr 20 Jahren von Vertrauen, Loyalität und Offenheit geprägt. Das gab mir damals kurz nach Covid den Raum, mich auch in diesen Fragen nicht allein zu fühlen. Manche Begegnungen waren körperlich, manche zärtlich, manche emotional nah — und viele blieben trotzdem nicht dauerhaft.
Diese Erfahrungen in der Szene haben mich beschäftigt. Körperliche Nähe und emotionale Offenheit sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Viele Menschen haben Angst davor, sich wirklich zu öffnen. Oder sie haben keine Energie, in etwas zu investieren, ohne zu wissen, ob es langfristig stabil wird. Oder es gibt andere Gründe, die ich bis heute nicht vollständig verstehe. Ihnen reicht es am Wochenende nur körperlichen Spaß zu bekommen, mehr wollen sie nicht. Uns reichte das nicht.
Eine Verbindung hat mich besonders stark geprägt: eine Frau in Transition, die sich nicht vollständig chirurgisch an einen weiblichen Körper angleichen lassen wollte. Die Verbindung war sehr zärtlich, sehr nah, aber kaum sexuell. Es war eine schöne Zeit, leider nicht von Dauer. So ist das eben wenn man keine 20 mehr ist. Aber, gerade weil wir eine Weile sowas wie eine Freundschaft hatten, stellten sich mir Fragen, denen ich nicht mehr ausweichen konnte:
Wer bin ich eigentlich?
Bin ich trans?
Bin ich ein Mann?
Bin ich eine Frau?
Oder bin ich etwas dazwischen, außerhalb davon, neben diesen Kategorien?
Ich spürte viele weibliche Anteile in mir. Verhaltensweisen, Empfindungen, Reaktionen, die ich selbst lange als „unmännlich“ bewertet hatte, weil ich es so gelernt hatte. Gleichzeitig hatte ich keinen Drang, körperlich zu einer Frau werden zu müssen.
Ich bin grundsätzlich okay damit, in einem männlichen Körper zu leben, auch wenn mir nicht alles daran gefällt. Aber ich bin nicht einfach „ein Mann“, nur weil mein Körper von außen so gelesen wird.
Irgendwann fand ich den Begriff nonbinär.
Und plötzlich passte etwas.
Nicht perfekt im Sinne einer Schublade. Eher wie ein Fenster, das endlich aufgeht.
Seitdem ich besser verstanden habe, wer ich bin — oder vielleicht schon immer war — habe ich angefangen, mich neu kennenzulernen. Und ich habe begonnen, die Maske abzunehmen.
Nicht nur die autistische Maske. Auch die geschlechtliche.
Ich lasse inzwischen mit 50+ zu, nach außen nicht mehr typisch männlich zu wirken. Ich rasiere mich, trage keinen Bart mehr. Ich trage Schmuck, schminke mich auch mal. Ich lasse weichere, weiblichere Seiten meines Verhaltens und Empfindens sichtbar werden. Ich muss nicht jeden Ausdruck an meinem Körper vorher durch den Filter schicken: „Wirkt das noch männlich genug?“
Irritiere ich damit Menschen?
Ja, vermutlich.
Ist mir das egal?
Heute: ziemlich.
Das heißt nicht, dass ich im Alltag ständig im Fummel und MakeUp herumlaufen muss. Viele stark feminine Kleidungsstücke sind für meinen Alltag schlicht unpraktisch. Auf Reisen, beim Campen, beim Fotografieren, beim Arbeiten draußen brauche ich Kleidung, die funktioniert. Semi-zivile Army-Kleidung sieht oft sehr männlich aus, ja. Aber sie ist robust, praktisch und bequem.
Auch das gehört zu mir.
Und wenn ich am Wochenende mit meiner Frau schön essen gehe oder Freunde treffe, kann ich genauso gut ein leichtes Leinenkleid oder einen Rock tragen. Ein Rock ist bequem. Er lässt Luft ran. Er fühlt sich frei an. Bei mir dann eher knöchellang, weil ich keine Modelfigur habe und mich nicht ständig sexy präsentieren muss, um mich darin wohlzufühlen.
Darf ich mich femininer verhalten?
Ja!
Darf ich femininer sprechen?
Ja klar!
Könnte mich jemand deswegen für schwul halten?
Natürlich.
Ist das schlimm?
Ganz und gar nicht!
Irritiere ich andere? Oh ja und das auch gerne, das macht auch irgendwie Spaß!
Ich flirte gerne. Flirten kann ein leichtes, spielerisches, freundliches Signal sein. Es muss nicht bedeuten, dass ich mehr will. Ich kann auch mit Männern flirten. Leider können das oft nur schwule Männer entspannt annehmen, ohne sofort in Panik oder Abwehr zu gehen.
Und nein: Auch das bedeutet nicht automatisch spontanen Sex. Dieses Vorurteil ist absurd. Viele queere Menschen leben in Partnerschaften, haben Grenzen, haben Alltag, haben Verantwortung. Flirt ist nicht gleich Verfügbarkeit.
Für mich geht es um etwas anderes:
Es geht darum, nicht mehr ständig meine Wirkung zu entschärfen, damit andere sich nicht irritiert fühlen.
Autistisches Masking bedeutete für mich: Ich übersetze meine Wahrnehmung, meine Direktheit, meine Erschöpfung und meine Reaktionen permanent in eine Sprache, die andere bequemer finden und für normal halten.
Queeres Masking bedeutete für mich: Ich mache mich eindeutiger, männlicher und unauffälliger, als ich bin, damit andere nicht nachdenken müssen.
Beides hatte denselben Kern:
Ich sollte weniger Reibung erzeugen, normal sein.
Weniger Fragen, weniger Irritation und weniger Anlass für Projektionen.
Aber irgendwann wurde der Preis zu hoch.
Denn wenn man lange genug maskiert, zeigt man nicht nur eine angepasste Version von sich. Man verliert irgendwann das Gefühl dafür, wo Anpassung endet und Selbstverlust beginnt.
Nicht mehr zu maskieren heißt für mich nicht, rücksichtslos zu werden. Es heißt nicht, andere Menschen mit allem zu überfahren, was in mir passiert. Es heißt, endlich zu unterscheiden:
Was ist soziale Rücksichtnahme — und was ist Selbstverleugnung?
Ich darf autistisch sein, ohne mich ständig neurotypisch zu übersetzen.
Ich darf queer sein, ohne mich männlich-eindeutig zu verpacken.
Ich darf direkt, weich, intensiv, sensibel, irritierend, uneindeutig und echt sein.
Nicht, weil alle damit umgehen können, sondern weil mein Leben nicht daraus bestehen kann, für andere leichter konsumierbar zu werden und nach deren Maßstab normal zu sein.
Ich bin nicht falsch oder abnormal, nur weil andere mich nicht sofort einordnen können. Und damit anders zu sein, füge ich niemanden Schaden zu!
Vielleicht beginnt Freiheit genau dort: nicht in dem Moment, in dem niemand mehr irritiert ist, sondern in dem Moment, in dem ich aufhöre, Irritation automatisch für mein eigenes Versagen zu halten. Selbstbewusst und authentisch zu sein setzt ein seltenes und starkes Zeichen.
Laß uns darüber reden, traust du dich du selbst zu sein?
Wer bist du wirklich?



