War die Hamburger Polizei beim CSD mit IFAK gerüstet?
Eine zerbrechende Glasflasche, ein Mensch in Flipflops – und die Frage, wer in den ersten Minuten tatsächlich helfen könnte
Das Klirren ließ mich stoppen.
Ich war bereits einige Schritte weitergegangen, drehte mich aber noch einmal um. Hinter mir war eine Glasflasche auf die Gehwegplatten gefallen und zerbrochen. Zwischen den Füßen der Menschen lagen scharfkantige Splitter. Der Demonstrationszug bewegte sich weiter, dicht und laut, begleitet von Musik, Gesprächen und immer neuen Eindrücken.
Jemand lief in Flipflops oder sowas durch die Scherben.
Ich beobachtete kurz, ob die Person stolperte, zusammenzuckte, stehen blieb oder eine Verletzung zeigte. Nichts davon war zu erkennen. Kein Hilferuf, kein plötzliches Hinken, kein sichtbares Blut. Also ging ich weiter.
Ich war nicht für kleine Verletzungen ausgerüstet. Keine Pflastersammlung, keine Blasenversorgung, kein mobiles Erste-Hilfe-Zelt am Gürtel. Mein IFAK war für andere Situationen gepackt: für Verletzungen, bei denen es nicht um ein Pflaster geht, sondern um Kompression, Wundversorgung und die Kontrolle einer möglicherweise lebensbedrohlichen Blutung.
Doch das Geräusch der zerbrechenden Flasche blieb in meinem Kopf.
Nicht wegen dessen, was passiert war, sondern wegen dessen, was wenige Sekunden später hätte passieren können.
Was wäre hinter mir geschehen?
Was, wenn jemand mit offenem Schuhwerk auf einen aufrecht stehenden Flaschenboden getreten wäre?
Was, wenn eine scharfe Kante tief in Fuß oder Knöchel geschnitten hätte?
Was, wenn die Person erschrocken gestürzt und mit Hand oder Unterarm in den Scherben gelandet wäre?
Eine solche Verletzung muss nicht lebensbedrohlich sein. Meist wäre sie es vermutlich nicht. Aber eine tiefere Schnittverletzung kann stark bluten. In einer dicht gedrängten Menschenmenge, zwischen Musik, Bewegung und herumliegenden Gegenständen, kann eine verletzte Person außerdem schnell übersehen werden.
Ich hatte mich umgedreht, weil mein Blick nach dem Klirren automatisch nach einer möglichen Verletzung suchte.
Und dann begann mein Kopf, weitere Muster zu prüfen.
Viele Polizeikräfte – deutlich weniger sichtbare Sanitäter:innen
Ich begleitete den Hamburger CSD-Demonstrationszug rund vier Stunden lang.
Die Polizei war stark sichtbar. An vielen Stellen nahm ich mehr Polizeikräfte als Sanitäter:innen wahr. Das war angesichts der Sicherheitslage nachvollziehbar. Polizeiliche Präsenz kann Gefahren abschrecken, Räume sichern, Verkehrswege freihalten und bei einem Angriff unmittelbar reagieren.
Aber Sicherheit endet nicht mit der Abwehr einer Gefahr.
Wenn ein Mensch bereits verletzt ist, beginnt eine andere Zeitrechnung.
Dann geht es nicht mehr nur darum, wie schnell Rettungsdienst oder Sanitätskräfte alarmiert werden. Es geht darum, wer bereits in unmittelbarer Nähe steht – und welches Material diese Person innerhalb weniger Sekunden tatsächlich zur Verfügung hat.
Während ich die Polizeikräfte im Zug und am Rand beobachtete, fiel mir etwas auf:
An keiner der von mir gesehenen Uniformen war ein persönliches IFAK erkennbar.
Ich sah keine eindeutig als IFAK oder MED gekennzeichnete Tasche. Keine sichtbare Rip-off-Pouch. Keine kontrastreiche medizinische Zuglasche. Kein außen getragenes Tourniquet, das ich aus einigen Metern Entfernung als solches hätte identifizieren können. Oder war die Ausrüstung da und ich war blind?
Vielleicht befand sich medizinisches Material in Bein- oder Westentaschen.
Vielleicht lagen Tourniquets in Einsatzfahrzeugen.
Vielleicht waren einzelne Kräfte speziell ausgerüstet, ohne dass ich ihnen begegnete.
Das kann ich anhand meiner Beobachtung nicht ausschließen.
Was ich aber sagen kann:
Keine der vielen von mir beobachteten Polizeikräfte war für mich aus kurzer Entfernung eindeutig als unmittelbar verfügbare Quelle für Traumamaterial erkennbar.
Warum „irgendwo in der Weste“ nicht genügt
Ein IFAK – ein Individual First Aid Kit – ist keine gewöhnliche Verbandtasche für kleine Alltagsverletzungen.
Es enthält, abhängig von Ausbildung und Einsatzprofil, Material für die unmittelbare Versorgung schwerer Verletzungen. Dazu können Handschuhe, komprimierte oder hämostatische Gaze, Druckverband, Tourniquet, Rettungsdecke und weiteres ausbildungsabhängiges Material gehören.
Das Entscheidende ist jedoch nicht allein der Inhalt.
Ein IFAK muss:
schnell erreichbar sein,
mit möglichst wenigen Handgriffen geöffnet werden können,
auch durch eine andere Person auffindbar sein,
und aus kurzer Entfernung eindeutig als medizinische Ressource erkennbar sein.
Ein Tourniquet und mehrere Paar Handschuhe können sinnvoll in einer fest definierten Beintasche liegen. Dort wären sie schnell erreichbar, solange sie nicht unter anderem Material vergraben sind.
Ein vollständiges IFAK kann als flache Tasche unter dem unteren Rand einer Schutzweste getragen werden. Eine solche Position kann geschützt, zentral und von beiden Händen erreichbar sein.
Aber sobald dieses IFAK verdeckt getragen wird, muss seine Position von außen gekennzeichnet sein.
Denn Sanitäter:innen, Feuerwehrkräfte oder zufällig anwesende TECC-Provider kennen nicht jedes polizeiliche Tragesystem. Sie können eine verletzte Einsatzkraft nicht erst nach verborgenem Material absuchen.
Ein verdecktes IFAK ohne Markierung ist vielleicht vorhanden.
Aber für fremde Helfende ist es zunächst unsichtbar.
Ich muss es aus zwei Metern Entfernung erkennen können
Diese Forderung mag auf den ersten Blick übertrieben wirken.
In einer realen Lage ist sie ausgesprochen praktisch.
Angenommen, ich knie bei einem verletzten Menschen. Meine Hände üben direkten Druck auf eine stark blutende Wunde aus. Um mich herum bewegen sich Menschen. Es ist laut. Vielleicht ist die Lage noch nicht vollständig sicher.
Zwei Meter entfernt steht eine Polizeikraft.
Dann muss ich entscheiden können, ob ich gezielt rufe:
„Sie mit dem IFAK – Tourniquet und Handschuhe zu mir!“
Ich kann das Opfer nicht verlassen, zur Uniform laufen und fragen, ob sich vielleicht irgendwo unter der Weste medizinisches Material befindet.
Ich kann auch nicht jede Polizeikraft probeweise aus ihrer Sicherungsaufgabe lösen.
Was ich nicht erkennen kann, kann ich in dieser Situation nicht einplanen.
Eine sichtbare IFAK-Kennzeichnung ist deshalb keine taktische Dekoration. Sie vermittelt eine konkrete Information:
Hier ist medizinisches Material. Diese Person kann es bringen. Im Fall ihrer eigenen Verletzung kann es an ihr gefunden werden.
Mein eigenes IFAK war sichtbar
Mein IFAK trug ich links außen am Gürtel. Siehe Titelbild.
Die Tasche war klar gekennzeichnet. Sie war als eigenständige Pouch erkennbar und befand sich nicht verborgen unter meiner Kleidung. Wer mich aus kurzer Entfernung sah, konnte erkennen, dass dort medizinisches Material getragen wurde.
Niemand hätte zuerst fragen müssen.
Niemand hätte mich abtasten oder verschiedene Taschen öffnen müssen.
Und im Fall meiner eigenen Verletzung wäre die Position ebenfalls eindeutig gewesen.
Die Tasche war als Rip-off-Pouch ausgeführt. Das bedeutet: Die Trägerplatte bleibt am Gürtel, während die eigentliche Tasche mit einem Griff abgenommen und direkt zur verletzten Person gebracht werden kann.
Das ist besonders dann sinnvoll, wenn mehrere Menschen zusammenarbeiten:
Eine Person übt Druck auf die Wunde aus.
Eine zweite nimmt das IFAK ab und öffnet es.
Eine dritte alarmiert den Rettungsdienst oder weist Sanitätskräfte ein.
Das Material bleibt nicht am Körper der Person gebunden, die es ursprünglich getragen hat. Es wird Teil einer kleinen, spontan entstehenden Versorgungskette.
War ich tatsächlich der einzige ausgerüstete Mensch?
Das weiß ich nicht.
In der Menge können weitere Besucher:innen medizinisches Material getragen haben. Polizeikräfte könnten Tourniquets oder Handschuhe verdeckt mitgeführt haben. Sanitätsteams befanden sich sicherlich entlang der Strecke und an festgelegten Punkten.
Aber während großer Teile meines Weges war mein eigenes IFAK die einzige von mir erkennbare und unmittelbar greifbare Trauma-Ausrüstung.
Das ist ein Unterschied.
Ich behaupte nicht:
Ich war der einzige Mensch mit medizinischem Material.
Ich frage:
War ich möglicherweise der einzige Mensch in meiner unmittelbaren Umgebung, dessen Traumamaterial in einer kritischen Situation sofort erkannt, angefordert und genutzt worden wäre?
Die herunterfallende Glasflasche war keine Katastrophe.
Niemand schien sich verletzt zu haben.
Doch sie zeigte mir, wie schnell aus einem beiläufigen Geräusch eine Versorgungslage hätte werden können – nicht erst durch einen gezielten Angriff, sondern durch ein gewöhnliches Missgeschick mitten in einer Großveranstaltung.
Und sie führte zu einer größeren Frage:
Worauf ist ein Sicherheitskonzept eigentlich vorbereitet?
Ein Sicherheitskonzept kann sehr viele Polizeikräfte vorsehen.
Es kann Sanitätsstationen, Rettungswege, Fahrzeuge und Meldeketten einplanen.
All das ist notwendig.
Doch zwischen dem Moment einer Verletzung und dem Eintreffen einer medizinisch ausgerüsteten Kraft bleibt immer eine Lücke.
Bei einer kleinen Schnittwunde ist diese Lücke meist unproblematisch.
Bei einer massiven Blutung kann sie entscheidend sein.
Deshalb reicht es nicht, dass irgendwo ein Sanitätsrucksack steht oder ein Tourniquet in einem Fahrzeug liegt.
Material muss dort sein, wo die ersten Menschen bereits stehen.
Und es muss erkennbar sein.
Meine Fragen an die Polizei Hamburg
Aus meiner Beobachtung ergeben sich deshalb konkrete Fragen:
Trugen die beim Hamburger CSD eingesetzten Polizeikräfte persönlich Tourniquets und Einmalhandschuhe?
Waren einzelne oder alle Kräfte mit einem vollständigen IFAK ausgestattet?
Falls IFAKs verdeckt unter Einsatz- oder Schutzwesten getragen wurden: War ihre Position von außen gekennzeichnet?
Gibt es bei der Polizei Hamburg eine standardisierte Trageposition für persönliches Traumamaterial?
Können Sanitäter:innen und externe TECC-Provider diese Position im Notfall zuverlässig erkennen?
Befand sich die medizinische Ausrüstung hauptsächlich am Körper der Kräfte, in Fahrzeugen oder bei speziell eingeteilten Einheiten?
Werden Polizeikräfte regelmäßig praktisch in der Kontrolle massiver Blutungen trainiert?
Warum war an keiner der von mir beobachteten Uniformen eine entsprechende Ausstattung aus wenigen Metern Entfernung erkennbar?
Diese Fragen richten sich nicht gegen die einzelnen Beamt:innen.
Sie tragen, was ihnen ausgegeben oder vorgeschrieben wird.
Die Frage richtet sich an das System dahinter.
Vorhanden ist nicht dasselbe wie verfügbar
Die Glasflasche zerbrach.
Ich blieb stehen, drehte mich um und suchte nach einer Verletzung.
Es war offenbar nichts geschehen.
Also ging ich weiter.
Doch hätte wenige Sekunden später jemand in den Scherben gelegen, wäre nicht entscheidend gewesen, wie viele Rettungswagen irgendwo in Hamburg bereitstanden.
Entscheidend wäre zunächst gewesen:
Wer ist bereits hier?
Wer erkennt die Verletzung?
Wer hat Handschuhe?
Wer hat Verbandmaterial?
Wer hat ein Tourniquet?
Und wer ist aus zwei Metern Entfernung überhaupt als entsprechend ausgerüstet erkennbar?
Zwischen „irgendwo vorhanden“ und „jetzt verfügbar“ liegen manchmal nur wenige Meter. Bei einer schweren Blutung können genau diese Meter zu viel sein.




