4. November 2026 | US-Midterms, Machtpolitik und Weltwirtschaft
Die amerikanischen Wählerinnen und Wähler haben Donald Trump bei den Midterms eine deutliche politische Niederlage beschert. Die Demokraten gewinnen nach den bisherigen Hochrechnungen die Kontrolle über beide Kammern des Kongresses. Im Senat stehen sie bereits bei 54 Sitzen, im Repräsentantenhaus haben sie die notwendige Mehrheit ebenfalls erreicht.
Doch wer glaubt, Trump werde nun für seine verbleibenden zwei Jahre im Weißen Haus zu einer harmlosen „Lame Duck“, könnte eine unangenehme Überraschung erleben. Denn eine geschwächte Präsidentschaft ist keineswegs dasselbe wie eine machtlose.
Innenpolitik: Regieren gegen den Kongress
Ab dem 3. Januar 2027 können die Demokraten neue Gesetze blockieren, Regierungsmitglieder unter Eid befragen, Untersuchungen einleiten und über die Haushaltsgesetzgebung erheblichen Druck ausüben. Auch Trumps Möglichkeiten, Richter und Regierungsmitglieder ernennen zu lassen, werden eingeschränkt.
Trump behält allerdings sein Vetorecht, die Kontrolle über die Exekutive und weitreichende präsidiale Handlungsspielräume. Bereits vor der Wahl berichtete Reuters, dass seine Regierung seit Monaten daran arbeitet, politische Vorhaben möglichst ohne Zustimmung des Kongresses umzusetzen.
Seine demonstrativ präsentierte rote „VETO“-Kappe verrät zumindest, auf welche Form politischer Konfrontation er sich vorbereitet.
Die Gefahr liegt in einer zunehmenden institutionellen Blockade: Präsidialverfügungen, juristische Auseinandersetzungen, blockierte Haushalte und der Versuch, politische Verantwortung jeweils der Gegenseite zuzuschieben. Ein solches Kräftemessen könnte wichtige Reformen verhindern, obwohl die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme des Landes dringend Lösungen erfordern.
Außenpolitik: Die Macht bleibt beim Präsidenten
Noch kritischer erscheint mir die Außenpolitik. Trump bleibt Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte. Der Kongress kann militärische Operationen politisch und finanziell begrenzen, aber nicht jeden Angriff verhindern, bevor er stattfindet.
Der Krieg gegen Iran zeigt bereits, wie folgenreich militärische Entscheidungen sein können, deren Risiken zuvor bekannt waren. Eine weitere Eskalation könnte nicht nur zusätzliche Menschenleben kosten, sondern die Sicherheit der gesamten Golfregion gefährden.
Auch gegenüber der Ukraine, Russland, China und den europäischen NATO-Partnern bleibt die Frage, wie berechenbar Washington künftig handelt. Wenn außenpolitische Zusagen von kurzfristigen Entscheidungen des Weißen Hauses abhängen, wird langfristige Sicherheitsplanung zunehmend schwieriger.
Weltwirtschaft: Die Rechnung bezahlen andere mit
Für die Weltwirtschaft könnten die kommenden beiden Jahre ebenfalls turbulent werden. Neue Zölle, Handelskonflikte, unsichere Investitionsbedingungen und weitere Störungen der Energieversorgung bilden eine gefährliche Kombination.
Die Straße von Hormus demonstriert, wie schnell ein regionaler Krieg globale Auswirkungen entwickeln kann. Steigende Transport- und Energiekosten belasten Unternehmen, private Haushalte und öffentliche Haushalte weit über den Nahen Osten hinaus.
Besonders Europa bleibt verwundbar, weil strategische Abhängigkeiten bei Energie, Technologie, Verteidigung und Rohstoffen nicht innerhalb weniger Jahre verschwinden. Selbst ein späterer amerikanischer Präsident, der wieder auf internationale Kooperation setzt, könnte verlorenes Vertrauen und unterbrochene Investitionsvorhaben nicht einfach durch eine Unterschrift wiederherstellen.
Eine Niederlage ist noch keine Entmachtung
Es wäre falsch, eine weitere Eskalation als zwangsläufig darzustellen. Politische Kompromisse bleiben möglich, und ein demokratisch kontrollierter Kongress kann Trumps Handlungsspielraum erheblich begrenzen.
Dennoch entsteht eine widersprüchliche Situation: Ein Präsident, dessen Partei gerade beide Kongressmehrheiten verloren hat, behält weiterhin gewaltige exekutive und militärische Macht.
Die entscheidende Frage der nächsten zwei Jahre lautet deshalb nicht, ob Trump noch Macht besitzt, sondern wie er auf deren zunehmende Begrenzung reagiert.
Die amerikanische Demokratie hat mit diesen Midterms ein deutliches Korrektiv aktiviert. Ob dieses Korrektiv ausreicht, um weitere außenpolitische Eskalationen, innenpolitische Machtkämpfe und wirtschaftliche Schäden zu begrenzen, wird sich erst zeigen.
Die Ente mag lahmen. Ihr Vetorecht funktioniert weiterhin.
Illustration: KI-generierte politische Karikatur. Stand der Wahlergebnisse: 4. November 2026, vormittags.



