…es klingelt entfernt.
Es klingelt erneut! Diesmal höre ich es lauter.
Langsam öffne ich meine Augen. Ich sehe erst noch unscharf eine schnelle Bewegung über mir, die einen Luftwirbel über meinen heißen Körper fahren lässt. Der Deckenventilator!
Ich blinzle auf die Armbanduhr, sie zeigt mir 9 Uhr 12 an.
Dann höre ich leises Klingeln bei anderen Hausbewohnenden. ‚Hmm ok‘, denke ich, ‚mal wieder hat jemand was bestellt und ist nicht zuhause. Kommt hier vor.‘
Dann klingelt es fast wütend kurz erneut bei mir an der Tür. ‚Oh, dann war es doch hier für mich bestimmt?‘
Fast zitternd ziehe ich mein iphone von der Ladestation und öffne Amazon. War da nicht eine Bestellung von meiner Liebsten? Ich bin aber nicht wach genug um zur Tür zu stürzen!
Da, da in der Liste der Bestellungen sehe ich es! „Versuchte Zustellung um 09:12 Uhr. Wir versuchen es später noch einmal.“
‚Na schön! Wozu gibt es in der Nähe einen Amazon Locker!?‘, frage ich in Gedanken.
Dann schlurfe ich schlaftrunken zum Badezimmer. Leere begegnet mir. Es fehlt was.
Ich schlurfe weiter in die Küche um mir einen Kaffee zu machen. Wieder Leere begegnet mir!
Kein Mauzen, keine kleine Fellgestalt, die erwartungsvoll vor dem Fressnapf sitzt. Da ist kein Fressnapf mehr. Wie auch im Bad kein Katzenklo mehr ist. Nur das beklemmende erdrückende Gefühl der Einsamkeit wabert wie schwerer Nebel durch die Räume!
Mein Darm meldet meiner Körpersensorik, dass ein eiliger Gang aufs Klo gerade nicht die schlechteste Idee sei. Da sitze ich, iPhone in der Hand. Und um die ohrenbetäubende Stille mit mehr als meinem Herzklopfen zu füllen öffne ich TikTok. Die ersten Clips sind noch ok. Dann aber kommt eine mir bekannte Gestalt aus der Metal-Musik-Szene auf das Display und fängt an zu singen. Nur Gesang, erst noch ohne instrumentaler Begleitung. Da erkenne ich es: Amazing Grace Metal!
Es zerreißt mich!
Seit 2013, kurz nach Beginn meiner Lymphdrüsenkrebs-Chemo, haben mich die beiden Kater Spock und Kirk begleitet. Beide waren damals nur wenige Jahre alt. Spock musste ich 2025 gehen lassen, diese Woche Dienstag dann Kirk. Ausgerechnet beide an Krebs.
Mir ergießt sich ungehindert plötzlich eine Tränenflut. Denn mein Kater hält nun nicht zu meinen Füßen Wache, dass mir gerade ja niemand gefährlich wird. Kein liebevoller Blick und sanfte Berührung mit seinem Schwanz an meinen Beinen. Fuck, wie soll ich diese Einsamkeit ertragen an den Tagen an denen meine liebe Frau ins Büro fahren muss?!? Wie lange wird es brauchen bis ich diese neblig graue Einsamkeit beim Aufwachen nicht mehr fühle?
Nach einer Stunde im Sessel, bei schwerer Musik von Apple Music in den Ohren und gelegendliches Nippen am mit Kakao gesüßten Milchkaffee, lässt der feste Griff der Emotionen um meinen Brustkorb langsam nach.
Ich nehme wieder wahr, was leise im Fernseher läuft. Iphone Lautstärke taste ich leiser mit der linken Hand und mit der rechten die des TVs lauter. Irgendwie geht es doch weiter. Langsam, mental als würde ich in einem Herbstnebel durch ein graues Watt wandern. Doch es ist Hochsommer bei bald 35 Grad und wolkenlosem Himmel.
13 Jahre Schnurren, jetzt ist es zu ruhig!



