Dieser Rückblick führt in eine Zeit, in der meine Frau und ich erst wenige Jahre in Partnerschaft waren und wir begannen, die Gothic-Szene für uns auszuprobieren - nicht nur wegen der Musik und der Kleidung, sondern auch wegen der Hoffnung, dort Menschen zu finden, bei denen Anderssein nicht sofort erklärt, verteidigt oder versteckt werden muss.
Wir waren damals in Hamburg in einer lokalen Gothic-Gruppe aktiv, gingen zu Treffen und Stammtischen und versuchten auf diese Weise, neue Kontakte zu knüpfen. Vielleicht würden daraus Freundschaften entstehen. Vielleicht auch mehr Zugehörigkeit. Vielleicht ein Kreis von Menschen, bei denen man nicht schon an der Oberfläche hängen bleibt.
Bis heute bin ich im Geiste mit dieser Szene und Kultur verbunden.
In der Zeit von 2027 bis 2036 gab es — zumindest in meiner Vorstellung, meiner Hoffnung und der möglichen Zukunft dieses Buches — weitere Festivalbesuche: erst mit meinem Jeep, später mit dem Ford Pickup, Dachzelt und M24 Camper. Dazu spontane Fahrten quer durch Deutschland, zu Treffen mit anderen Gothics, zu Menschen, die ähnlich ticken oder zumindest anders genug sind, um Anderssein nicht gleich als Störung zu betrachten.
Für mich war dabei elementar, dass ich trotz meines autistischen Gehirns Kontakte knüpfen konnte. Nicht massenhaft. Nicht beliebig. Aber mit einer gewissen Verbundenheit. Besonders mit Menschen, die wie ich irgendwo trans, enby oder queer verortet sind. Aber auch Bekanntschaften mit Menschen außerhalb des Autismusspektrums, egal ob queer oder nicht, waren und sind schön. Um Längen besser als vieles außerhalb der Gothic-Szene.
Aber ist Gothic deshalb ein Safe Space für queere und neurodivergente Menschen?
Ist es für mich ein Safe Space geworden?
Diese Frage wird später im Buch noch genauer beleuchtet. Für diesen Rückblick ist zunächst wichtig zu verstehen, was Gothic für mich überhaupt bedeutet — jenseits der üblichen Klischees von schwarzer Kleidung, düsterer Stimmung, Friedhöfen und Grufti-Schubladen.
Mit Gothic werden automatisch dunkle bis schwarze Kleidung, düstere melancholische Stimmung, Grufti, schwere Metal-Musik und gerne noch Menschen mit auffälligem Make-up oder bleich gepuderten Gesichtern verbunden. So erscheint Gothic-Mode vielen auf den ersten Blick.
Weit gefehlt. Das ist nur ein kleiner Teil der Gothic-Kultur.
Der sichtbare Teil sieht oft so aus, ja. Auf Festivals und wenn Goths sich in ihrer Freizeit treffen, wird gerne eher dunkle bis Army-Kleidung getragen. Fast wie ein Kleiderkodex. Aber durchaus kommen Farben darin vor: Purpur, Weinrot, Lila, Blau, Silber und Gold.
Der Stil kann von Barock bis Mad Max reichen und alles Mögliche dazwischen sein. Von Kleidung aus spezialisierten Gothic-Szene-Shops bis hin zu selbst genähten Stücken. Aber es muss nicht einmal schwarz sein. Tarnfarben und Military gehen auch. Nur eben nicht zu ähnlich oder gleich wie existierende Armeekleidung, sondern eher als Mix.
Und das ist nur, wie einige manchmal im Alltag anzutreffen sind: mit Halsketten, Halsbändern, Ketten und Bändern an den Handgelenken, Schmuck diverser Art, darunter auch für Insider erkennbarer Schmuck. Eben kein typischer Modeschmuck.
Dies hat sich seit den letzten Jahrzehnten nicht elementar verändert, eher verfeinert.
Sind es nur junge Menschen oder Jugendliche, die so zu erkennen sind? Nein. Durchaus sind von jung bis alt alle dabei – von zwei bis hundert Jahren. Für Gothic gibt es keine Altersbeschränkung.
So viel zur grundlegenden Einordnung der Optik.
Kommen wir zum Musikgeschmack.
Sicher kein Techno, Trance oder gar Schlagermusik. Eher Musik mit lyrischem Tiefgang. Ähnlich wie Metal, aber eher Folk-Metal, Folk-Rock, Indie, Viking, überlieferte bis neu interpretierte mittelalterliche Musik aus den nordischen Ländern, bis hin zu russisch-ukrainischer Volksmusik. Aber auch EBM und Industrial mit vielen Synthie-Elementen sind zu finden.
Für jede:n ist etwas dabei – oder etwas, worüber man streiten kann, ob es nun Gothic-Musik ist oder nicht.
Sind Goths alle depressiv und melancholisch? Nein. Das ist genauso ein Vorurteil und Stereotyp wie die Vorstellung, dass sich alle gerne nachts auf Friedhöfen aufhalten und eine Art Totenkult ausleben. Klar gibt es auch einige wenige, die sowas mögen. Es ist aber nicht die Regel.
Was macht ein:e Goth nun aus? Ist es die Kleidung und der Musikgeschmack?
Das alleine ist es noch nicht.
Die meisten sind nachdenklicher und eher nicht so oberflächlich. Emotionaler und sanfter. Schon in gewissem Sinne anders als jene, die primär Metal hören. Und ja, die meisten von uns verleugnen Traumata nicht.
Wie heißt es so schön? Ärgerst du einen Metal-Head, schlägt er zu. Ärgerst du einen Goth, bittet er dich, dich mit ihm hinzusetzen, alles auszudiskutieren und am Ende einen philosophischen Konsens zu erreichen – oder gar ein Gedicht darüber zu verfassen.
So, was hat all das mit dey queeren autistischen Ike Aaren zu tun?
Sehr viel.
Schon als ich noch jung war, Jugendliche:r geradezu, also Teenager, faszinierte mich Rockmusik, Rockballaden, Blues und Country-Balladen mehr als Techno, NDW oder gar Schlager. Und mein Musikgeschmack hat sich mit den Jahren und Jahrzehnten nicht verändert, sondern vielmehr erweitert: Viking, Pagan, Scottish und Irish, Nordic Folk und Musik von Faun, Schandmaul, In Extremo und derlei.
Dem Metal bin ich durchaus auch zugetan, aber dann eher in Richtung Metallica, Manowar und Gothic Metal.
Meine Kleidung war und ist überwiegend eher dunkel: gerne schwarz, braun, beige, oliv und eine Mischung aus eher erdigen, natürlicheren Farben. Bis hin zu einem Stil zwischen Military, Gothic-Barock und Mittelalter.
Was fasziniert mich daran so sehr?
Es ist ein Lebensgefühl.
Und es ist das Wissen, dass in dieser Szene oder Kultur Außenseiter und Sonderlinge keine Außenseiter und Sonderlinge sind. Zumindest war es so – und gebietsweise ist es heute noch so. Alle, oder fast alle, sind offen gegenüber denen, die anders und nicht so ganz normal sind, solange diese friedfertig sind und niemandem etwas Böses wollen.
Emotionen sind hier eher gewünscht als verachtet und gemieden, sofern es echte Emotionen sind und keine gespielten emotionalen Rollen. Authentizität ist hierbei sehr wichtig.
So waren meine Frau und ich auch schon auf ein paar Gothic-Festivals: WGT und Me’ra Luna, letzteres bereits zweimal. Öfter ging es leider finanziell und gesundheitlich nicht, was wir als sehr schade empfinden.
Es ist schlicht etwas ganz Besonderes, wenn man auf dem Me’ra Luna ankommt, aussteigt, sich dann mit Zelt seinen Platz klarmacht und sich umguckt. Um einen herum fast nur dunkel bis eher schwarz gekleidete Menschen, in jedem Alter und jeder Geschlechtsidentität.
Das Gefühl, aufatmen zu können und sich zuhause zu fühlen.
Endlich unter normalen Menschen zu sein.
Gothic-Elemente sind an mir bis heute zu erkennen – zumindest für jene, die genau hinschauen und die Zeichen kennen. Die Thors-Hammer-Ohrcreole. Die Halskette mit Thors Hammer. Die langen Haare über dem Sidecut. Der Schmuck. Die dunkleren, erdigen Farben. Kleine Hinweise, keine laute Uniform.
Ist meine Frisur nun Gothic? Oder trage ich sie, um femininer zu wirken?
Irgendwie beides.
Und vielleicht ist genau das der Punkt. Denn beides passt durchaus zusammen. Gothic war für mich nie nur schwarz, düster oder männlich codiert. Es war immer auch ein Raum für Ambivalenz, für Übergänge, für Schönheit, Verletzlichkeit, Stärke und Anderssein.
Die langen Haare geben mir etwas Weicheres, Weiblicheres. Der Sidecut gibt dem Ganzen Bruch und Kante. Der Thors Hammer verbindet mich mit nordischer Symbolik, Natur, Mythos und einer gewissen archaischen Kraft.
Zusammen ist das kein Kostüm.
Es ist kein Versuch, eindeutig etwas zu sein.
Es ist eher eine sichtbare Spur dessen, was in mir ohnehin zusammengehört: Gothic, Queerness, Neurodivergenz, Naturverbundenheit, Stärke und eine feminine Seite, die nicht im Widerspruch zu mir steht.
War die Gothic-Szene also ein Safe Space?
Vielleicht nicht im perfekten Sinne. Kein Ort ist das. Auch dort gibt es Menschen, Missverständnisse, Gruppenverhalten, Eitelkeiten, Oberflächen und Enttäuschungen. Auch dort ist nicht jede:r automatisch tiefgründig, offen oder wirklich empathisch.
Aber für mich war und ist Gothic etwas, das näher an einem Safe Space liegt als vieles andere, was ich außerhalb dieser Szene erlebt habe.
Nicht, weil dort alles gut ist. Sondern weil dort Anderssein weniger störte.
Weil dunkle Kleidung, ungewöhnliche Musik, queere Identitäten, neurodivergente Eigenheiten, stille Menschen, intensive Menschen, verletzte Menschen und suchende Menschen dort eher nebeneinander existieren konnten, ohne sofort normalisiert, korrigiert oder wegerklärt zu werden.
Vielleicht war genau das der Punkt.
Ich musste dort nicht erst beweisen, dass ich irgendwie trotzdem dazugehöre. Ich konnte einfach da sein. Mit meiner Frau. Mit meiner Musik. Mit meiner Kleidung. Mit meinem autistischen Gehirn. Mit meiner queeren und nichtbinären Identität. Mit all dem, was mich im Alltag oft zu viel, zu anders oder zu schwer verständlich macht.
Und vielleicht ist das schon sehr viel.
Gothic war für mich nie nur eine Jugendphase. Es war auch nie nur ein Kleidungsstil oder ein Musikgeschmack. Es war eine Sprache für ein Gefühl, das ich lange vorher schon in mir trug: nicht ganz hierher zu passen, aber trotzdem irgendwo richtig sein zu können.
Ob diese Szene wirklich ein Safe Space für queere und neurodivergente Menschen sein kann, bleibt eine größere Frage. Eine, die später noch genauer betrachtet werden muss.
Für diesen Rückblick bleibt erst einmal dies:
Ich war vielleicht nicht immer sichtbar Goth, aber die Zeichen sind geblieben.
Manche davon hängen an meinem Ohr, manche an meinem Hals, manche fallen mir als Haare über den Sidecut.
Und manche sind längst Teil dessen geworden, wie ich mich selbst erkenne.



