NICHT QUEER NONBINÄR SICHTBAR GENUG?
Bin ich weniger nonbinär, wenn man es mir nicht ansieht?
Warum sind fast ausschließlich nur afab enby-Menschen online zu sehen?
Moin!
Jetzt mal ganz ohne KI spontan ein paar Gedanken geschrieben: Ich stand gerade auf aus dem Bett und startete TikTok. Der Algorithmus kennt meine Präferenzen und wen ich abonniert habe, ja ok. Aber spielt mir auch alles andere thematische rechts und links an Videos ein, was und wen ich noch nicht abonniert habe. So soll es ja auch sein, schön in der eigenen Bubble bleiben!
Das ich Interesse an Videos von anderen nonbinären Menschen habe, ist bekannt. Schließlich bin ich selbst nonbinär. Wer mich im Alltag sieht und das nicht weiß, denkt ich sei ein Kerl. Ein Kerl mit langen Haaren und Ohrringen, aber in eher maskuliner praktischer Kleidung. Soll ich nun faken jemand andere zu sein, weiblicher erscheinen als ich mich gerade empfinde? Muss ich mich so kleiden wie ich mich empfinde? vielleicht empfinde ich mich weder männlich noch weiblich. Niemand schreibt mir vor dann besonders feminine Kleidung zu tragen.
Aber zurück zu den Videos, sei es TikTok oder YouTube, suche ich regelrecht nach nonbinär / enby, dann bekomme ich gefühlt 98% Videos von Menschen die im weiblichen Körper geboren wurden. Trauen sich die Menschen, die in einem männlichen Körper geboren wurden nicht online sichtbar zu sein? Ist es mehr akzeptiert wenn Menschen weniger Frau und dafür mehr als Mann gesehen werden wollen als umgekehrt? Woran liegt es? Hilft es beruflich und sozial maskuliner zu erscheinen? Und warum spielen einige damit dann doch wieder ihre weibliche Seite rein optisch mehr zu zeigen und dazu zu sagen, sie seien aber nichtbinär vom Gender und es sei doch egal ob und wann sie sich weiblicher als das zeigen?
Ich weiß wer ich bin. Ich muss mich selbst nicht mehr überzeugen, auch nicht die Menschen um mich herum mich anders zu sehen oder mich so zu sehen wie ich meine Identität selber sehe. Das geht auch gar nicht in einer Welt die überwiegend binär erzogen, aufgewachsen ist, bzw. wurde. Ich kann die soziale Umwelt nicht von heut auf morgen ändern, ich kann nur authentisch ich selbst sein und mich so wie ich bin wohl fühlen. Naja, ok, wohlfühlen mit der Identität die ich habe, ja, nicht unbedingt mit der gesundheitlichen Ruine die ich bin. Aber das ist eine andere Story!
Was Musik, Musiker und Persönlichkeiten angeht, da ist Sam Smith für mich ein Leuchtturm! Ein Künstlerin dey nicht versucht jeden Tag super weiblich auszusehen. Sam Smith ist auch keine Modelfigur, hat auch einige Kilo zu viel am Körper und ist im männlichen Körper geboren. Aber im Alltag (so fern deren Alltag überhaupt unbeobachtet gefilmt werden kann), benimmt Sam sich authentisch. Nicht gay, nicht lesbisch, aber sicher auch nicht straight! Kleidet sich wie der mag, mal femininer, mal nicht so feminin, mal teils teils gemischt.
Es gibt keine ungeschriebenen Vorschriften, dass AMAB Enby Hormonersatztherapie machen müssen, dass ihnen Brüste wachsen und die Gesichtshaut und andere Stellen weiblicher werden, um so femininer auszusehen. Nichts schreibt ihnen vor dann nur noch weiblichen Fummel tragen zu müssen. Das wäre der eher typische Weg von A nach B in Transition zu gehen, aber dann nicht die angleichenden Operationen machen zu lassen. Wer das will, möge das machen. Es hat einen hohen Preis: In Deutschland ist es Vorschrift sich dafür vorab psychisch krank diagnostizieren zu lassen, sich eine psychiatrische Erkrankung auf die Stirn stempeln zu lassen versicherungstechnisch. HRT (Hormonersatztherapie) in geringer Dosis und derzeit mehr gibt es nur, wer durch den Leidensdruck vorab bereits psychisch erkrankt ist und deswegen dieses benötigt. Aber ist jeder Mensch der sich nonbinär identifiziert nicht nonbinär, nur weil weil dieser Leidensdruck nicht krankhaft stark da ist? Was ist wenn die versicherungstechnischen Hürden, die Kosten, der Preis an all dem zu groß sind? Wird dann diesem Menschen seine Nonbinärität abgesprochen? Wer hat das Recht dazu die Identität in Frage zu stellen? Das SBGG sagt eindeutig dass dies nicht erlaubt ist. Nonbinär zu sein hängt nicht an einem Leidensdruck und an einer Erkrankung. Denn wer sich binär und cis männlich oder weiblich identifiziert ist schließlich auch nicht krank und hat auch keinen Leidensdruck. Da wird es auch nicht erwartet. Aber wer dann doch mit dem eigenen Körper nicht klar kommt und die eigenen körperlichen Eigenschaften nicht der Identität entsprechen, hat durchaus psychische Probleme. Dysphorie nicht weiblich oder männlich genug zu erscheinen, im eigenen Spiegel und oder in der sozialen Umwelt. Zu wenig Brüste, zu maskulin in der sonstigen Gestallt, oder zu feminin, zu wenig Körperbehaarung, zu wenig Muskeln etc. Wie ist das für die, die müssen dann den gleichen medizinischen Weg gehen wie die, die nonbinär oder gar transgeschlechtlich sind? Hmm, das bringt mich dazu gleich mal ChatGPT zu fragen!
—> Hier was ChatGPT 5.5 dazu mir gibt…
Ja — das ist genau der entscheidende Punkt, und deine Frage am Ende ist stark, weil sie die Doppelmoral offenlegt.
Kurz gesagt
Nein, binäre cis Menschen müssen normalerweise nicht denselben psychiatrisch-medizinischen Weg gehen wie nichtbinäre oder trans Menschen, wenn sie Hilfe für körperliche Geschlechtsmerkmale brauchen.
Aber: Es hängt davon ab, welche Hilfe gemeint ist.
Der Unterschied liegt in der Einordnung
Bei trans, nichtbinären oder geschlechtsinkongruenten Menschen wird medizinische Hilfe oft als geschlechtsangleichende Maßnahme behandelt. Dann verlangt das System häufig psychiatrische/psychotherapeutische Indikation, Diagnosen, Leidensdruck, Gutachtenlogik oder MD-Prüfung — besonders bei Operationen und Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenkasse. Die MD-Begutachtungsanleitung zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen arbeitet weiterhin mit ICD-10/F64.0, Leidensdruck, Alltagserfahrung, psychotherapeutisch/psychiatrischen Voraussetzungen und Indikationsstellungen.
Bei binären cis Menschen wird Ähnliches aber oft anders einsortiert:
Beispiel
Typische Einordnung
Cis Mann mit Gynäkomastie
körperliche / endokrinologische / plastisch-chirurgische Problematik
Cis Frau mit fehlender oder sehr kleiner Brust nach Krankheit / Fehlbildung
rekonstruktive oder körpermedizinische Frage
Cis Mann mit Testosteronmangel
endokrinologische Behandlung
Cis Frau mit Hormonmangel
gynäkologische / endokrinologische Behandlung
Cis Person mit starkem Leid wegen Aussehen
ggf. kosmetisch, psychologisch oder rekonstruktiv
Das heißt: Cis Menschen müssen auch medizinische Notwendigkeit nachweisen, besonders wenn die Krankenkasse zahlen soll. Aber sie müssen dafür meist nicht ihre Geschlechtsidentität psychiatrisch validieren lassen.
Die eigentliche Ungleichheit
Der Unterschied ist nicht:
„Cis Menschen bekommen alles einfach so.“
Sondern eher:
Cis Menschen müssen ein körperliches Problem beweisen. Trans und nichtbinäre Menschen müssen oft zusätzlich beweisen, dass ihre Identität, ihr Leidensdruck und ihr Weg medizinisch legitim genug sind.
Und genau da liegt die Schieflage.
Denn bei cis Menschen wird der Wunsch, den Körper an das eigene Geschlechtsempfinden anzupassen, häufig als „normal“ verstanden. Bei trans und nichtbinären Menschen wird derselbe Wunsch viel schneller in eine psychiatrische Prüfstruktur geschoben.
Wichtig für deinen Artikel
Du könntest die Frage am Ende deshalb etwas schärfer formulieren:
Müssen eigentlich cis Männer und cis Frauen denselben psychiatrischen Weg gehen, wenn ihr Körper nicht zu ihrem Geschlechtsempfinden passt? Muss ein cis Mann mit Brustwachstum erst beweisen, dass er wirklich ein Mann ist? Muss eine cis Frau mit hormonellen Veränderungen erst psychiatrisch erklären lassen, warum sie weiblicher erscheinen möchte? Oder wird nur bei trans und nichtbinären Menschen aus Körper, Identität und Leidensdruck ein bürokratischer Prüfparcours?
Das ist stark, weil es den Vergleich nicht platt macht. Es sagt nicht: „Cis Menschen bekommen alles geschenkt.“
Es fragt präziser: Warum wird cis Geschlechtsidentität vorausgesetzt, aber trans/nonbinäre Geschlechtsidentität begutachtet?
Noch ein juristisch-politischer Zusatz
Das SBGG regelt vor allem die Änderung von Geschlechtseintrag und Vornamen, nicht automatisch medizinische Leistungen oder Kostenübernahmen. Die medizinische Versorgung und Kostenerstattung läuft weiterhin über Sozialrecht, Leitlinien, Krankenkassen und Medizinischen Dienst. Das Bundessozialgericht hat 2023 außerdem entschieden, dass körpermodifizierende Operationen bei trans Personen als neue Untersuchungs- und Behandlungsmethode eingeordnet werden können; für nonbinäre Personen sah es ohne entsprechende G-BA-Empfehlung keine reguläre Kassenleistung.
Das macht deinen Punkt sogar noch schärfer:
Rechtlich darf der Staat die Identität beim Personenstand inzwischen weniger pathologisieren — medizinisch und sozialrechtlich bleibt die Pathologisierung aber teilweise bestehen.
Mein Vorschlag für deinen Schlusssatz
Vielleicht ist genau das die eigentliche Frage: Nicht, ob nonbinäre Menschen „krank genug“ sind, um Hilfe zu bekommen — sondern warum ein Gesundheitssystem cis Körpernormen oft repariert, während es trans und nichtbinäre Körper erst psychiatrisch begutachtet, bevor es sie ernst nimmt.



