Wer war ich im Leib meiner Mutter?
Oder genauer gefragt: Was war ich dort?
War ich einfach nur eine neue Kombination aus dem Erbgut meines Vaters und meiner Mutter? Ein biologischer Zufallswurf, bei dem sich zwei Ahnenlinien kreuzten und etwas hervorbrachten, das es in genau dieser Form vorher noch nicht gegeben hatte?
Ja, aber eben nicht nur.
In mir begegneten sich nicht lediglich zwei Menschen. In mir trafen die biologischen Geschichten ganzer Familienlinien aufeinander. Das Erbe meiner Eltern trug auch Spuren ihrer Eltern und der Eltern ihrer Eltern in sich: körperliche Merkmale, Stoffwechselprozesse, Anfälligkeiten, Widerstandskräfte und jene zahllosen genetischen Varianten, die nicht festlegten, wer ich werden musste, aber mitbestimmten, was aus mir werden konnte.
Vielleicht trug ich sogar biologische Nachwirkungen von Krisen und Nöten in mir, die lange vor meiner eigenen Entstehung erlebt worden waren. Nicht als Erinnerung im menschlichen Sinn. Nicht als Bilder, Gedanken oder Gefühle, die meine Vorfahren in meinen Zellen abgelegt hätten. Aber möglicherweise als molekulare Spuren vergangener Lebensbedingungen, als Veränderungen darin, wie bestimmte Gene reguliert werden können.
Ich erinnerte mich nicht an das Leben meiner Vorfahren, doch mein Körper begann seine Existenz auch nicht vollkommen geschichtslos.
Während ich im Leib meiner Mutter heranwuchs, entstand mein Gehirn nicht isoliert und auch nicht nach einem unveränderlichen Bauplan. Gene eröffneten Entwicklungsräume, erhöhten Wahrscheinlichkeiten, beeinflussten Empfindlichkeiten und bereiteten neuronale Wege vor. Gleichzeitig entwickelte ich mich innerhalb eines anderen Menschen: versorgt durch ihren Körper, beeinflusst durch ihren Stoffwechsel, ihre Hormone, ihr Immunsystem und die Bedingungen ihres Lebens.
Noch bevor ich ein Ich sein konnte, war ich deshalb bereits Beziehung.
Meine spätere Art wahrzunehmen, zu fühlen und zu denken entstand aus einem hochkomplexen Zusammenspiel. Meine Gene entschieden nicht allein, dass ich autistisch sein würde oder dass sich in mir autistische und ADHS-typische Wahrnehmungs- und Denkweisen miteinander verbinden würden. Doch sie gehörten zu den Voraussetzungen, durch die meine Entwicklung mit größerer Wahrscheinlichkeit bestimmte Richtungen einschlagen konnte.
So wurde ich neurospicy.
Nicht durch einen einzelnen genetischen Schalter, der eines Tages umgelegt wurde. Nicht durch einen Fehler in einem ansonsten normalen Bauplan. Sondern durch das Zusammenwirken unzähliger Varianten, Regulationsprozesse, Entwicklungsbedingungen und neuronaler Verschaltungen.
Mein Gehirn wurde nicht falsch verdrahtet, es wurde zu meinem (unserem?) Gehirn.
Aber wenn mein Körper aus den biologischen Geschichten anderer Menschen hervorging, wenn meine neuronale Entwicklung bereits vor meiner Geburt innerhalb und durch den Körper meiner Mutter stattfand und wenn selbst meine Möglichkeiten, die Welt wahrzunehmen, teilweise aus einem Erbe entstanden, das weit vor mir begonnen hatte – war ich dann jemals nur ein Individuum?
Wo beginnt in mir das Eigene und wo endet das Ererbte?
Welche Teile dessen, was ich als mein unverwechselbares Selbst empfinde, gehören zugleich meinen Eltern, meinen Vorfahren und der biologischen Geschichte unserer Spezies?
Wer ist dieses Wir in mir?
Vielleicht war ich niemals ein einzelner, klar abgegrenzter Anfangspunkt. Vielleicht entstand mein Ich vielmehr in einer Verdichtung von Beziehungen: aus zwei Menschen, vielen Generationen, einem mütterlichen Körper und einer Entwicklungsgeschichte, die Milliarden Jahre vor meiner Geburt begonnen hatte.
Dann wäre das Ich kein Gegenstück zum Wir.
Das Ich wäre eine vorübergehende Form, in der sich ein Wir selbst erlebt.
Ich begann als Gemeinschaft von Zellen, bevor ich einen Körper hatte.
Ich entstand aus mehreren Menschen, bevor ich einen Namen bekam.
Und lange bevor ich das Wort „Ich“ sprechen konnte, war ich bereits ein Wir.
Die menschliche neurologische Entwicklung beginnt nicht mit einem fertigen, abgegrenzten Ich.
Ein Neugeborenes erlebt die Welt noch nicht in denselben klaren Kategorien, mit denen Erwachsene zwischen Selbst und Umwelt, innen und außen, Ich und Du unterscheiden. Es verfügt über körperliche Empfindungen, Bedürfnisse und erste Formen der Selbstwahrnehmung. Doch das bewusste, reflektierte Ich – jenes Ich, das sich selbst als eigenständige Person erkennt, benennt und in eine Lebensgeschichte einordnet – bildet sich erst allmählich heraus.
Am Anfang steht deshalb kein vollständig autonomes Individuum, sondern am Anfang steht Beziehung.
Ich und meine Mutter waren biologisch bereits zwei Körper. Doch für mein entstehendes Erleben bildeten wir zunächst ein eng verflochtenes System aus Nahrung, Wärme, Geruch, Stimme, Berührung, Schutz und Reaktion. Ich konnte nicht überleben, ohne dass ein anderer Mensch meine Signale wahrnahm, deutete und beantwortete.
Noch bevor ich wusste, dass ich ein Ich war, lernte ich mich durch ein Du kennen.
Vielleicht beginnt das bewusste Selbst genau dort: nicht in der Abgrenzung von allen anderen, sondern in der Erfahrung, von anderen wahrgenommen zu werden.
Ein Kind entdeckt sein eigenes Gesicht in den Gesichtern der Menschen, die auf es reagieren. Es lernt, welche Regungen erwünscht sind, welche Bedürfnisse beantwortet werden und welche Seiten seines Wesens sichtbar sein dürfen. Es erhält einen Namen, eine Sprache, Rollen und Erwartungen. Ihm wird gesagt, wer es ist, lange bevor es selbst entscheiden kann, ob diese Beschreibung zutrifft.
So entsteht Identität nicht allein aus dem Körper.
Sie entsteht auch aus Erziehung, Beziehungen, Kultur, Sprache und den gesellschaftlichen Kategorien, die einem Menschen zur Verfügung stehen. Sie ist kein frei erfundener Gedanke, aber auch kein unveränderliches Naturprodukt. Sie entwickelt sich im Spannungsfeld zwischen Körper, Gehirn, Selbstwahrnehmung und sozialer Spiegelung.
Dabei kann sie sich eng und scheinbar widerspruchslos an körperlichen Merkmalen ausrichten.
Sie muss es aber nicht.
Der Körper kann eine Grundlage der Identität sein, ohne ihr vollständiger Inhalt zu werden. Ein Mensch kann sich innerhalb der ihm zugewiesenen binären Kategorie wiedererkennen. Er kann sich von ihr entfernen. Er kann zwischen Kategorien leben, mehrere zugleich in sich tragen oder entdecken, dass keine von ihnen das eigene Erleben vollständig beschreibt.
Identität muss daher nicht pur sein, sie muss nicht eindeutig sein.
Und sie muss nicht ein für alle Mal abgeschlossen werden.
Sie kann sich kontinuierlich entwickeln. Manchmal beinahe unmerklich, manchmal in Schüben. Phasen scheinbarer Ruhe können von Momenten unterbrochen werden, in denen bisherige Gewissheiten zerfallen und sich das eigene Selbst neu ordnet.
Auch meine Identität entwickelte sich nicht entlang einer geraden Linie.
Fast fünf Jahrzehnte lang lebte ich unter einem Namen und in einer sozialen Kategorie, die mich teilweise beschrieben, aber niemals vollständig erfassten. Ich funktionierte darin. Ich übernahm Rollen. Ich erfüllte Erwartungen. Ich war Ehemann, Sohn, Techniker, Journalist, Pflegender, Beschützer und vieles mehr.
All das war nicht unwahr, aber es war auch nicht das Ganze.
Erst mit Mitte neunundvierzig wurde ich zu dem selbstbestimmten Menschen, den ich Ike Aaren nannte.
Dabei entstand kein völlig neuer Mensch. Ich löschte meine Vergangenheit nicht aus und tauschte kein falsches Ich gegen ein einziges wahres Ich aus. Vielmehr erlaubte ich den zuvor getrennten, versteckten oder sprachlosen Teilen meines Selbst, gemeinsam sichtbar zu werden.
Ich erkannte mich als ein Wir.
Nicht binär und ausschließlich Mann, nicht binär und ausschließlich Frau, nicht die saubere Hälfte zwischen zwei feststehenden Polen, sondern beides, mehr als eines und zugleich weder das eine noch das andere vollständig.
Ein bewegliches Selbst, in dem verschiedene Anteile nicht länger gegeneinander kämpfen mussten, um als einziger wahrer Kern übrig zu bleiben.
Vielleicht besteht Selbstbestimmung deshalb nicht darin, endlich eine vollkommen eindeutige Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ zu finden.
Vielleicht besteht sie darin, selbst entscheiden zu dürfen, welche Antworten nebeneinander wahr sein können.
Ich bin nicht weniger ich, weil ich mich als wir empfinde.
Mein Wir ist keine Auflösung meiner Persönlichkeit, es ist ihre vollständigere Form.
Wer denkt eigentlich in mir, wenn ich von mir oder wir denke?



