Teil 2 – Alte Gürtel und neue Reisepläne
Adi’ra schenkte den Met in die vier Tonbecher ein, nicht randvoll, denn auch wenn sie am nächsten Morgen nicht schon im Morgengrauen losmussten, mussten Alexias Sachen noch vernünftig im Ranger verstaut und einiges umsortiert werden. Aus dem Abend sollte also kein Gelage werden, bei dem am nächsten Tag vier Menschen mit unterschiedlich ausgeprägtem Kater versuchten herauszufinden, weshalb sie am Vorabend noch so überzeugt davon gewesen waren, eine gute Idee nach der anderen zu haben. Der Met war ohnehin eher etwas zum langsamen Trinken, süß genug, um ihn nicht einfach herunterzustürzen, und irgendwie passte er zu diesem Abend, zur bevorstehenden Fahrt nach Schweden und auch zu Erinnerungen, die Adi’ra längst nicht vergessen hatte, die aber im Alltag weit genug nach hinten gerückt waren, dass sie nicht ständig zwischen anderen Gedanken auftauchten.
Alexia nahm ihren Becher entgegen und ließ sich auf der Couch nieder, Kasandra setzte sich neben sie, während Nana den Sessel wählte, von dem aus sie alle gut sehen konnte. Das Licht im Wohnzimmer war inzwischen gedämpft, draußen wurde es langsam dunkler, und für einen Moment entstand eine dieser seltenen Pausen, in denen niemand meinte, irgendein Schweigen sofort mit Worten füllen zu müssen.
„Also Stockholm“, begann Adi’ra schließlich und nahm einen kleinen Schluck Met.
Alexia nickte. „Stockholm.“
„Du hast immer noch nicht gesagt, was du da eigentlich vorhast, außer mich dafür einmal quer durch Schweden fahren zu lassen.“
„Mich hinfahren lassen klingt jetzt, als würde ich dich als Taxi benutzen.“
„Technisch betrachtet sitze ich vorne links und bewege das Fahrzeug.“
Kasandra sah zu Nana. „Technisch betrachtet würde Adi’ra vermutlich auch eine Hochzeitsreise als logistische Verlagerung zweier Personen mit gemeinsamem Übernachtungskonzept beschreiben.“
Nana prustete los und schaffte es gerade noch, den Tonbecher vom Gesicht wegzuhalten.
Adi’ra sah Kasandra gespielt empört an. „So schlimm bin ich nicht.“
Kasandra sagte nichts.
Alexia sagte nichts.
Nana sagte ebenfalls nichts.
Drei Gesichter reichten als Antwort vollkommen aus.
„Ihr seid doof.“
„Aber liebenswert doof“, ergänzte Nana, immer noch grinsend.
Alexia hatte inzwischen ihr Smartphone hervorgeholt und wischte durch einige gespeicherte Seiten. „Ich hab da was auf Darkside gesehen. Einen Event in einem Club, in dem ich schon ewig nicht mehr war. Wir sind sowieso in Stockholm, ich bleibe danach dort und du machst deinen Erholungstag auf irgendeinem Campingplatz, bevor du weiterziehst. Also dachte ich, wir könnten uns wenigstens die letzte gemeinsame Nacht noch etwas amüsieren.“
Adi’ra hob die Augenbrauen. „Etwas amüsieren.“
„Ja.“
„Das klingt bei dir verdächtig.“
„Nur weil du mich kennst.“
„Eben.“
Alexia grinste und drehte das Smartphone kurz zu dey, als könnte die Veranstaltungsbeschreibung beweisen, dass ihre Absichten vollkommen harmlos waren. Adi’ra überflog die ersten Zeilen, aber eigentlich brauchte dey gar nicht mehr zu lesen. Schon Darkside, Club und eine gemeinsame Nacht in Stockholm reichten aus, damit im Kopf eine ganze Reihe alter Verbindungen entstanden, zu Orten, Gerüchen, Kleidung und Menschen, die mit Schweden überhaupt nichts zu tun hatten und trotzdem plötzlich wieder erstaunlich nah waren.
Alexia betrachtete dey einen Moment lang und ihr Grinsen wurde breiter.
„Hast du eigentlich den alten Ledergurt noch?“
Kasandra, die gerade trinken wollte, setzte den Becher wieder ab.
„Nein.“
Alexia sah sie unschuldig an. „Was nein?“
„Nein, ihr beiden macht das nicht noch einmal so wie damals.“
Adi’ra drehte den Kopf zu ihr. „Was heißt denn wie damals?“
„Du weißt ganz genau, was ich meine.“
„Ich frage nur.“
Kasandra schüttelte den Kopf und sah erst Adi’ra, dann Alexia an. „Du konntest danach ungefähr eine Woche kaum vernünftig sitzen oder dich irgendwo anlehnen.“
Nanas Blick wanderte sofort zu Adi’ra.
„Bitte was?“
Alexia grinste in ihren Becher.
„Das klingt jetzt schlimmer, als es war“, sagte Adi’ra.
„Nein“, widersprach Kasandra. „Es sah schlimmer aus, als du es empfunden hast. Das ist ein Unterschied.“
Und genau darin lag ein Teil der Geschichte, den Adi’ra selbst bis heute schwer in Worte fassen konnte, denn körperlich hatte Kasandra vollkommen recht. Der Rücken war danach ordentlich mitgenommen gewesen, der Hintern ebenfalls, anlehnen war unangenehm und manche Bewegungen hatten noch Tage später sehr deutlich daran erinnert, was in jener Nacht passiert war. Gleichzeitig erinnerte sich Kasandra aber mindestens genauso gut daran, dass Adi’ra danach psychisch beinahe ungewöhnlich ruhig gewesen war, als hätte jemand für eine Weile einen Teil der sonst ständig gleichzeitig laufenden Gedankenkanäle heruntergeregelt.
„Du warst danach völlig fertig und gleichzeitig so entspannt, wie ich dich selten erlebt habe“, sagte Kasandra. „Das war das eigentlich Verrückte daran.“
Adi’ra lächelte leicht.
„Losgelöst.“
Kasandra nickte. „Ja. Losgelöst trifft es besser.“
Nana saß inzwischen etwas weiter vorne im Sessel. Dass es früher JoyClub gegeben hatte und dass Adi’ra auch in Clubs unterwegs gewesen war, wusste sie. Einzelne Namen hatte sie ebenfalls irgendwann gehört, darunter Catonium und Dragon, und an einige Fotos erinnerte sie sich sogar noch ziemlich gut. Aber offenbar existierten zwischen diesen einzelnen Informationen größere Lücken, als sie bisher gedacht hatte.
„Von welchem Damals reden wir eigentlich genau?“
Adi’ra brauchte nicht lange zu überlegen.
„Ende April 2022. Das Catonium hatte fünfzehnten Geburtstag und am Samstag war dort der Tanz in den Mai. Alex hatte Geburtstag, kannte das Catonium schon und hatte mich mitgenommen. Wir sind am Abend rein und irgendwann am nächsten Morgen, so gegen sechs, wieder raus.“
Nana sah Alexia an. „Und gleich beim ersten Besuch hast du Adi’ra so zugerichtet?“
Alexia hob beide Hände. „Moment. Zugerichtet klingt, als hätte ich dey irgendwo überfallen.“
„Hat sie nicht“, sagte Adi’ra. „Das war schon ziemlich eindeutig abgesprochen.“
„Gut“, antwortete Nana, „dann formuliere ich es anders: Bei deinem ersten Catonium-Besuch hast du dich freiwillig von ihr so bearbeiten lassen, dass du anschließend eine Woche kaum sitzen konntest.“
„Das klingt auch nicht wesentlich besser.“
„Soll es vielleicht auch nicht.“
Kasandra grinste.
Adi’ra lehnte sich zurück und merkte, wie sich die Erinnerung nicht als vollständige Geschichte öffnete, sondern so, wie Erinnerungen nach fast zwei Jahrzehnten nun einmal funktionierten. Manche Dinge waren längst verschwommen, manche Abläufe ließen sich nicht mehr sauber in die richtige Reihenfolge bringen, während andere Momente mit einer Schärfe erhalten geblieben waren, die fast absurd wirkte.
Das Catonium selbst gehörte zu diesen Erinnerungen, allerdings weniger als exakter Grundriss oder vollständige Abfolge des Abends, sondern eher als Atmosphäre. Es war nicht das gewesen, was Menschen sich unter einem Sexclub vorstellten, wenn ihre Vorstellung hauptsächlich aus Pornografie, schlechten Filmen und irgendwelchen Erzählungen bestand. Es konnte ruhig sein, fast beiläufig sinnlich. Menschen saßen auf einem Sofa, unterhielten sich, gingen aneinander vorbei, und irgendwo daneben konnten zwei oder drei Personen beginnen, miteinander sehr intim zu werden, ohne dass deshalb plötzlich der ganze Raum Teil davon wurde. Man wurde nicht automatisch eingeladen, nur weil man anwesend war, und man gehörte auch nicht automatisch irgendwo dazu.
Für Adi’ra war das damals ohnehin ein spezielles Thema gewesen.
Dey war sehr korpulent gewesen, trug einen deutlich sichtbaren Bart und wurde von praktisch allen Menschen ohne weiteres Nachdenken als Mann gelesen. Niemand fragte nach Pronomen, niemand hielt einen Moment inne und überlegte, ob das äußere Bild möglicherweise nicht die vollständige Geschichte erzählte. Adi’ras Verhältnis zum eigenen Geschlecht war zu diesem Zeitpunkt längst komplexer als die soziale Zuordnung, die innerhalb weniger Sekunden stattfand, aber in einem Raum voller Menschen änderte das zunächst wenig daran, wie dey wahrgenommen wurde.
Alex war an diesem Abend eine Art Brücke gewesen. Sie kannte den Ort, kannte die Codes und bewegte sich dort mit einer Selbstverständlichkeit, die Adi’ra noch nicht hatte. Ohne sie hätte dey wahrscheinlich sehr viel beobachtet, sehr viel analysiert und wäre am Morgen mit einer großen Menge neuer Eindrücke, aber vermutlich kaum einem eigenen Kontakt wieder nach Hause gefahren.
Mit Alex entwickelte sich der Abend anders.
Irgendwann standen sie in der separaten Folterkammer, dort, wo unter anderem ein Andreaskreuz stand. Adi’ra erinnerte sich noch daran, wie dey sich daran festhielt, während Alex den Ledergürtel benutzte, der ursprünglich natürlich nie als besonders ausgefeiltes BDSM-Instrument gedacht gewesen war. Improvisiert war dafür wahrscheinlich die treffendere Beschreibung.
Was genau vorher gesagt worden war, konnte Adi’ra 2040 nicht mehr wortgetreu rekonstruieren und dey wollte es auch gar nicht versuchen. Erinnerung war keine Videoaufzeichnung. Sicher war nur, dass Alex gefragt hatte, dass Adi’ra wusste, was sie vorhatte, und dass dey es wollte.
Der erste harte Schlag war dennoch etwas anderes als jede theoretische Vorstellung davon.
Der Schmerz kam direkt und eindeutig, ohne Umweg, und mit den folgenden Schlägen bemerkte Adi’ra etwas, das damals noch keinen richtigen Namen hatte. Der Raum begann in der Wahrnehmung kleiner zu werden, obwohl er sich tatsächlich immer stärker füllte. Gespräche verschwanden nach hinten, Bewegungen wurden unwichtiger, selbst die sonst fast automatische Frage danach, wer gerade wohin schaute und was andere Menschen möglicherweise dachten, verlor zunehmend an Bedeutung.
Da war der Halt am Andreaskreuz, Alex hinter dey, der Ledergürtel, die kurze Erwartung vor dem nächsten Schlag und dann wieder dieser klare, massive Reiz.
Mehr brauchte der Kopf irgendwann offenbar nicht.
Es hatte für Adi’ra keinen zwingend sexuellen Charakter, und genau das war damals eine der überraschendsten Erkenntnisse gewesen. Dey nahm zu dieser Zeit noch Escitalopram und empfand Sexualität häufig wie durch eine Schicht Watte, nicht vollständig verschwunden, aber gedämpft und irgendwie weiter entfernt. Der Schmerz dagegen war alles andere als gedämpft. Er war klar, unmittelbar und so dominant, dass für eine Weile kaum Platz für das übliche Durcheinander blieb.
Erst später hatte Adi’ra begonnen, dafür den Ausdruck sensorischer Tunnel zu benutzen.
Wie lange sie bereits dort standen, wusste dey nicht mehr.
Was Adi’ra dagegen irgendwann bemerkte, war, dass sich etwas im Raum verändert hatte.
Es waren Menschen dazugekommen.
Viele.
Die Folterkammer war inzwischen brechend voll, und Adi’ra hatte nicht einmal mitbekommen, wann aus ein paar Menschen, die zusahen, eine größere Gruppe geworden war. Erst als die Wahrnehmung wieder etwas breiter wurde, kamen auch einzelne Gesprächsfetzen zurück. Gemurmel darüber, wie lange das schon ging, Verwunderung darüber, wie jemand so viele derart harte Schläge aushalten konnte, und immer wieder diese großen Augen von Menschen, die Adi’ra betrachteten, als müssten sie sich vergewissern, dass dey tatsächlich noch völlig freiwillig dort stand.
Einige fragten direkt, ob alles okay sei.
Adi’ra bestätigte es.
Denn aus deys Sicht war alles okay.
Mehr noch: Dey fühlte sich ausgesprochen gut.
Dass die Situation von außen offenbar erheblich drastischer wirkte, als sie sich in diesem Moment von innen anfühlte, nahm Adi’ra zwar wahr, aber es veränderte den Zustand kaum. Dey hörte Menschen darüber reden, dass sie so etwas in dieser Länge und Intensität noch nicht gesehen hätten, jedenfalls nicht mit solch harten Schlägen eines improvisierten Ledergürtels, und bemerkte gleichzeitig, dass einige der Zuschauenden dey beinahe ungläubig ansahen.
Adi’ra grinste.
Nicht aus Trotz und auch nicht, um irgendjemandem zu beweisen, dass alles problemlos auszuhalten war, sondern weil dieses Grinsen irgendwann einfach da gewesen war und sich kaum noch abschalten ließ. Es fühlte sich beinahe berauscht an, obwohl der Alkohol, den Adi’ra bis dahin getrunken hatte, dafür niemals ausgereicht hätte.
Und dann kam etwas durch diesen Tunnel, das zunächst überhaupt nichts mit Schmerz zu tun hatte.
Ein Geruch.
Adi’ra nahm ihn wahr, konnte ihn aber im ersten Moment nicht zuordnen. Dey drehte den Kopf etwas in Alex’ Richtung.
„Irgendwas riecht hier. Hast du dich verletzt?“
Alex sah zunächst an sich herunter und betrachtete ihre Hände. Nichts.
Dann sah sie Adi’ras Rücken genauer an, soweit das in dem schwachen Licht der Folterkammer überhaupt möglich war. Offenbar konnte auch sie zunächst nicht richtig erkennen, was dort los war, also trat sie näher und strich vorsichtig mit der Hand über Adi’ras Rücken.
Als sie die Hand zurückzog, war Blut daran.
Das war der Moment, in dem sich ihre Mimik änderte.
Alex ging noch näher heran, versuchte im schlechten Licht zu erkennen, wie der Rücken tatsächlich aussah, und damit war die Sache entschieden. Sie hörten auf. Es gab darüber keine große Diskussion und auch keinen Grund, die Grenze noch weiter auszutesten, nur weil Adi’ra sich subjektiv weiterhin großartig fühlte.
Gerade das war im Rückblick vielleicht das Merkwürdigste.
Der Rücken war an einigen Stellen bereits offen, Menschen um sie herum hatten längst angefangen, genauer hinzusehen und nachzufragen, Alex hatte Blut an den Händen, und Adi’ra stand immer noch am Andreaskreuz und grinste, als hätte dey gerade etwas ausgesprochen Schönes erlebt.
Was aus deys Sicht sogar stimmte.
Nana hatte während der Erzählung aufgehört zu trinken.
„Moment mal.“
Adi’ra sah zu ihr.
„Von deinem Rücken hatte ich damals doch Bilder gesehen.“
„Ja.“
Nana zog die Stirn zusammen und suchte offensichtlich in einer Erinnerung, die fast zwei Jahrzehnte zurücklag. „Die Fotos kenne ich noch. Also nicht jedes einzelne Bild, aber ich weiß noch, dass dein Rücken ziemlich übel aussah.“
„Tat er auch.“
„Aber dass du dort schon so stark geblutet hast, weiß ich nicht mehr.“
Adi’ra hob leicht die Schultern. „Wir wussten es selbst eine ganze Zeit lang nicht.“
Alexia sah in ihren Tonbecher und musste lachen. „Ich hab zuerst meine eigenen Hände kontrolliert, weil du mich gefragt hast, ob ich mich verletzt hätte.“
„Ja.“
„Und dann streiche ich dir über den Rücken und hab plötzlich Blut an den Fingern.“
Nana schaute zwischen ihnen hin und her. Die Fotos hatte sie gesehen, aber sie hatte damals offenbar nur das Ergebnis gekannt. Nun bekam dieses Bild nachträglich einen Raum, das Andreaskreuz, die Menschenmenge, die Stimmen und den Moment, in dem Alex erst durch das Blut an ihrer eigenen Hand erkannt hatte, dass sie längst an einem Punkt angekommen waren, an dem es sinnvoll war aufzuhören.
„Und du hast trotzdem weiter gegrinst?“
Alexia antwortete schneller als Adi’ra.
„Oh ja.“
„Dauergrinsen“, ergänzte Adi’ra.
„Ein ziemlich bescheuertes Dauergrinsen.“
„Danke.“
„Gerne.“
Nana schüttelte den Kopf, aber sie lachte dabei. „Ich versuche das gerade zusammenzubekommen. Du blutest am Rücken, eine ganze Folterkammer steht um euch herum und guckt dich mit großen Augen an, Leute fragen, ob alles okay ist, und du stehst da und freust dich.“
„Ja.“
„Wie auf Droge.“
Adi’ra nickte. „Genau so hat es sich angefühlt. Auch später noch. Ich war körperlich irgendwann völlig durch, aber im Kopf...“
Dey suchte kurz nach dem richtigen Wort.
„Frei.“
Kasandra sah zu dey.
„Das habe ich gemeint.“
Die Rückfahrt war Adi’ra ebenfalls erstaunlich deutlich in Erinnerung geblieben, auch wenn einzelne Stationen längst verschwunden waren. Als sie das Catonium gegen ungefähr sechs Uhr morgens verließen, war die Nacht eigentlich schon vorbei und der neue Tag hatte begonnen. Dey war müde, der Rücken meldete inzwischen sehr deutlich, dass die Nacht nicht folgenlos geblieben war, und trotzdem hielt dieses fast euphorische Gefühl weiter an. Mit dem HVV durch Hamburg nach Hause zu fahren, während der eigene Körper allmählich begann, eine andere Einschätzung des Abends zu entwickeln als der Kopf, gehörte zu diesen merkwürdigen Erinnerungen, die sich gerade deshalb festsetzten, weil zwei vollkommen gegensätzliche Zustände gleichzeitig wahr zu sein schienen.
Körperlich mitgenommen.
Psychisch ungewöhnlich entspannt.
Dey hatte wenig genug Alkohol getrunken, um zu wissen, dass dieses Gefühl nicht einfach damit zu erklären war, und trotzdem war die Heimfahrt fast wie die eines betrunkenen Menschen gewesen, nur ohne den dazu passenden Alkoholpegel.
Die Folgen auf der Haut blieben deutlich länger sichtbar als das eigentliche Hoch. Nana hatte die Fotos davon gesehen, andere ebenfalls, und noch einige Tage war jede Rückenlehne eine eher theoretische Möglichkeit als etwas, das Adi’ra freiwillig ausgiebig benutzte. Trotzdem hatte dey noch lange von dieser Nacht erzählt, weniger wegen der Verletzungen als wegen dessen, was dort im eigenen Kopf passiert war.
„Und deshalb“, sagte Kasandra nun und hob ihren Tonbecher leicht in Richtung Alexia, „macht ihr in Stockholm bitte nicht wieder exakt dasselbe.“
Alexia grinste. „Der Club ist nicht das Catonium.“
„Das beruhigt mich überhaupt nicht.“
„Und ich habe noch gar nicht gesagt, dass ich den Gürtel mitnehmen will.“
Adi’ra sah zu ihr. „Du hast gerade gefragt, ob ich ihn noch habe.“
„Das ist etwas anderes.“
„Natürlich.“
Kasandra zeigte erst auf Alexia und dann auf Adi’ra. „Stockholm: gerne. Club: gerne. Leder: von mir aus auch gerne. Aber ich möchte anschließend keine Nachricht bekommen, dass Adi’ra den Erholungstag auf dem Campingplatz deshalb braucht, weil dey nur noch auf dem Bauch schlafen kann.“
„Das wäre im Dachzelt immerhin machbar“, sagte Adi’ra.
Nana verschluckte sich tatsächlich am Met und begann gleichzeitig zu lachen und zu husten, worauf Alexia laut loslachte und selbst Kasandra zwei Sekunden brauchte, bevor sie ihren strengen Blick aufgab.
„Ihr seid unmöglich.“
„Du hast angefangen“, sagte Adi’ra.
„Nein, ich habe versucht, verantwortungsbewusst zu sein.“
„Das war dein erster Fehler.“
Der Abend wurde für einige Minuten wieder leichter, doch Nana betrachtete Adi’ra zwischendurch weiterhin mit diesem nachdenklichen Blick, der verriet, dass in ihrem Kopf noch einiges arbeitete. Sie hatte geglaubt, diese Jahre zumindest in groben Zügen zu kennen, und nun stellte sie fest, dass sie zwar viele einzelne Informationen besaß, aber die Verbindungen dazwischen kaum kannte.
Vielleicht war genau das der interessantere Teil der Geschichte.
Nicht, dass Adi’ra einmal in einer Folterkammer an einem Andreaskreuz gestanden und sich von Alex mit einem Ledergürtel hatte schlagen lassen. Das allein wäre eine ungewöhnliche Anekdote gewesen, mehr nicht.
Es war vielmehr die Frage, weshalb jemand freiwillig eine Erfahrung suchte, die von außen so brutal aussehen konnte und sich von innen gleichzeitig wie eine Befreiung anfühlte. Warum ein Raum voller Menschen einen Körper auf eine bestimmte Weise las, warum derselbe Körper in einem anderen Raum plötzlich eine vollkommen andere Bedeutung bekam und warum Nähe, Sexualität, Schmerz, Geschlecht und Zugehörigkeit offenbar viel weniger sauber voneinander getrennt waren, als einfache Begriffe suggerierten.
Nana wusste noch nicht, dass sie im Laufe des Abends auf mehrere solcher Widersprüche stoßen würde.
Alexia lehnte sich zurück, ließ den Tonbecher zwischen beiden Händen kreisen und sah Adi’ra wieder mit diesem Blick an, den inzwischen alle drei anderen im Raum bemerkt hatten.
„Den Ledergurt hast du aber noch, oder?“
Adi’ra grinste.
Kasandra schloss für einen Moment die Augen.
„Ich wusste, dass diese Frage noch nicht erledigt war.“
Und plötzlich war Stockholm wieder ganz nah. Nicht nur als Punkt auf HESAYAs Route, an dem Alexia aussteigen und Adi’ra nach einer gemeinsamen letzten Nacht und einem Erholungstag auf einem Campingplatz allein weiterfahren würde, ursprünglich Richtung Oslo, vielleicht aber auch weiter nach Norden. Stockholm war für diesen Abend zu einer Verbindung zwischen zwei Zeiten geworden: zwischen einem Club, den sie noch nicht betreten hatten, und einer Nacht Ende April 2022, die nach fast achtzehn Jahren noch immer ausreichte, um in einem Wohnzimmer in Glinde vier Menschen gleichzeitig zum Lachen, Staunen und Erinnern zu bringen.
Und Nana begann gerade erst zu verstehen, wie viele Geschichten zwischen diesen beiden Zeitpunkten noch lagen.
… to be continued in part 3…



