Identität im Quantennebel - Kapitel 4 – Spontane Fahrt mit der U2 im April
Teil der Serie "Identität im Quantennebel"
Samstag, 7. April 2040 – 12:18 Uhr
Das leise Ping erreichte Adi’ra zwischen zwei geöffneten Materialboxen.
Auf dem Boden des Office lagen Akkus in unterschiedlichen Ladezuständen, Speichermodule, Kamerahalterungen, Kabel und Teile der mobilen Wetterstation. Auf dem HoloWideScreen nahm die Packliste für Schweden fast die gesamte linke Hälfte ein, daneben standen Wetterprognosen, Verkehrsdaten und eine schematische Darstellung der Ladefläche des Rangers.
Montag, neun Uhr.
Bis dahin musste alles geprüft und verstaut sein, möglichst in einer Reihenfolge, bei der dey nicht am Sonntagabend drei Boxen wieder ausräumen musste, weil irgendein wichtiges Teil ganz unten lag.
Im Haus funktionierte Adi’ras inneres Wir meist ruhig. Gedanken übergaben einander die Arbeit, Erinnerungen ergänzten Checklisten, der Körper meldete Belastungsgrenzen, bevor sie zu Problemen wurden, und selbst neue Einfälle fanden gewöhnlich einen Platz, ohne den gesamten Ablauf umzuwerfen.
Das Office war ein kontrollierbarer Raum.
Auch die bevorstehende Reise bestand noch aus geordneten Möglichkeiten.
Das Brillendisplay blendete am oberen Rand eine Nachricht ein.
**Neue Nachricht von Alexia.**
Adi’ra hob den Kopf und nickte einmal kurz, deutlich genug, dass die iGlases die Bewegung erkannten.
> *Hast du heute spontan Zeit? Ich würde dich gern in Hamburg treffen. Vielleicht auf einen Kaffee in der Europapassage. Ich möchte dir etwas erzählen, das ich dir lieber nicht schreiben mag.*
Dey las die Nachricht ein zweites Mal.
Alexia hätte keine persönliche Nachricht schicken müssen.
Engere Kontakte konnten unmittelbar Terminanfragen an Adi’ras Kalender senden. Das System prüfte selbst, welche Zeiträume verfügbar waren, wie viel Vorlauf verschiedene Treffen benötigten und welche Aufgaben verschoben werden durften, ohne Schlaf, Gesundheit, Reisen oder notwendige Erholungsphasen zu gefährden.
Alexia gehörte zu den Menschen, für die der Kalender auch kurzfristige Zeitfenster suchte.
Sie wusste das.
Sie wusste ebenfalls, weshalb dieses System existierte. Spontane Treffen bestanden für Adi’ra nicht nur aus dem Treffen selbst. Es gab eine neue Route, andere Kleidung, zusätzliche Reize, eine Verschiebung des Tagesablaufs und eine soziale Situation, auf deren Inhalt dey sich nicht vorbereiten konnte.
Gerade diese Leerstelle begann sofort, sich zu füllen.
Was wollte Alexia nicht schreiben?
Ging es um ihre Arbeit bei der europäischen Klima-NGO, um interne Daten, politischen Druck, einen Konflikt in der Hamburger Niederlassung oder um etwas, das mit der NGO überhaupt nichts zu tun hatte?
Vielleicht war es persönlich.
Diese Möglichkeit beruhigte Adi’ra nicht stärker als die anderen.
„HESAYA.“
„Ich höre.“
„Prüfe heute sechzehn Uhr. Zwei Stunden.“
Die Packliste verkleinerte sich, der Kalender öffnete sich daneben.
„Der Zeitraum von sechzehn bis achtzehn Uhr ist verfügbar. Die vorgesehene Auswertung der internationalen Nachrichtenkanäle würde auf den Abend verschoben. Die Vorbereitungen für die Abfahrt am Montag um neun Uhr bleiben innerhalb des geplanten Zeitfensters.“
Eigentlich gehörten die heißesten Stunden des Tages der Nachrichtenanalyse. Wenn körperliche Arbeit draußen unnötig anstrengend wurde, ging Adi’ra die internationalen Kanäle durch, verglich Meldungen, Satellitenbilder, Klimadaten und politische Reaktionen.
Europa, Russland, Nordamerika, der Nahe Osten, afrikanische Küstenregionen.
Nicht alles war sofort wichtig. Die meisten größeren Entwicklungen kündigten sich jedoch lange an, bevor jemand ihnen eine Überschrift gab.
Einige Stunden Verschiebung waren vertretbar.
Für Alexia ohnehin.
„Reserviere den Zeitraum.“
„Welchen Termingrund soll ich eintragen?“
Adi’ra sah noch einmal auf die Nachricht.
Mehr hatte Alexia nicht mitgeteilt, und mehr musste auch HESAYA vorerst nicht wissen.
„Treffen einer alten Freundin.“
Der neue Eintrag erschien.
**16:00–18:00 Uhr**
**Treffen einer alten Freundin**
**Europapassage Hamburg**
„Soll ich die Bestätigung übermitteln?“
„Schreib: Passt. Ich bin um sechzehn Uhr dort.“
Die Nachricht ging hinaus.
Innerhalb weniger Sekunden hatte der Kalender den restlichen Tag neu geordnet. Eine Materialprüfung wurde vorgezogen, die Kontrolle zweier Kameras auf den Abend verschoben, der Nachrichtenblock begann später.
Organisatorisch war damit alles geklärt.
Adi’ras Kopf hielt sich nicht vollständig an diese Feststellung.
Alexia und dey kannten sich seit 2023. Siebzehn Jahre waren seit ihrer ersten Begegnung vergangen, darunter vier, in denen sie nichts voneinander gewusst hatten.
Alexia war heute freie Mitarbeiterin der Klima-NGO.
Aber sie war nicht nur das.
Ein altes Lachen tauchte auf, der Rand eines Tisches, eine Hand um eine Kaffeetasse, ein Gespräch, das länger gedauert hatte als geplant. Noch bevor sich daraus eine vollständige Erinnerung bilden konnte, lenkte Adi’ra den Blick zurück auf die Materialboxen.
Bis zur Abfahrt blieben knapp drei Stunden.
Der nächste Akku wartete.
---
**15:12 Uhr**
Im Ranger wurde es wieder ruhig.
Die Klimatisierung hielt die Luft auf einer Temperatur, bei der Adi’ras Körper nicht gegen jede Bewegung protestierte, die Scheiben filterten einen Teil der grellen Sonne, und auf dem Display verlief die Route nach Oststeinbek als klare Linie.
Motor, Luftstrom, Navigationshinweise.
Alles hatte eine erkennbare Ursache, einen festen Ort und eine Lautstärke, die sich regulieren ließ.
Auch die Gedanken fanden wieder nebeneinander Platz. Die Route lief im Vordergrund, der Zeitplan dahinter, Alexias Nachricht lag irgendwo dazwischen und wurde nur gelegentlich nach oben geschoben.
Hamburgs Innenstadt war in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt für privaten Kraftfahrzeugverkehr geschlossen worden. Lieferdienste, Einsatzfahrzeuge, Anwohnende und einige genehmigte Berufsgruppen kamen noch hinein. Für eine private Verabredung in der Europapassage besaß Adi’ra keine Zufahrtsberechtigung.
Die U2 begann inzwischen am Einkaufszentrum Oststeinbek. Über der Station lag ein großer P+R-Platz, gedacht für genau diesen Übergang: mit dem eigenen Fahrzeug bis an den Rand des verdichteten Stadtgebiets, danach mit dem HVV weiter.
Adi’ra fand unter einem Dach aus Solarmodulen einen freien Platz in der dritten Reihe und stellte den Motor ab.
Die Klimaanlage verstummte.
Für einen Moment blieb die kühlere Luft in der Kabine stehen.
Dann öffnete dey die Tür.
Die Hitze drang sofort in den Ranger, als hätte sie draußen nur auf diesen Spalt gewartet. Die temperierte Luft floss hinaus, trockene Wärme strich über Gesicht, Arme und Hals, und vom Asphalt kam ein zweiter Hitzeschub von unten.
Anfang April.
Über den Fahrzeugdächern flimmerte die Luft bereits wie an einem Julinachmittag. Es roch nach warmen Reifen, Staub, Kunststoff und dem kaum wahrnehmbaren elektrischen Summen der Ladesäulen.
Adi’ra stieg aus.
Schon nach wenigen Schritten sammelte sich Feuchtigkeit unter dem dünnen Oberteil. Die Sonne traf an den Lücken zwischen den Solardächern fast weiß auf den Boden, spiegelte sich in Scheiben und hellen Lackflächen und zwang die Augen immer wieder zur Anpassung.
Links an der Hüfte bewegte sich das IFAK mit jedem Schritt.
Im Ranger hatte dey es kaum bemerkt. Jetzt drückte die Tasche gegen den Gürtel, scheuerte leicht an der bereits warmen Haut und erhöhte das Gewicht auf der linken Seite.
Trotzdem blieb sie dort.
Für Fahrten im öffentlichen Nahverkehr war das IFAK längst obligatorisch geworden. Nicht, weil Adi’ra bei jeder Fahrt mit einer Katastrophe rechnete, sondern weil drei Minuten sehr lang werden konnten, wenn jemand stark blutete und alle Umstehenden nur Verbandsmaterial für kleine Schnittwunden dabeihatten.
Der Druck an der Hüfte störte.
Er beruhigte auch.
Bekanntes Gewicht, bekannte Position, bekannte Reihenfolge.
Adi’ra verriegelte den Ranger, prüfte die Bestätigung auf dem Brillendisplay und ging zum Stationszugang.
Es waren nur wenige Hundert Meter, auf Karten kaum der Rede wert. Der Körper führte darüber eine andere Buchhaltung. Direkte Sonne, aufgeheizter Boden, kaum Wind, die Tasche am Gürtel und die immer noch ungeklärte Nachricht von Alexia bildeten bereits eine erste Belastungsschicht.
An der Rolltreppe nach unten wurde das Licht matter. Der Himmel verschwand hinter Beton, die Luft war nicht wirklich kühler, aber weniger unmittelbar von der Sonne erhitzt.
Dafür kamen andere Dinge näher.
Schritte, Stimmen, elektronische Signaltöne, das Rollen von Koffern, eine Durchsage, deren erste Hälfte im Hall der Station unterging, während die zweite zu laut aus einem Lautsprecher direkt über der Rolltreppe kam.
Am Bahnsteig diktierten zwei Jugendliche persönliche Nachrichten in ihre Geräte. Beide sprachen, als müssten sie gegen den Lärm einer Baustelle ankommen, obwohl ihre Mikrofone nur wenige Zentimeter von ihren Mündern entfernt waren.
„Nein, ich hab doch gesagt, dass ich später—“
„Du musst ihr einfach schreiben, dass—“
Weiter hinten unterhielt sich eine Gruppe über mehrere Themen gleichzeitig. Jemand lachte, ein anderer begann bereits eine neue Geschichte, während die vorherige noch nicht beendet war.
U2 in drei Minuten.
Die Werbewand wechselte von einem ruhigen Blau zu grellem Orange.
Eine einfahrende Buslinie blinkte kurz auf dem oberen Rand der iGlases auf, obwohl sie für Adi’ras Route keine Bedeutung hatte.
Alexias Satz kam zurück.
*Lieber nicht schreiben.*
Noch zwei Minuten.
Dey bemerkte, dass der Blick zwischen Anzeige, Werbewand und den sprechenden Jugendlichen wechselte, obwohl nur die Anzeige relevant war.
Die Bahn kündigte sich zuerst als Luftzug an, dann kam das metallische Rumpeln aus dem Tunnel, und schließlich schob sich die U2 unter kreischenden Bremsen an den Bahnsteig.
Der Ton fuhr Adi’ra hinter die Augen.
Kiefer anspannen. Schultern hoch. Schmerz.
Für einen Augenblick gab es nur dieses scharfe Reiben von Metall, das von den Wänden zurückgeworfen wurde und sich in der Station vervielfachte.
Dann stand die Bahn.
Die Türen öffneten sich, warme Luft und Körpergeruch kamen aus dem Wagen, Menschen wollten gleichzeitig hinaus und hinein. Einige stiegen aus und blieben unmittelbar vor der Tür stehen, um sich zu orientieren. Andere drängten bereits in die Lücken, wechselten nach zwei Schritten ihre Richtung und blockierten damit alle, die hinter ihnen kamen.
Adi’ra wartete einen Moment.
Erst als der erste unkoordinierte Knoten sich aufgelöst hatte, stieg dey ein.
An der Seitenwand war ein Sitz frei, nahe genug an der Tür, um später nicht durch den gesamten Wagen zu müssen. Adi’ra setzte sich und schob das IFAK etwas nach vorn, bis es zwischen Hüfte und Sitzkante weniger stark klemmte.
Die Türen begannen sich zu schließen.
Im letzten Moment kam eine ältere Person herein, blieb vor dem Sitz gegenüber stehen und drehte sich umständlich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Eine Hand suchte die senkrechte Haltestange, griff zunächst daran vorbei, korrigierte und erreichte sie noch immer nicht richtig.
Adi’ras Füße stellten sich fester auf den Boden.
Die Bahn fuhr an.
Der Ruck kam früher, als die Person erwartet hatte. Ihr Oberkörper kippte nach vorn, eine Hand fuhr erneut zur Stange und fand nur Luft.
Zu nah.
Adi’ra hob die Arme.
Für einen Augenblick sah es so aus, als würde der Mensch direkt auf deys Schoß fallen. Dann bekamen die Finger die Stange doch noch zu fassen, der Körper drehte sich halb herum und sank schwer auf den Sitz.
„Verdammt noch mal.“
Die Person rückte die Jacke zurecht und atmete hörbar aus.
„Alles in Ordnung?“, fragte Adi’ra.
„Ja. Die fährt aber auch los wie bekloppt.“
Adi’ra nickte nur.
Die Bahn war nicht ungewöhnlich angefahren. Sie hatte bloß nicht darauf gewartet, bis alle Menschen ihre Entscheidungen beendet hatten.
Kein Sturz. Keine erkennbare Verletzung. Die Hand bewegte sich normal, der Blick war klar.
Weiter.
Schräg gegenüber öffnete ein Jugendlicher ein Video mit aktiviertem Ton. Irgendwo hinter Adi’ra begann erneut jemand, eine Nachricht zu diktieren. Ein Kind ließ ein Spiel elektronische Melodien wiederholen, während zwei Erwachsene daneben ein Gespräch führten, dessen Lautstärke mit jeder Station zunahm.
Das Fahrwerk schlug über eine Weiche, die Vibration lief durch Boden, Sitz und Rückenlehne. An den Scheiben spiegelten sich Gesichter, Displays, Lichtleisten und Bewegungen, die hinter Adi’ra stattfanden und trotzdem im Sichtfeld erschienen.
Die Geräuschfilter der iGlases nahmen den schärfsten Frequenzen etwas von ihrer Kante. Vollständig ausblenden wollte Adi’ra die Umgebung nicht.
Am oberen Rand des Displays blieb das SavingLife-Symbol aktiv.
Kein Alarm.
Nur Bereitschaft.
Dey sah trotzdem hin.
Bitte heute nicht.
Nicht in diesem Wagen, nicht mitten im Tunnel, nicht an einer Station, an der die geplante Strecke plötzlich endete und eine andere begann.
Das Hamburger U- und S-Bahn-Netz hatte während der ungewöhnlich heißen Wochen einen zunehmend schlechten Ruf bekommen. Kreislaufprobleme, ausgefallene Kühlung, überfüllte Wagen, Aggressionen, Menschen, die unter Hitze, Lärm, Drogen, Angst oder persönlichem Stress die Kontrolle verloren.
Nicht jeder Vorfall wurde zur Notlage.
Manche brauchten dafür allerdings nur wenige Sekunden.
SavingLife alarmierte Adi’ra nicht wegen jeder Auseinandersetzung. Bei Bewusstlosigkeit, schweren Stürzen, massiven Blutungen oder bestimmten Gewaltereignissen konnte deys Profil jedoch weit oben erscheinen.
Der Wunsch nach einer ungestörten Fahrt fühlte sich im selben Moment legitim und beschämend an.
Alexia wartete.
Falls jemand Hilfe brauchte, würde der Termin warten müssen.
Bitte trotzdem nicht heute.
Die Bahn bremste an der nächsten Station, wieder zog das Kreischen durch den Wagen. Mehrere Fahrgäste standen auf, bevor der Zug vollständig hielt, griffen zu spät nach den Stangen und stießen gegeneinander.
„Scheiße, halt doch—“
Eine Tasche schlug gegen eine Sitzlehne.
Die Türen öffneten sich. Menschen gingen hinaus, andere stiegen ein, und innerhalb weniger Sekunden bestand derselbe Wagen aus neuen Stimmen, neuen Gerüchen und neuen Bewegungsmustern.
Eine Frau schob einen Kinderwagen hinein, während sie mit jemandem über ihr Display sprach. Direkt vor dem Kind blinkte eine kleine Anzeige in schnellen Farben. Irgendeine Figur sprang über orangefarbene Flächen, begleitet von Lichtimpulsen, die selbst aus dem Augenwinkel Aufmerksamkeit forderten.
Das Video war nicht für Adi’ra bestimmt.
Das Gehirn griff trotzdem danach.
Was wurde dort gezeigt? Warum dieser schnelle Wechsel? Noch wie viele Stationen? Alexia. Die Frau sprach weiter. Jemand hinter ihr wollte vorbei. Der Kinderwagen stand halb im Türbereich.
Die Anzeige der U2 wechselte.
Die Türen schlossen sich.
Je voller der Wagen wurde, desto weniger ruhig griffen Adi’ras Gedanken ineinander. Im Haus hatten sie einander die Arbeit übergeben. Hier riefen sie gleichzeitig.
Die nächsten Haltestellen, die Stimme hinter dey, das Display am Kinderwagen, der Druck des IFAK, die ältere Person gegenüber, Alexias Nachricht, SavingLife.
Alles kam an.
Kaum etwas ging vollständig wieder fort.
Dann verließ die Bahn den Tunnel.
Das Licht wechselte so abrupt, dass Adi’ra blinzeln musste. Die Sonne fiel direkt durch die Fenster und legte helle Rechtecke über Gesichter, Jacken und Displays. Für Sekunden spiegelten die Scheiben nicht mehr hauptsächlich den Innenraum, sondern gaben den Blick auf Gleise, Brücken, Gebäude und eine fast weiße Aprilsonne frei.
Auch das Geräusch veränderte sich.
Im Tunnel hatte das Rattern Wände besessen. Es war zurückgeworfen worden, dicht und eingeschlossen, als führe die Bahn durch einen Resonanzkörper.
Draußen öffnete sich der Klang. Er wurde nicht leiser, nur breiter. Wind strich an der Außenhaut entlang, das Fahrwerk klang härter auf den freiliegenden Schienen, unter einer Brücke entstand für wenige Sekunden ein dumpfes Dröhnen, das sich danach wieder verlor.
Die Sonne traf Adi’ras Gesicht und erwärmte die Haut hinter der Scheibe.
Gebäude.
Eine Baustelle.
Ein Vogel über den Gleisen.
Spiegelnde Fenster.
Alexia, 2023.
Ein Gespräch, das sich weit über den vorgesehenen Zeitraum hinausgezogen hatte. Ihre Art zuzuhören, ohne jede Pause sofort zu füllen. Ein später Abend, das Licht über einem Tisch, ein Satz, dessen Wortlaut verschwunden war, während seine Bedeutung geblieben war.
Dann vier Jahre.
Keine saubere Trennlinie, eher eine Fläche, auf der beide Leben weitergelaufen waren, ohne sich zu berühren.
Adi’ra versuchte, eines der Bilder festzuhalten.
Die Bahn fuhr wieder in einen Tunnel.
Die Fenster wurden zu Spiegeln, der Innenraum legte sich über die Erinnerung, und das Kreischen der nächsten Kurve schnitt sie auseinander.
---
Am Jungfernstieg stieg Adi’ra mit dem übrigen Strom aus.
Die Fahrt war damit nicht beendet. Sie wechselte nur erneut ihre Form.
Der Bahnsteig lag tief unter der Stadt, gefliest, künstlich beleuchtet und von jener warmen Luft durchzogen, die abfahrende Züge durch die Station drückten. Das Rattern der U2 entfernte sich im Tunnel, blieb aber noch einige Sekunden als Vibration in Boden und Körper zurück.
Die Menschen gingen zur Rolltreppe.
Adi’ra ging mit.
Zu langsames Tempo führte dazu, dass andere von hinten aufschlossen und dicht an deys Körper kamen. Zu schnelles Tempo endete fast zwangsläufig im abrupten Abbremsen, weil jemand vor dey stehen blieb, die Richtung wechselte oder im Gehen auf ein Display sah.
Im Zwischenstock löste sich der gerichtete Strom auf.
Menschen kamen aus mehreren Gängen, kreuzten einander, blieben stehen, drehten um oder wechselten die Seite, ohne vorher erkennbar zu machen, wohin sie wollten. Für Adi’ras Wahrnehmung bewegten sie sich wie Kegel, die ihre Position selbst veränderten, sobald eine freie Linie gefunden war.
Links entstand eine Lücke.
Die Person vor dey zog ebenfalls nach links.
Also rechts.
Dort blieb ein Mann mitten im Gang stehen und begann, sein Display zu bedienen.
Hinter Adi’ra kamen weitere Menschen.
Dey machte zwei schnelle Schritte zur Seite, bremste ab, zog eine Schulter zurück, weil eine Einkaufstasche auf Kollisionskurs war, und beschleunigte erneut.
Langsamer gehen.
Nein, dann läuft jemand von hinten auf.
Links vorbei.
Kinderwagen.
Rechts.
Zu spät.
Wieder abbremsen.
Adi’ra merkte, dass dey hektischer ging, obwohl gerade die Hektik weitere Fehler wahrscheinlicher machte.
Vor dem Kind im Wagen blinkte ein Display. Figuren bewegten sich durch eine Szene, die im Vorübergehen keinen Sinn ergab, nur Kontraste, Farben und schnelle Bewegungen hinterließ.
Der Kinderwagen war längst verschwunden, als das Flackern im Kopf noch weiterlief.
Aus einem Backshop kam der Geruch von warmem Teig, Zucker und aufgebackenem Käse, wenige Meter weiter mischten sich Bier, altes Frittierfett und Reinigungsmittel aus einer Kneipe darunter. Menschen strömten daran vorbei, manche frisch aus der Hitze, manche offensichtlich schon lange unterwegs, mit feuchten Textilien, Schweiß und ungewaschener Haut.
Bei einer Gruppe lag ein intensiver Geruch nach Knoblauch und Gewürzen über allem anderen. Er blieb nicht in der Nase, sondern schien sich auf die Zunge zu legen.
Adi’ra hielt den Atem an, bemerkte es und atmete flacher durch den Mund weiter.
*Die Geruchsdichte ist vorübergehend erhöht*, formulierte die innere Pressestelle.
Es war ein lächerlich nüchterner Satz.
Er half trotzdem ein wenig, weil er dem Eindruck zumindest einen Rand gab.
An der gefliesten Wand lehnte ein Mensch mit halb geschlossenen Augen. Der Kopf hing nach vorn, die Arme bewegten sich kaum. Wenige Meter weiter schwankte eine andere Person so langsam, als müsse jede Gewichtsverlagerung erst neu beschlossen werden.
Adi’ra sah nicht direkt hin und prüfte trotzdem: Stand die erste Person noch sicher? Bewegte sich der Brustkorb regelmäßig? Reagierte sie auf die Menschen, die dicht an ihr vorbeigingen?
Bitte nicht jetzt.
Der Gedanke war da, bevor irgendeine anständigere Fassung ihn ersetzen konnte.
Bitte sink nicht direkt vor mir zu Boden.
Wenn es geschah, würde Adi’ra helfen. Die Frage stellte sich nicht. Aus dem Weg zum Kaffee würde innerhalb weniger Sekunden eine Lage werden: Ansprechbarkeit, Atmung, genaue Position, Notfallkanal, Umstehende, IFAK. Alexia müsste warten.
Der Mensch an der Wand hob den Kopf, rieb sich über das Gesicht und verlagerte das Gewicht auf beide Füße.
Gut.
Weiter.
Die nächste Rolltreppe führte hinauf zur Europapassage. Schon auf den ersten Stufen veränderte sich die Luft. Die Wärme der Station blieb unter Adi’ra zurück; von oben kamen Kühlung, Kaffee, Backwaren, Obst, Parfüm und Reinigungsmittel entgegen.
Im Untergeschoss der Passage wurde es voller.
Hier eilten die Menschen nicht nur von einem Verkehrsmittel zum nächsten. Sie trugen Taschen, hielten Kinder an den Händen, schoben Wagen oder blieben vor Auslagen stehen. Einige wirkten zielgerichtet. Andere suchten erst im Gehen danach, wo sie hinwollten.
Jemand schob einen Kinderwagen aus einer Ladentür in den Gang und blickte erst auf, als Adi’ra bereits ausweichen musste.
Eine Person mit zwei schweren Taschen wechselte unmittelbar danach die Seite. Ein Kind löste sich von der Hand seiner Begleitung und lief drei Schritte rückwärts.
Adi’ra wich erneut aus.
Der Blick erfasste längst eher Bewegungen als Gesichter: Füße, Schultern, die Drehung eines Oberkörpers, eine Hand, die eine Richtung ankündigte, bevor der Rest der Person folgte.
Links an der Hüfte drückte das IFAK gegen den Gürtel. Bei jedem schnelleren Schritt erinnerte sein Gewicht an frühere Alarmierungen in und um die Passage, an Stürze, Kreislaufzusammenbrüche, Schnittverletzungen und Auseinandersetzungen, die innerhalb weniger Sekunden aus einem gewöhnlichen Einkaufsweg etwas anderes gemacht hatten.
Adi’ra erreichte die nächste Rolltreppe.
Zwei Stockwerke höher lag das Eiscafé.
Alexia hatte keinen genaueren Treffpunkt genannt. Das war nicht nötig. Sie hatten sich dort früher schon getroffen; der Kalender kannte den Ort, HESAYA ebenfalls.
Während die Rolltreppe nach oben fuhr, öffnete sich der Raum. Stimmen aus mehreren Etagen lagen übereinander, Geschirr klapperte, aus verschiedenen Geschäften traf Musik ohne gemeinsamen Rhythmus aufeinander. Das Licht aus dem Atrium brach sich in den Glasflächen und fiel in hellen Streifen auf die Menschen unter Adi’ra.
Dey legte eine Hand an den Gurt des IFAK, nur um einen festen Punkt zu spüren.
„Noch zwei Minuten bis zum Treffpunkt“, sagte HESAYA leise über den Audiokanal.
„Ich weiß.“
Vor Adi’ra standen zwei Menschen nebeneinander auf derselben Rolltreppenstufe. Hinter dey rückte jemand so nah heran, dass der Atem der Person zu hören war.
Adi’ra wartete.
Oben öffnete sich der Blick auf das Café.
Tische, Stühle, Menschen, Gläser mit Eis und halb geschmolzener Sahne. Dazwischen Stimmen, Gesten und Gesichter, die erst voneinander getrennt werden mussten.
Die Erinnerung lieferte mehrere Versionen von Alexia. Das Gesicht von 2023, Veränderungen über siebzehn Jahre und jene vierjährige Lücke, in der beider Leben ohne Wissen voneinander weitergegangen waren. Geblieben waren ihr Lachen, die kleine Pause vor einem Widerspruch und jener überraschend tiefe Bariton, den sie manchmal hervorholte, wenn Freundlichkeit nicht mehr genügte.
Adi’ras Blick glitt über die Tische.
Noch sah dey Alexia nicht.
Dann stand am anderen Ende des Cafés eine Frau auf.




