Vom CSD bis Streetfestival – Die ersten drei Minuten gehören uns
Warum ich nach Berlin erst recht zum Hamburger CSD gehe – und weshalb wir Ersthelfer-Plus-Kurse brauchen
Am 1. August werde ich meinen Rucksack für den Hamburger Christopher Street Day packen.
Kamera. Akkus. Mikrofon. Presseausweis. Wasser. Vielleicht eine Regenjacke, vielleicht Sonnenschutz – Hamburg wird sich vermutlich erst kurzfristig entscheiden, was davon wichtiger ist.
Und dann kommt das medizinische Material.
Handschuhe. Verbandpäckchen. Komprimierte Gaze. Zwei Tourniquets. Material, mit dem ich eine massive Blutung stoppen könnte. Dinge, deren Anwendung ich nicht nur aus einem Video kenne, sondern unter Anleitung und Zeitdruck praktisch geübt habe.
Meine Frau Susi wird ebenfalls zum CSD kommen. Sie hat keinen TECC-Provider-Kurs absolviert. Und sie will verständlicherweise nicht den gesamten Tag aus Angst an meiner Seite kleben, nur weil ich im Notfall mehr medizinische Handlungsmöglichkeiten hätte als sie.
Sie will Menschen treffen, sich umsehen und den CSD auf ihre Weise erleben.
Ich wiederum werde nicht nur innerhalb einer festen Gruppe mitlaufen. Als queere Journalist:in bewege ich mich am Rand der Demonstration, gehe voraus, bleibe zurück, suche Perspektiven, fotografiere und filme Menschen auf der Strecke und am Straßenrand.
Wir werden uns immer wieder aus den Augen verlieren.
Das sollte eigentlich kein beunruhigender Gedanke sein.
Nach Berlin ist er es trotzdem.
Der Schock endet nicht am Tatort
Am Abend des 25. Juli 2026 wurden im Berliner Tiergarten Menschen im Umfeld des Christopher Street Days von einem Fahrzeug angefahren. Eine Frau starb, mindestens 16 weitere Menschen wurden verletzt, einige von ihnen schwer oder lebensgefährlich. Die Polizei spricht von einem Anschlag und fahndet nach einem Tatverdächtigen; zugleich sind Einzelheiten des Ablaufs und der Hintergründe weiterhin Gegenstand der Ermittlungen.
Danach beginnt der vertraute mediale Ausnahmezustand.
Die immer gleichen Bilder laufen in Dauerschleife. Nachrichtensender schalten von einer Expertin zum nächsten Politiker. In sozialen Netzwerken werden Gerüchte, Schuldzuweisungen und vermeintlich einfache Erklärungen schneller verbreitet, als Ermittler gesicherte Erkenntnisse liefern können.
Viele Menschen sitzen vor dem Fernseher oder ihrem Smartphone und erstarren.
Sie sind betroffen. Wütend. Verängstigt. Sie fragen sich, ob Hamburg, Köln oder der nächste kleinere CSD in ihrer Region noch sicher sein kann. Ob sie ihre Kinder mitnehmen sollten. Ob sie selbst hingehen wollen. Ob nicht besser alle größeren Straßenfeste abgesagt werden müssten.
Dann sucht die Gesellschaft nach einem Schuldigen.
Eine Behörde, eine politische Partei, eine gesellschaftliche Gruppe oder ein einzelner Amtsträger wird zur nächsten Sau, die durch das virtuelle Dorf getrieben wird. Teilweise ist das notwendig: Sicherheitskonzepte müssen überprüft, Versäumnisse benannt und Verantwortlichkeiten geklärt werden.
Doch unter all der Empörung breitet sich ein anderes Gefühl aus:
Ich kann nichts tun.
Diese Ohnmacht ist nicht nur belastend. Sie ist auch gefährlich.
Sie lässt Menschen entweder in Schockstarre verharren oder nach maximal einfachen Antworten greifen. Nach noch höheren Absperrungen, noch umfassenderer Überwachung, noch pauschaleren Verdächtigungen und dem vollständigen Rückzug aus öffentlichen Räumen.
Unabhängig davon, welches konkrete Motiv die Ermittlungen im Fall Berlin abschließend ergeben: Gewalttaten gegen öffentliche Veranstaltungen wirken weit über ihre unmittelbaren Opfer hinaus. Ihre gesellschaftliche Wirkung entsteht auch durch die Angst all jener, die beim nächsten Mal zu Hause bleiben.
Wenn queere Menschen ihre Fahnen im Schrank lassen.
Wenn Familien Stadtfeste meiden.
Wenn öffentliche Plätze denjenigen überlassen werden, die andere Menschen durch Gewalt, Drohungen oder Einschüchterung daraus vertreiben wollen.
Deshalb lautet meine Antwort:
Jetzt erst recht zum CSD
Queere Menschen sollten jetzt nicht leichtfertig über ihre Sorgen hinweggehen. Niemand muss so tun, als hätte Berlin nichts mit ihm gemacht. Niemand ist verpflichtet, persönlichen Mut zu beweisen.
Aber wir sollten uns auch nicht kollektiv aus dem öffentlichen Raum zurückziehen.
Am 1. August beginnt die Hamburger CSD-Demonstration um 12 Uhr an der Lübecker Straße und führt durch die Innenstadt; das Straßenfest läuft vom 31. Juli bis zum 2. August. Susi und ich werden dort sein.
Nicht weil wir glauben, dass nichts geschehen könnte.
Sondern weil eine offene Gesellschaft niemals garantieren kann, dass nirgendwo ein Fahrzeug außer Kontrolle gerät, ein Mensch gewalttätig wird, eine technische Konstruktion versagt oder eine Menschenmenge in gefährliche Bewegung kommt.
Das gilt nicht nur für CSDs.
Es gilt für Stadtfeste, Konzerte, Weihnachtsmärkte, Sportveranstaltungen, Demonstrationen, Bahnhöfe und Autobahnen. Es galt vor Berlin und wird auch in den kommenden Jahren gelten.
Die Alternative zu absoluter Sicherheit ist deshalb nicht automatisch Rückzug.
Sie kann auch Vorbereitung sein.
Warum ich darüber als queere Journalist:in schreibe
Dies ist kein trockener, schnell produzierter Artikel über ein aktuelles Ereignis.
Es ist ein Identity-Artikel, weil meine Identität, meine berufliche Rolle und die Frage nach meiner eigenen Handlungsfähigkeit unmittelbar miteinander verbunden sind.
Ich gehe nicht nur als neutrale Beobachter:in zu einem Christopher Street Day.
Ich bin selbst queer.
Ich bin Teil der Community, über die ich berichte. Ich kenne das Gefühl, sichtbar zu werden und dadurch zugleich freier und verwundbarer zu sein.
Als Journalist:in bewege ich mich außerdem anders durch solche Veranstaltungen als viele andere Teilnehmende. Ich bleibe nicht ständig in der Mitte des Demonstrationszuges. Ich beobachte Zugänge, Kreuzungen, Gegenproteste und die Menschen an den Rändern. Ich suche erhöhte oder seitliche Positionen für Fotos und Videos. Vielleicht befinde ich mich hundert Meter vor Susi, während sie mit anderen Menschen spricht. Vielleicht stehe ich genau dort, wo eine Situation zuerst kippt.
Journalistische Nähe erzeugt dabei eine ethische Frage:
Was tue ich, wenn meine Kamera bereits am Ort ist, professionelle Hilfe aber noch nicht?
Dokumentiere ich weiter?
Lege ich die Kamera ab?
Kann ich überhaupt erkennen, was einen Menschen in den nächsten Minuten töten könnte?
Und weiß ich, was dagegen zu tun ist?
Auch deshalb habe ich eine Ausbildung zum TECC-Provider absolviert. TECC steht für Tactical Emergency Casualty Care: die Versorgung Schwerverletzter unter ungewöhnlichen, dynamischen oder weiterhin potenziell gefährlichen Bedingungen.
Ich kann diese Fähigkeiten als Journalist:in in einer Krisenregion gebrauchen.
Während des Kurses wurde mir jedoch sehr deutlich, dass ihre Bedeutung keineswegs an einer Staatsgrenze beginnt.
Eine massive Blutung unterscheidet nicht zwischen einem Kriegsgebiet und einer deutschen Bundesstraße.
Ein schwer verletzter Mensch fragt nicht, ob die Ursache ein Anschlag, ein Verkehrsunfall, eine zerbrochene Scheibe oder ein eingestürzter Veranstaltungsaufbau war.
Die ersten Minuten bleiben dieselben.
Susi soll nicht an meiner Seite bleiben müssen
Nach Berlin könnte mein erster Impuls sein, Susi beim Hamburger CSD möglichst in meiner Nähe zu halten.
Ich habe mehr Ausbildung. Ich trage geeignetes Material. Ich könnte schneller erkennen, was zu tun ist.
Aber wäre das die gesellschaftliche Antwort?
Dass queere Menschen künftig nur noch in kleinen privaten Sicherheitsverbänden unterwegs sind?
Dass Personen ohne erweiterte Erste-Hilfe-Ausbildung möglichst dicht neben jemandem bleiben müssen, der einen taktischen Medizinkurs besucht hat?
Susi soll nicht deshalb sicherer sein, weil sie zufällig mit mir verheiratet ist.
Sie soll ihren CSD selbstständig erleben können.
Sie soll nicht aus Angst an meiner Seite kleben müssen.
Und ich möchte mich als Journalist:in frei bewegen können, ohne dabei das Gefühl zu haben, für eine einzelne erwachsene Person persönlich die gesamte medizinische Verantwortung zu tragen.
Die bessere Antwort ist deshalb nicht, einzelne gut ausgebildete Menschen enger an ihre Angehörigen zu binden.
Die bessere Antwort ist, Handlungsfähigkeit breiter in der Gesellschaft zu verteilen.
Denn wenn etwas geschieht, steht neben einem verletzten Menschen meist nicht zuerst die Person mit der umfangreichsten Ausbildung.
Dort steht die Person, die zufällig am nächsten war.
Vielleicht eine Besucherin.
Ein Passant.
Eine Verkäuferin an einem Getränkestand.
Ein Berufskraftfahrer.
Eine Journalistin.
Vielleicht du.
Eine Szene, die noch nicht geschehen ist
Die folgende Geschichte ist erfunden.
Sie spielt nicht auf dem Hamburger CSD. Sie ist keine Vorhersage und kein Versuch, Angst vor einer bestimmten Veranstaltung zu erzeugen.
Sie könnte an einem beliebigen Sommertag in einer beliebigen deutschen Stadt geschehen.
Es ist kurz nach vier Uhr am Nachmittag.
Zwischen den Häusern hängt Musik. Vor einem Getränkestand wartet eine lange Schlange. Kinder laufen mit bemalten Gesichtern über den Platz. Ein älteres Paar sucht im Schatten eines Baumes nach einem freien Sitzplatz.
Nora ist mit zwei Freundinnen gekommen. Sie will sich das Straßenfest ansehen, etwas essen und später vielleicht noch ein Konzert hören.
Sie arbeitet in einer Verwaltung. Sie ist keine Sanitäterin, keine Feuerwehrfrau und keine besonders risikofreudige Person.
Vor sechs Wochen hat sie einen Ersthelfer-Plus-Kurs besucht.
Nicht aus beruflicher Verpflichtung. Sie hatte nach einem schweren Unfall in ihrer Nachbarschaft gemerkt, dass ihr Führerschein-Erste-Hilfe-Kurs fast fünfzehn Jahre zurücklag. Bei einer Hilfsorganisation hatte sie nach einer Auffrischung mit zusätzlichem Traumamodul gefragt.
Nun steht sie auf einem Sommerfest.
Ein Geräusch unterbricht die Musik.
Nicht besonders laut. Eher hart und falsch.
Dann fällt eine Absperrung um.
Menschen schreien. Einige laufen vom Geräusch weg, andere in seine Richtung. Mehrere ziehen ihre Smartphones aus den Taschen. Niemand scheint zu wissen, ob weiterhin Gefahr besteht.
Nora bewegt sich zunächst überhaupt nicht.
Ihr Körper ist schneller als ihr Denken. Ihre Schultern werden fest, ihr Atem flach. Die Umgebung scheint für einen Moment weiter entfernt zu sein als vorher.
Dann erinnert sie sich nicht an einen vollständigen Vortrag.
Sie erinnert sich an einen einzigen Satz aus dem Kurs:
Erst prüfen, ob du selbst sicher handeln kannst. Dann das stoppen, woran jemand zuerst stirbt.
Sie sieht sich um.
Keine weitere unmittelbare Bewegung. Kein Feuer. Kein erkennbarer Angriff. Andere Menschen stehen bereits am Rand und weisen die Menge zurück.
Ein Mann liegt neben einem umgestürzten Metallgitter. Sein Hosenbein ist aufgerissen. Unter seinem Oberschenkel breitet sich Blut aus.
Nora geht zu ihm.
Nicht, weil sie keine Angst hat.
Ihre Hände zittern.
Sie geht, weil sie eine erste Aufgabe kennt.
„Sie mit der grünen Jacke: Rufen Sie 112. Sagen Sie, dass wir mehrere Verletzte auf dem Stadtfest haben. Bleiben Sie danach hier.“
Eine konkrete Person fühlt sich angesprochen. Sie telefoniert.
„Wer hat einen Verbandkasten? Im Auto, am Stand, irgendwo?“
Ein anderer Mann läuft los.
Nora zieht Handschuhe an. Sie drückt mit beiden Händen auf die Verletzung. Der Mann schreit. Die Blutung wird langsamer, hört aber nicht auf.
Im Kurs hat sie gelernt, dass ein Tourniquet kein letztes mysteriöses Mittel ist, das ausschließlich Militärärzte verwenden dürfen. Es ist ein Werkzeug zur Kontrolle einer lebensbedrohlichen Blutung an einem Arm oder Bein.
Sie legt es oberhalb der Verletzung an und zieht es fest.
Es tut dem Mann weh.
Sie hört nicht auf, weil es weh tut. Sie hört erst auf, als die Blutung steht.
Dann schaut sie nicht einfach weg und wartet.
Sie prüft erneut.
Blutet es weiter? Ist das Tourniquet noch wirksam? Atmet der Mann normal? Wird er ansprechbar bleiben? Gibt es eine weitere Verletzung?
Jemand bringt eine Rettungsdecke und den Verbandkasten aus einem Fahrzeug. Eine andere Besucherin kniet nun neben einer zweiten verletzten Person.
Nora verteilt weitere Aufgaben.
Später wird sie glauben, alles habe zwanzig Minuten gedauert.
Auf einer Videoaufnahme sind es weniger als drei Minuten, bis die ersten professionellen Helfenden bei ihr eintreffen.
Sie übergibt:
Verletzung am Oberschenkel. Starke Blutung. Tourniquet angelegt. Blutung steht. Uhrzeit notiert. Patient ansprechbar.
Dann tritt sie zurück.
Sie ist nicht plötzlich zur Rettungssanitäterin geworden.
Sie hat keine Diagnose gestellt, keine Medikamente gegeben und keine invasive Behandlung durchgeführt.
Sie hat nur verhindert, dass die Minuten bis zur professionellen Versorgung leer blieben.
Diese Szene ist erfunden. Die Ausbildungslücke ist es nicht.
Bei einer schweren Blutung können wenige Minuten über Leben und Tod entscheiden. Das American College of Surgeons weist darauf hin, dass Menschen bei erheblichem Blutverlust innerhalb von Minuten sterben können und dass anwesende Bürger:innen gerade die kritische Zeit bis zum Eintreffen professioneller Hilfe überbrücken können. Die europäischen Erste-Hilfe-Leitlinien behandeln die Kontrolle lebensbedrohlicher Blutungen ebenfalls als zentrale Sofortmaßnahme.
Der Sanitätsdienst kann nur zweihundert Meter entfernt sein und für den Menschen vor deinen Füßen trotzdem einige lebensentscheidende Minuten benötigen.
Einsatzkräfte müssen von dem Ereignis erfahren. Sie müssen den richtigen Ort finden, einen Weg durch die Menge bekommen, die Gefahrenlage einschätzen und erkennen, welche der möglicherweise mehreren verletzten Personen zuerst Hilfe braucht.
Du bist bereits da.
Aber vielleicht stehst du psychisch geschockt daneben.
Du siehst Blut. Du hörst Schreie. Du wartest darauf, dass jemand Kompetenteres kommt. In deinem Kopf suchst du nach dem Erste-Hilfe-Kurs, den du irgendwann für den Führerschein besucht hast.
War das vor fünf Jahren?
Vor zehn?
Vor zwanzig?
Du erinnerst dich an die stabile Seitenlage. An Herzdruckmassage. An irgendetwas mit einem Druckverband.
Aber wie viel Druck ist notwendig? Was geschieht bei einer tiefen Wunde? Darfst du dieses Band aus dem Notfallset wirklich um einen Arm legen? Wie fest muss es sein? Kannst du damit mehr schaden als helfen?
Während du nach einer Erinnerung suchst, läuft die Zeit weiter.
Nichts zu tun kann bei einer kontrollierbaren, lebensbedrohlichen Blutung die fatalste Entscheidung sein.
Hektisch irgendetwas zu versuchen, weil der letzte praktische Kurs eine halbe Ewigkeit zurückliegt, ist besser als bewusstes Wegsehen – aber möglicherweise kaum wirksamer.
Das ist kein persönliches oder moralisches Versagen.
Es ist die Folge eines Systems, das Erste Hilfe für viele Menschen wie ein einmaliges Zulassungsritual behandelt:
Einmal für den Führerschein lernen.
Einmal eine Bescheinigung erhalten.
Anschließend jahrzehntelang hoffen, dass das Wissen im entscheidenden Moment irgendwie wieder auftaucht.
Du hast wenig Zeit? Dann nimm dies mit
Du musst heute keine medizinische Ausrüstung bestellen.
Du musst keinen TECC-Kurs buchen.
Du musst nicht wissen, wofür die Buchstaben MARCH stehen.
Du kannst dennoch etwas tun.
Deine Aufgabe für Montag
Ruf bei der nächstgelegenen Hilfsorganisation an.
Beim Deutschen Roten Kreuz, beim Arbeiter-Samariter-Bund, bei den Johannitern, den Maltesern oder einer anderen örtlichen Ausbildungsorganisation.
Schreib eine E-Mail.
Sprich bei einem Tag der offenen Tür oder einem öffentlichen Veranstaltungstermin die Freiwillige Feuerwehr an.
Und frag:
Bieten Sie einen erweiterten Erste-Hilfe-Kurs an, in dem interessierte Bürger:innen die Versorgung lebensbedrohlicher Blutungen, den Umgang mit einem Tourniquet und weitere zeitkritische Maßnahmen praktisch üben können?
Falls die Antwort Nein lautet, frag weiter:
Könnten Sie einen solchen Ersthelfer-Plus-Kurs oder zunächst einen praktischen Workshop anbieten? Können Sie meine Nachfrage aufnehmen oder mich an eine geeignete Stelle vermitteln?
Du brauchst keine Angst zu haben, an der vermeintlich falschen Stelle zu fragen.
Nicht jede Freiwillige Feuerwehr kann selbst einen zertifizierten Erste-Hilfe-Kurs anbieten. Nicht jede Rettungswache ist jederzeit eine öffentlich zugängliche Beratungsstelle. Aber die Menschen dort kennen häufig geeignete Ansprechpartner:innen, kooperieren mit Hilfsorganisationen oder können einen Bedarf weitergeben.
Im ungünstigsten Fall bekommst du eine andere Telefonnummer.
Im besseren Fall entsteht ein Gespräch.
Vielleicht nimmt sich eine Ausbilderin Zeit und erklärt dir, wie du deinen Kraftfahrzeug-Verbandkasten sinnvoll ergänzen kannst.
Vielleicht organisiert die örtliche Feuerwehr gemeinsam mit einer Hilfsorganisation einen Workshop auf einem Stadtfest.
Vielleicht fragt ein Verein einen vollständigen Gruppenkurs an.
Und wenn nicht mehr fünf Menschen im Monat einzeln um Rat bitten, sondern zwanzig Menschen in einer Woche denselben Kurs verlangen, verändert sich die organisatorische Frage.
Dann lautet sie nicht mehr:
Können wir jede Person einzeln beraten?
Sondern:
Wie können wir daraus ein strukturiertes Angebot machen?
Eine einzelne Anfrage kann dir bereits helfen.
Viele Anfragen machen einen gesellschaftlichen Bedarf sichtbar.
Damit hast du den ersten und wichtigsten Teil dieses Artikels gelesen.
Queere Menschen sollten weiter zum CSD gehen.
Unsere Stadt-, Straßen- und Sommerfeste müssen nicht aus Angst verschwinden.
Und interessierte Bürger:innen können von ihren örtlichen Hilfsorganisationen einen praktisch orientierten Ersthelfer-Plus-Kurs verlangen.
Wer genauer wissen möchte, wie ein solcher Kurs aufgebaut sein sollte, liest ab hier weiter.
Was ein Ersthelfer-Plus-Kurs vermitteln müsste
Ein Ersthelfer-Plus-Kurs soll keine improvisierten Rettungssanitäter:innen produzieren.
Er soll die Lücke zwischen zwei bestehenden Welten schließen:
Auf der einen Seite steht der allgemeine Erste-Hilfe-Kurs. Er vermittelt wichtige Grundlagen wie Notruf, Wiederbelebung, stabile Seitenlage und die Versorgung alltäglicher Verletzungen.
Auf der anderen Seite stehen Sanitäts-, Rettungsdienst- und TECC-Ausbildungen, die deutlich umfangreicher sind und teilweise professionelle oder taktische Einsatzsituationen abdecken.
Dazwischen fehlen vielerorts gut sichtbare, niedrigschwellige Angebote für Bürger:innen, die einige zeitkritische Fähigkeiten intensiv lernen wollen, ohne dafür eine vollständige professionelle Ausbildung zu absolvieren.
Die üblichen Erste-Hilfe-Kurse umfassen neun Unterrichtseinheiten. Für betriebliche Ersthelfende ist spätestens alle zwei Jahre eine Fortbildung erforderlich. Für die übrige Bevölkerung besteht keine allgemeine gesetzliche Auffrischungspflicht; das DRK empfiehlt jedoch, spätestens alle zwei Jahre erneut einen Kurs zu besuchen.
Ich halte das für zu wenig verbindlich.
Erste Hilfe sollte zur Bürger:innenkompetenz werden
Alle Menschen sollten nach Erreichen des Erwachsenenalters einen Erste-Hilfe-Grundkurs absolvieren und ihre praktischen Fähigkeiten anschließend mindestens alle zwei Jahre auffrischen müssen.
Nicht unbedingt jedes Mal in einem vollständigen ganztägigen Kurs.
Eine regelmäßige, kompakte und praktisch orientierte Auffrischung könnte sich auf die entscheidenden Fähigkeiten konzentrieren:
Gefahren erkennen und sich nicht selbst zum nächsten Opfer machen,
einen präzisen Notruf absetzen,
Bewusstsein und Atmung prüfen,
Wiederbelebung und AED anwenden,
schwere Blutungen kontrollieren,
eine betroffene Person bis zur professionellen Übergabe betreuen.
Erste Hilfe ist keine spezielle Fahrerlaubniskompetenz.
Sie ist eine gesellschaftliche Grundfähigkeit.
Zusätzlich sollte ein freiwilliger Ersthelfer-Plus-Kurs angeboten werden. Etwas teurer, mit kleinen Gruppen, mehr Material und einem deutlich höheren Praxisanteil.
Nicht für alle verpflichtend.
Aber verfügbar für alle, die mehr können wollen.
Zuerst das behandeln, woran ein Mensch zuerst sterben kann
In der taktischen Notfallmedizin wird häufig die Abkürzung MARCH verwendet.
Sie klingt zunächst nach einem weiteren medizinischen Fremdwort. Tatsächlich beschreibt sie nur eine sinnvolle Reihenfolge:
M – Massive Blutung
Zuerst werden Blutungen gesucht und gestoppt, an denen ein Mensch innerhalb kurzer Zeit sterben könnte.
Dazu gehören:
unmittelbarer starker Druck auf die Wunde,
ein wirksamer Druckverband,
das feste Ausfüllen einer tiefen Wunde mit geeigneter Gaze – das sogenannte Wound Packing,
und bei einer lebensbedrohlichen Blutung an einem Arm oder Bein ein Tourniquet.
Die ERC-Leitlinien empfehlen bei lebensbedrohlicher äußerer Blutung zunächst manuellen Druck und einen Verband; wenn eine schwere Extremitätenblutung dadurch nicht kontrolliert werden kann, soll ein Tourniquet verwendet werden. Auch C-TECC führt direkten Druck, Tourniquet, Wundtamponade und Druckverband als Maßnahmen für entsprechend geschulte anwesende Bürger:innen auf.
Ein Tourniquet im Rucksack ist allerdings nur so wertvoll wie die Person, die weiß, wann, wo und wie es angelegt wird.
Im Kurs muss deshalb praktisch trainiert werden:
Verletzung freilegen,
das Tourniquet korrekt oberhalb der Wunde und nicht über einem Gelenk positionieren,
es so fest anziehen, dass die Blutung tatsächlich aufhört,
die Wirkung prüfen,
falls erforderlich ein zweites Tourniquet ergänzen,
den Zeitpunkt dokumentieren,
und das Tourniquet nicht aus Unsicherheit wieder lockern.
Auch Wound Packing lässt sich nicht durch eine PowerPoint-Folie erlernen.
Die Teilnehmenden müssen an geeigneten Modellen erleben, wie tief eine Wundhöhle sein kann, wie Verbandmaterial zur Blutungsquelle geführt und fest eingebracht wird und wie lange anschließend Druck gehalten werden muss.
Brust- und Bauchhöhlen werden dabei nicht ausgestopft. Der Kurs muss nicht nur zeigen, was getan werden kann, sondern ebenso klar, wo die Grenzen einer Maßnahme liegen.
A – Atemweg
Danach wird geprüft, ob die verletzte Person einen freien Atemweg hat.
Für Bürger:innen bedeutet das vor allem:
ansprechbare Menschen sprechen lassen und beobachten,
sichtbare Fremdkörper nur dann entfernen, wenn dies sicher möglich ist,
bewusstlose, normal atmende Personen situationsgerecht lagern,
und Atemweg sowie Bewusstsein fortlaufend neu beurteilen.
Ein Ersthelfer-Plus-Kurs benötigt keine Intubation, keine invasiven Atemwegstechniken und kein medizinisches Rollenspiel.
Er braucht wenige sichere Maßnahmen, die auch unter Stress abrufbar bleiben.
R – Atmung und Brustkorb
Das R steht für Respiration, also Atmung.
Die Teilnehmenden sollten lernen:
auffällige, erschwerte oder zunehmend schlechtere Atmung wahrzunehmen,
den Brustkorb nach offensichtlichen Verletzungen abzusuchen,
eine offene Brustkorbverletzung zu erkennen,
und ein ventiliertes Chest Seal korrekt anzuwenden, sofern sie darin praktisch geschult wurden.
Ein Chest Seal ist ein spezieller Verband für offene Brustkorbverletzungen. Es liegt inzwischen in vielen frei verkäuflichen Notfallsets. Sein bloßer Besitz ersetzt jedoch keine Ausbildung.
Nach dem Aufkleben darf die verletzte Person nicht einfach vergessen werden. Atmung, Bewusstsein und Zustand müssen weiter kontrolliert werden. Verschlechtert sich die Atmung, muss nach dem erlernten Verfahren geprüft werden, ob das Seal gelöst oder entfernt werden muss. C-TECC sieht ventilierte Chest Seals als mögliche Maßnahme für entsprechend geschulte Active Bystanders vor.
C – Kreislauf und weitere Verletzungen
Nun wird nach weiteren Blutungen und Anzeichen eines Kreislaufproblems gesucht.
Die Person wird beobachtet, betreut und – soweit die Situation es zulässt – vor unnötiger Bewegung geschützt.
Eine zunächst weniger auffällige Blutung kann stärker werden. Ein Verband kann sich lösen. Eine zuvor ansprechbare Person kann zunehmend verwirrt oder schläfrig werden.
Deshalb wird der Zustand nicht nur einmal geprüft.
H – Kopf und Auskühlung
Das H erinnert an Kopfverletzungen und Hypothermie, also Auskühlung.
Auch an warmen Tagen können schwer verletzte Menschen rasch Wärme verlieren. Blutverlust, Schock, nasse Kleidung und der Kontakt mit kaltem Boden verstärken dies.
Eine Rettungsdecke wiegt fast nichts.
Ihr sinnvoller Einsatz muss trotzdem geübt werden, insbesondere wenn mehrere Maßnahmen gleichzeitig notwendig sind.
MARCH ist keine einmalige Checkliste
Ein besonders wichtiger Teil darf zwischen den Buchstaben nicht verloren gehen:
Reassessment – die fortlaufende Neubewertung.
MARCH wird nicht einmal von oben nach unten abgearbeitet und anschließend innerlich abgehakt.
Nach jeder Maßnahme und nach jeder Veränderung beginnt die Kontrolle erneut:
Ist die massive Blutung weiterhin gestoppt?
Ist das Tourniquet noch wirksam?
Blutet die gepackte Wunde wieder durch?
Hat sich ein Druckverband verschoben?
Ist der Atemweg weiterhin frei?
Hat sich die Atmung verändert?
Wird die Person blasser, unruhiger oder weniger ansprechbar?
Sind weitere Verletzungen sichtbar geworden?
Die einfache Regel lautet:
Prüfen. Handeln. Wirkung kontrollieren. Wieder von vorn beginnen.
Gerade in einem Übungsszenario sollte eine vermeintlich bereits versorgte Wunde später erneut zu bluten beginnen.
Nur so lernen Teilnehmende, dass eine Maßnahme nicht deshalb wirksam bleibt, weil sie einmal richtig begonnen wurde.
Der erste Kontakt mit Stress darf nicht der echte Notfall sein
Ein Tourniquet in einem ruhigen, hellen Seminarraum an ein Trainingsbein zu legen, ist der erste Schritt.
Es ist nicht das Endziel.
Nachdem die Handgriffe in Ruhe sicher beherrscht werden, muss kontrollierter Stress hinzukommen.
Die Fenster werden abgedunkelt.
Das Licht wird reduziert oder ausgeschaltet.
Musik, Stimmen und Umgebungsgeräusche laufen über Lautsprecher.
Menschen bewegen sich durch den Raum, stellen Fragen oder stehen im Weg.
Die Teilnehmenden tragen Handschuhe. Material liegt nicht perfekt ausgebreitet auf einem Tisch, sondern muss aus einer Tasche geholt werden. Vielleicht gibt es mehr als eine verletzte Person. Vielleicht beginnt eine bereits versorgte Wunde erneut zu bluten.
Niemand wird dadurch realistisch auf jedes denkbare Ereignis vorbereitet.
Aber der erste Kontakt mit Dunkelheit, Lärm, zitternden Händen und Zeitdruck findet dann nicht erst statt, wenn ein wirklicher Mensch vor ihnen liegt.
Das Training darf dabei kein martialischer Härtetest sein.
Stress muss schrittweise aufgebaut, medizinisch und didaktisch begründet und anschließend gemeinsam ausgewertet werden. Menschen mit Traumaerfahrungen, sensorischen Empfindlichkeiten oder anderen Belastungsgrenzen müssen die Intensität anpassen und eine Übung jederzeit unterbrechen können.
Das Ziel ist nicht, Angst abzutrainieren.
Das Ziel ist, trotz Angst eine erste sinnvolle Handlung abrufen zu können.
Ein IFAK ist kein zufällig gefülltes Täschchen
Zu einem Ersthelfer-Plus-Kurs gehört auch Materialkompetenz.
Wer heute im Internet nach einem IFAK sucht, findet zahlreiche gefüllte Taschen. Darin liegen Tourniquets, Verbände, Scheren, manchmal Chest Seals und häufig allerlei Gegenstände, deren Qualität, Herkunft oder tatsächlicher Nutzen schwer einzuschätzen sind.
IFAK steht für Individual First Aid Kit.
Das entscheidende Wort ist individuell.
Ein solches Set sollte nicht einfach gekauft werden, weil es taktisch aussieht oder besonders viele Teile enthält.
Die Fähigkeiten bestimmen das Material.
Nicht das Material die Fähigkeiten.
Drei Ebenen statt eines überfüllten Beutels
Ein sinnvolles Konzept kann aus drei Ebenen bestehen:
1. Der Kraftfahrzeug-Verbandkasten
Er enthält die vorgeschriebene allgemeine Grundausstattung und bleibt vollständig erhalten.
Er ist kein nutzloses Pflasterpäckchen. Mit Handschuhen, Kompressen, Verbandpäckchen und Rettungsdecke kann bereits viel getan werden.
Bei einer katastrophalen Blutung fehlen jedoch je nach Situation bestimmte spezialisierte Möglichkeiten.
2. Das persönliche Trauma-IFAK
Nach entsprechender praktischer Ausbildung könnte ein kompaktes Set beispielsweise enthalten:
mehrere Paar Einmalhandschuhe,
zwei seriöse und geprüfte Tourniquets,
komprimierte Gaze für Wound Packing,
einen geeigneten Druckverband,
ein ventiliertes Chest Seal,
eine Verbandsschere,
einen wasserfesten Marker,
eine Rettungsdecke.
Warum zwei Tourniquets?
Weil zwei Menschen oder zwei Extremitäten betroffen sein können. Weil bei einer besonders starken Blutung ein zweites Tourniquet erforderlich werden kann. Und weil Material versagen oder bereits verbraucht sein kann.
Ein solches Set muss sofort erreichbar sein.
Ein Tourniquet, das unter Getränkeflaschen, Regenjacke und Powerbank am Boden eines Rucksacks liegt, ist in den entscheidenden Sekunden kaum vorhanden.
3. Das persönliche Situationsmodul
Nicht alle Menschen benötigen dieselbe Ausstattung.
Wer zu einem CSD oder Konzert geht, braucht ein kompaktes, schnell erreichbares Set für unmittelbare zeitkritische Verletzungen.
Wer lange Transitstrecken mit dem Auto fährt und anschließend in abgelegenen Regionen wandert, benötigt möglicherweise mehr Material, zusätzliche Wärmeerhaltung, Licht, Kommunikationsmittel und Versorgung für längere Zeiträume.
Berufskraftfahrende verbringen täglich viele Stunden auf Straßen. Sie können zu den ersten Personen an einem schweren Verkehrsunfall gehören und sollten stärker auf mehrere Verletzte, Dunkelheit, Wetterschutz und eine von außen erreichbare Lagerung vorbereitet sein.
Wer überwiegend Urlaub an Nord- oder Ostsee macht, trifft auf andere Risiken: Wind, Nässe, Auskühlung, Schnittverletzungen, Stürze an Hafenanlagen oder große Entfernungen entlang eines Strandes.
Das persönliche Trauma-IFAK darf deshalb nicht mit Pflastern, Schmerztabletten, Zeckenzange, Blasenversorgung und sämtlichem Reisematerial vollgestopft werden.
Diese Dinge gehören in ein getrenntes allgemeines Versorgungsset.
Im Trauma-IFAK muss jedes Teil innerhalb weniger Sekunden gefunden werden können – auch mit Handschuhen und ohne Licht.
Der Kurs sollte mit einer leeren Tasche beginnen
Ein guter Ersthelfer-Plus-Kurs verkauft nicht einfach ein vorgefertigtes Set.
Er stellt unterschiedliche leere Taschen und Trainingsmaterialien bereit.
Die Teilnehmenden lernen:
ihr persönliches Risikoprofil einzuschätzen,
geeignetes von ungeeignetem Material zu unterscheiden,
jedes Teil an einer festen Stelle einzuordnen,
die Tasche einhändig zu öffnen,
Material mit Handschuhen zu finden,
es bei schlechter Sicht zu entnehmen,
Verfallsdaten und Verpackungen zu kontrollieren,
verbrauchtes Material nach einem Einsatz zu ersetzen.
Am Ende erhält nicht jede Person zwangsläufig dieselbe Einkaufsliste.
Sie erhält einen begründeten Plan:
Das sind meine realistischen Risiken.
Das sind meine erlernten Fähigkeiten.
Dafür brauche ich dieses Material.
Und dort kann ich es innerhalb weniger Sekunden erreichen.
Keine Mini-Sanitäter:innen und kein Auftrag zum Heldentum
Ein Ersthelfer-Plus-Kurs muss seine Grenzen ebenso deutlich vermitteln wie seine Möglichkeiten.
Er umfasst nicht:
die Jagd nach einer angreifenden Person,
das Betreten einer weiterhin akuten Gefahrenzone,
invasive Atemwegsmaßnahmen,
Nadelentlastungen des Brustkorbs,
Infusionen oder intraossäre Zugänge,
eigenständige Medikamentengaben außerhalb normaler Erste Hilfe,
professionelle Sichtungs- oder Todesentscheidungen,
den Ersatz von Sanitäts- und Rettungsdienst.
Niemand soll sich nach einem Tageskurs für eine Einsatzkraft halten.
Die Aufgabe lautet:
sich selbst nicht unnötig gefährden,
den Notruf organisieren,
wenige zeitkritische Gefahren erkennen,
erlernte Maßnahmen anwenden,
ihre Wirkung immer wieder prüfen,
die verletzte Person betreuen,
und bei Eintreffen der Profis klar übergeben.
Danach tritt die ersthelfende Person zurück.
Genau wie Nora in der fiktiven Geschichte.
Nachfrage schafft Angebote
Verwandte Angebote existieren bereits.
Hilfsorganisationen bieten allgemeine Erste-Hilfe-Kurse, regelmäßige Fortbildungen und teilweise besondere Formate zur Krisenvorsorge oder Selbsthilfe an. Ein flächendeckend sichtbarer, einheitlich benannter Ersthelfer-Plus-Kurs mit intensivem Training von Blutungskontrolle, vereinfachtem MARCH, Stressszenarien und persönlicher IFAK-Zusammenstellung ist jedoch bisher nicht als allgemeiner Standard erkennbar.
Das kann sich ändern.
Nicht nur durch einen Beschluss aus einer Bundeszentrale.
Auch von unten.
Eine Freiwillige Feuerwehr könnte auf einem Stadtfest gemeinsam mit einer Hilfsorganisation einen Workshop anbieten:
Was lässt sich mit dem Material aus einem Kraftfahrzeug-Verbandkasten tun?
Wie wird eine lebensbedrohliche Blutung erkannt?
Wann ist direkter Druck richtig?
Was kann ein Tourniquet leisten?
Warum muss seine Anwendung praktisch geübt werden?
Ein solcher Workshop ersetzt keinen vollständigen Ersthelfer-Plus-Kurs.
Aber er senkt die Schwelle.
Menschen können Material anfassen, Fragen stellen und feststellen, dass lebensrettende Hilfe keine geheimnisvolle Spezialmedizin sein muss.
Und die Organisationen erkennen, dass es eine Nachfrage gibt.
Deshalb kann eine E-Mail bereits so aussehen:
Guten Tag,
bieten Sie einen erweiterten Erste-Hilfe-Kurs für interessierte Bürger:innen an, der die praktische Versorgung lebensbedrohlicher Verletzungen vermittelt?
Gemeint ist ein Angebot zwischen dem regulären Erste-Hilfe-Kurs und einer professionellen Sanitäts- oder TECC-Ausbildung. Der Kurs sollte insbesondere starke Blutungen, Tourniquet, Wound Packing, Brustkorbverletzungen, eine vereinfachte MARCH-Struktur sowie Übungen unter kontrolliertem Stress behandeln.
Falls ein solches Angebot noch nicht besteht: Könnten Sie meine Nachfrage aufnehmen oder bei ausreichendem Interesse einen Pilotkurs beziehungsweise Gruppenworkshop anbieten?
Mit freundlichen Grüßen
[Name]
Nicht alle Menschen, die diese E-Mail schreiben, werden später den Kurs besuchen.
Auch das ist in Ordnung.
Sie haben dennoch signalisiert:
Wir wollen nicht nur betroffen sein. Wir wollen die Möglichkeit erhalten, wirksam helfen zu lernen.
Am 1. August
Am 1. August werde ich meine Kamera einpacken.
Ersatzakkus, Mikrofon, Wasser und Presseausweis.
Und ich werde das Material mitnehmen, dessen Gebrauch ich im TECC-Kurs gelernt habe.
Susi wird mitkommen.
Sie wird nicht die ganze Zeit an meiner Seite bleiben.
Sie wird Menschen treffen, sich umsehen und ihren eigenen Christopher Street Day erleben. Vielleicht ist sie irgendwann hundert Meter vor mir. Vielleicht hinter mir. Vielleicht auf der anderen Straßenseite.
Nach Berlin löst dieser Gedanke in mir nicht nur Gelassenheit aus.
Aber die Antwort auf Angst kann nicht sein, dass queere Menschen künftig nur noch in kleinen persönlichen Sicherheitsverbänden durch ihre eigenen Feste gehen.
Susi soll nicht deshalb sicherer sein, weil sie zufällig mit einer Person verheiratet ist, die einen TECC-Kurs besucht hat.
Sie soll von Menschen umgeben sein, die hinschauen.
Menschen, die einen Notruf organisieren.
Die wissen, wie sie mit ihren Händen starken Druck auf eine Wunde ausüben.
Die ein Tourniquet nicht nur im Internet gesehen, sondern praktisch angelegt haben.
Die eine Maßnahme nach zwei Minuten erneut prüfen.
Und die ihre Grenzen kennen.
Dabei ist es unerheblich, ob diese Menschen queer sind, aktiv in der Demonstration mitlaufen, nur am Straßenrand zuschauen oder zufällig aus einem Café treten.
Gemeinschaft kann ein Schutzschild sein.
Doch ein Schutzschild entsteht nicht allein dadurch, dass viele Menschen am selben Ort stehen.
Es entsteht auch, wenn einige von ihnen wissen, was sie in den ersten entscheidenden Minuten tun können.
Wir müssen unsere CSDs, Straßenfeste, Konzerte und Sommerveranstaltungen nicht absagen.
Nicht in diesem Jahr und nicht in den kommenden Jahren.
Wir sollten hingehen.
Wir sollten sichtbar bleiben.
Wir sollten feiern, fotografieren, tanzen, demonstrieren und unsere öffentlichen Räume benutzen.
Und wir sollten anfangen, uns gegenseitig wirksamer helfen zu können.
Vielleicht beginnt das bereits am Montag.
Mit einem einzigen Anruf.




