AuDHS-Enby zwischen Freundschaft, Spiel und Körperlichkeit
Warum Intimität für mich nicht mit Sex beginnt, sondern mit Sicherheit
Was macht ein 50-jähriges Enby, um neue Kontakte zu knüpfen?
Dey geht in die Szene, oder?
Klingt einfach. Ist es aber nicht.
Schon diese Antwort setzt voraus, dass „die Szene“ ein klarer Ort wäre. Ein Raum, in den man einfach hineingeht und dort automatisch Menschen findet, die ähnlich fühlen, ähnlich denken oder ähnliche Formen von Nähe suchen.
In Wirklichkeit ist es komplizierter.
Es gibt schwule Treffpunkte. Es gibt lesbische Events. Es gibt trans Räume. Es gibt queere Partys, Stammtische, politische Gruppen, Dating-Apps und sexpositive Kontexte. Viele dieser Räume sind wichtig. Viele schaffen Sichtbarkeit, Schutz und Zugehörigkeit.
Aber nicht jede queere Person passt automatisch in jeden queeren Raum.
Was ist mit jemandem, der weder einfach schwul noch lesbisch ist? Jemandem, der nicht klassisch trans ist, aber auch nicht in eine binäre Geschlechterordnung passt? Jemandem, der sich mit trans, queer, bi, pan, neurodivergent und anders tickenden Menschen verbunden fühlen kann — aber nicht zuerst über Dating, Party oder Sexualität Zugang sucht?
Ich bin ein AuDHS-Enby. Autistisch, ADHS-geprägt, nichtbinär. Und ich merke immer wieder: Queere Räume können offen sein. Aber sie sind nicht automatisch barrierefrei für neurodivergente Menschen.
Denn auch queere Räume haben Codes.
Wer spricht wen an? Was gilt als Interesse? Was als Freundlichkeit? Was ist Flirt? Was ist nur Smalltalk? Wo darf ich direkt sein? Wo wirke ich zu intensiv? Wo werde ich als nichtbinärer Mensch wahrgenommen — und wo zuerst als älterer, männlich gelesener Körper?
Für viele Menschen ist ein queeres Event ein Möglichkeitsraum. Für mich ist es oft auch ein sozialer Hochleistungsparcours.
Ich nehme nicht nur Menschen wahr. Ich nehme Räume wahr. Lautstärke, Licht, Nähe, Körpersprache, unausgesprochene Erwartungen, Gruppendynamik. Mein Kopf arbeitet, während andere scheinbar einfach „dabei“ sind.
Und dann kommt ein weiterer Punkt dazu: Körperlichkeit bedeutet für mich nicht automatisch Sexualität.
Nähe kann schön sein. Berührung kann wichtig sein. Kuscheln, Vertrauen, gemeinsames Lachen, spielerische Resonanz und ein echtes Hin und Her können für mich sehr viel intensiver sein als ein rein körperlicher Kontakt ohne innere Verbindung.
Für mich entsteht Intimität nicht durch Verfügbarkeit. Sie entsteht durch Sicherheit.
Ich brauche eine freundschaftliche Ebene, bevor ich mich wirklich öffnen kann. Nicht als romantische Pflicht. Nicht als moralische Bedingung. Sondern weil mein Nervensystem Sicherheit braucht, mein Kopf Klarheit sucht und mein Körper Nähe nur dann wirklich zulassen kann, wenn Vertrauen da ist.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem viele Räume für mich nicht passen.
Dating-Apps sind oft zu schnell. Party-Kontexte sind oft zu laut. Gruppen sind oft schwer lesbar. Sexpositive Räume können offen sein, aber für mich trotzdem nicht der richtige Ausgangspunkt. Klassische Freundschaftsräume wiederum sind häufig nicht queer, nicht nichtbinär sensibel und nicht neurodivergenzfreundlich.
Ich suche nicht „nur Freundschaft“.
Ich suche aber auch nicht „nur Sex“.
Ich suche Verbindung.
Eine Form von Nähe, in der Freundschaft nicht als Hindernis für Intimität gilt, sondern als Grundlage. Eine Form von Körperlichkeit, die nicht sofort funktionieren muss. Eine Form von Spiel, die nicht auf Eroberung, Status oder schnelle Verfügbarkeit hinausläuft, sondern auf Resonanz.
Für mich beginnt Intimität nicht mit Sex, sie beginnt mit Sicherheit, mit dem Gefühl, nicht falsch gelesen zu werden. Nicht erklären zu müssen, warum ich weder Mann noch Frau im klassischen Sinn bin. Nicht beweisen zu müssen, dass ich queer genug bin. Nicht so tun zu müssen, als wären Smalltalk, Gruppencodes und spontane soziale Nähe für mich einfach.
Das ist kein Text über Sexsuche oder Partnersuche. Ich bin sehr glücklich verheiratet und emotional treu.
Es ist ein Text über Verbindung und Vertrauen. Über neurodivergente Formen von Nähe. Und über die Frage, warum selbst offene Räume für manche Menschen schwer zugänglich bleiben, wenn ihre unausgesprochenen Regeln weiter nach neurotypischen Mustern funktionieren.
Queere Räume sind wichtig, sehr sogar. Aber queer allein reicht nicht immer.
Wir brauchen auch Räume, in denen neurodivergente Menschen nicht ständig soziale Übersetzungsarbeit leisten müssen. Räume, in denen direkte Sprache nicht als störend gilt. In denen Rückzug nicht sofort als Desinteresse gelesen wird. In denen Nähe langsam entstehen darf. In denen Freundschaft, Spiel und Körperlichkeit nicht zwanghaft getrennt werden müssen.
Vielleicht suche ich am Ende gar keinen perfekten Ort.
Vielleicht suche ich Menschen, bei denen mein Anderssein nicht erst überwunden werden muss, bevor Verbindung möglich wird.
Kannst Du relaten? Wenn dich der Artikel berührt oder zum Nachdenken gebracht hat, freue ich mich über einen Kommentar, ein Like, ein Abo oder einen Restack.



